## Kapitel 1: Der stille Wächter hatte alles gesehen
„Jemand aus meiner eigenen Firma hilft Mauricio?“, fragte ich ungläubig.
Alejandro Santillán hielt mir die Beifahrertür auf, doch ich blieb stehen.
„Ich steige nicht einfach in das Auto eines Mannes, den ich kaum kenne.“
Er sah mich einen Moment lang an. Dann nickte er.
„Das ist vernünftig. Ich werde Sie zu nichts drängen.“
Er gab einem seiner Mitarbeiter ein Zeichen. Dieser blieb in einiger Entfernung stehen, während Alejandro mir erklärte, dass die Polizei bereits unterwegs sei und der Sicherheitsdienst die Aufnahmen der Überwachungskameras gesichert habe.
„Sie haben die ganze Zeit zugesehen?“, fragte ich.
„Nicht die ganze Zeit. Ich war auf dem Weg zu einer Besprechung, als ich sah, wie Mauricio Sie gegen die Säule drängte.“
„Und warum haben Sie nicht sofort eingegriffen?“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Ich habe zuerst dafür gesorgt, dass meine Mitarbeiter den Sicherheitsdienst alarmieren. Dann bin ich zu Ihnen gekommen. Ich wollte nicht, dass die Situation durch eine unüberlegte Reaktion noch gefährlicher wird.“
Ich schwieg.
In den vergangenen Monaten hatte ich gelernt, dass Menschen oft versprachen, mich zu beschützen, nur um später mehr Kontrolle über mein Leben zu verlangen.
Alejandro schien meine Gedanken zu verstehen.
„Sie müssen mir nicht vertrauen, Camila. Aber Sie sollten wissen, dass Mauricio nicht wegen Ihrer Beziehung zu ihm dort war.“
„Wegen der Unterlagen.“
„Genau.“
Ich verschränkte die Arme.
„Dann erklären Sie mir, warum jemand wegen einer gewöhnlichen Prüfung solche Risiken eingehen würde.“
Alejandro blickte zu den Polizeibeamten, die gerade den Parkplatz betraten.
„Weil die Prüfung möglicherweise gar nicht gewöhnlich ist.“
Zum ersten Mal verstand ich, dass die Sache größer war, als ich gedacht hatte.
Und ich ahnte noch nicht, wie nah die Gefahr tatsächlich an mich herangerückt war.
## Kapitel 2: Die Akte, die niemand sehen durfte
Am nächsten Morgen ging ich trotz der schlaflosen Nacht ins Büro.
Ich wollte meine Arbeit erledigen, bevor Gerüchte über den Vorfall die Runde machten. Außerdem musste ich herausfinden, weshalb Mauricio ausgerechnet die Unterlagen von Transportes Monteverde verlangt hatte.
Meine Kollegin Lucía bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Camila, du siehst aus, als hättest du kein Auge zugemacht.“
„Das habe ich auch nicht.“
Sie schloss die Tür unseres Besprechungsraums.
„Ich habe gehört, dass gestern Abend die Polizei im Parkhaus war. Geht es dir gut?“
Ich erzählte ihr nur das Nötigste.
Als ich Mauricio erwähnte, wurde sie blass.
„Er wollte vertrauliche Unterlagen?“
„Ja. Und Alejandro Santillán glaubt, dass jemand aus unserem Unternehmen dahintersteckt.“
Lucía schwieg.
Zu lange.
„Was weißt du?“, fragte ich.
„Nichts“, antwortete sie hastig.
Ich kannte Lucía seit vier Jahren. Sie war nicht der Typ Mensch, der leicht log. Wenn sie etwas verschwieg, hatte sie normalerweise einen guten Grund.
Bevor ich weiterfragen konnte, erhielt ich eine Nachricht von unserem Abteilungsleiter, Herrn Robles.
Bitte kommen Sie um 10 Uhr in mein Büro. Es geht um Ihre Prüfung von Transportes Monteverde.
Als ich eintrat, saß er hinter seinem Schreibtisch und hatte mehrere Dokumente vor sich liegen.
„Frau Mendoza, Ihre bisherigen Ergebnisse werfen einige Fragen auf.“
„Welche Fragen?“
Er schob mir einen Ausdruck hin.
Es war eine Liste von Zahlungen an drei verschiedene Subunternehmen. Die Beträge waren ungewöhnlich hoch, und mehrere Rechnungen schienen sich auf dieselben Leistungen zu beziehen.
„Diese Transaktionen sind noch nicht abschließend geprüft“, erklärte ich.
„Dann sollten Sie mit Ihren Schlussfolgerungen vorsichtig sein.“
„Ich habe noch gar keine Schlussfolgerungen gezogen.“
Er lächelte dünn.
„Gut. Denn manchmal kann ein übereifriger Prüfer einen erheblichen Schaden anrichten.“
Ich verließ sein Büro mit einem unguten Gefühl.
Auf meinem Schreibtisch wartete bereits eine neue Nachricht. Sie kam von einer unbekannten Adresse.
„Hören Sie auf, die Zahlungen von Monteverde zu untersuchen. Mauricio war nur der Anfang.“
Ich las den Satz dreimal.
Dann machte ich einen Screenshot, speicherte die Nachricht und meldete den Vorfall der zuständigen internen Stelle.
Ich würde mich nicht einschüchtern lassen.
Nicht diesmal.
## Kapitel 3: Ein Angebot, das ich nicht annehmen wollte
Am Nachmittag meldete sich Alejandro telefonisch.
„Ich möchte Ihnen etwas zeigen“, sagte er. „Aber Sie entscheiden selbst, ob Sie kommen.“
„Worum geht es?“
„Um die Zahlungen, die Sie prüfen.“
Ich überlegte kurz.
„Ich treffe Sie an einem öffentlichen Ort. Und ich bringe eine Kollegin mit.“
„Einverstanden.“
Eine Stunde später saßen Lucía und ich in einem belebten Café in der Nähe des Unternehmensgebäudes. Alejandro kam pünktlich und legte einen dünnen Ordner auf den Tisch.
„Ich habe nicht vor, mich in Ihre Prüfung einzumischen“, erklärte er. „Aber ich habe vor einigen Wochen eine interne Untersuchung zu verdächtigen Rechnungen angeordnet.“
Er zeigte uns Kopien von Verträgen zwischen Transportes Monteverde und mehreren Dienstleistern.
Ein Unternehmen hatte Geld für Transporte erhalten, die laut den vorliegenden Aufzeichnungen nie stattgefunden hatten.
Ein anderes hatte Rechnungen für Wartungsarbeiten eingereicht, obwohl die betreffenden Fahrzeuge laut Wartungsprotokollen gar nicht in der Werkstatt gewesen waren.
„Wie viel Geld fehlt?“, fragte ich.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



