Carolina wischt sich über die Augen.

„Er wurde wütend.“

„Was hat er getan?“

„Er sagte, ich würde dem Ruf des Hotels schaden, wenn ich weiter Fragen stelle.“

Du lehnst dich vor.

„Und heute Abend?“

Sie zögert.

„Heute hat er mir ein Dokument gegeben.“

„Was stand darin?“

„Dass ich alle Zahlungen erhalten hätte und auf weitere Forderungen verzichte.“

Du erstarrst.

„Haben Sie unterschrieben?“

Carolina nickt langsam.

„Er sagte, wenn ich es nicht tue, verliere ich meine Arbeit.“

Du atmest tief ein.

„Haben Sie eine Kopie bekommen?“

„Nein.“

„Und warum waren Sie hier eingeschlossen?“

Ihre Hände zittern.

„Ich wollte das Dokument zurückhaben. Ich sagte, ich müsse es erst verstehen. Da wurde er wütend und sagte, ich solle hier warten, bis ich mich beruhigt hätte.“

Du schweigst.

Dann fragst du:

„Wie lange waren Sie hier?“

„Ich weiß es nicht genau. Vielleicht eine Stunde.“

Du blickst zur Tür.

Es ist schwer zu glauben, dass sich nur wenige Stockwerke über euch Menschen bei teuren Abendessen amüsieren, während eine Mitarbeiterin in einem verschlossenen Raum sitzt, weil sie ihren Lohn verlangt hat.

„Carolina“, sagst du ruhig, „ich werde dafür sorgen, dass diese Vorwürfe unabhängig untersucht werden.“

Sie sieht dich an.

„Und meine Arbeit?“

Du antwortest ohne Zögern.

„Sie werden nicht dafür bestraft, dass Sie über Ihre Arbeitsbedingungen gesprochen haben.“

Carolina beginnt erneut zu weinen.

Diesmal vor Erleichterung.

## KAPITEL 5 – DIE AKTE MIT DEN FÜNFZEHN NAMEN

Eine Stunde später sitzt du im Konferenzraum des Hotels.

Neben dir befinden sich Rafa, die Leiterin der Rechtsabteilung und eine externe Prüferin, die kurzfristig hinzugezogen wurde.

Esteban sitzt auf der anderen Seite des Tisches.

Sein Gesicht ist angespannt.

„Herr Mendoza“, beginnt er, „ich versichere Ihnen, dass diese Angelegenheit völlig übertrieben dargestellt wurde.“

Du blickst ihn an.

„Dann dürfte eine unabhängige Untersuchung ja keine Probleme bereiten.“

Er schweigt.

Du wendest dich an die Personalchefin.

„Ich möchte sämtliche Lohnabrechnungen, Zeiterfassungen und Beschwerden der letzten zwölf Monate sichern lassen.“

Die Frau nickt.

„Selbstverständlich.“

„Außerdem müssen die Überwachungsaufnahmen aus dem Personalbereich erhalten bleiben.“

Rafa macht sich Notizen.

Esteban räuspert sich.

„Das ist doch völlig unverhältnismäßig.“

Du antwortest nicht.

Stattdessen betrachtest du die Unterlagen, die dir die Personalchefin gerade überreicht hat.

Eine Tabelle.

Fünfzehn Namen.

Neben jedem Namen stehen mehrere Stundenangaben.

Du vergleichst sie mit den offiziell erfassten Arbeitszeiten.

Dann bemerkst du etwas.

Die Zahlen stimmen nicht überein.

Bei Carolina fehlen elf Stunden.

Bei einer anderen Mitarbeiterin achtzehn.

Bei einem dritten Namen sogar sechsundzwanzig.

Du blickst auf.

„Was ist das?“

Die Personalchefin wird blass.

„Das sind interne Korrekturen.“

„Wer hat sie angeordnet?“

Sie zögert.

„Herr Valdés.“

Esteban richtet sich auf.

„Diese Anpassungen waren notwendig, um das Budget einzuhalten.“

Du legst die Unterlagen auf den Tisch.

„Ein Budget ist kein Grund, tatsächlich geleistete Arbeit nicht zu bezahlen.“

Er verschränkt die Arme.

„Sie verstehen die operative Situation nicht.“

Du siehst ihn lange an.

Dann sagst du:

„Sie haben recht. Ich verstehe nicht, wie Sie glauben konnten, dass das unbemerkt bleiben würde.“

Die Personalchefin räuspert sich.

„Herr Mendoza, es gibt noch etwas.“

Du drehst dich zu ihr.

„Was?“

Sie zieht einen zweiten Ordner hervor.

Auf dem Umschlag steht:

VERTRAULICH – SONDERZAHLUNGEN

Esteban wird plötzlich unruhig.

„Diese Unterlagen haben mit dem Vorfall nichts zu tun.“

Die Personalchefin ignoriert ihn.

„Ich glaube, Sie sollten sich das ansehen.“

Du öffnest den Ordner.

Und was du darin findest, lässt dich für einen Moment sprachlos werden.

## KAPITEL 6 – DAS GELD, DAS VERSCHWUNDEN WAR

Die erste Seite enthält eine Aufstellung über monatliche Sonderzahlungen.

Jeden Monat wurden größere Beträge aus einem internen Betriebskonto abgebucht.

Die Zahlungen waren als „Beratungsleistungen“ gekennzeichnet.

Du erkennst den Namen des Empfängers nicht.

Valdés Strategic Consulting LLC

Du blickst zu Esteban.

„Gehört Ihnen dieses Unternehmen?“

Er schweigt.

„Herr Valdés?“

„Es handelt sich um eine unabhängige Beratungsgesellschaft.“

Du blätterst weiter.

Auf der nächsten Seite steht seine Unterschrift.

Darunter die Unterschrift eines zweiten Mannes.

Du erkennst den Namen sofort.

Ricardo Salazar.

Dein Finanzdirektor.

Ein Mann, dem du seit Jahren vertraust.

Rafa bemerkt deinen Gesichtsausdruck.

„Gabriel?“

Du schiebst ihm die Unterlagen zu.

Er liest die erste Seite.

Dann die zweite.

„Das kann nicht sein“, flüstert er.

Du lehnst dich zurück.

Jetzt verstehst du, warum die Beschwerden der Mitarbeiter nie bei der Unternehmensleitung angekommen sind.

Warum die Lohnabrechnungen verändert wurden.

Und warum Esteban sich so sicher gefühlt hat.

Er war offenbar nicht allein.

Du siehst ihn an.

„Wie lange läuft das schon?“

Esteban verschränkt die Arme.

„Ich werde ohne meinen Anwalt keine weiteren Fragen beantworten.“

Du nickst.

„Das ist Ihr gutes Recht.“

Dann wendest du dich an die Rechtsabteilung.

„Sichern Sie die Unterlagen. Beauftragen Sie eine unabhängige forensische Prüfung. Und informieren Sie die zuständigen Stellen, sobald die notwendigen Fakten gesichert sind.“

Die Juristin nickt.

Du stehst auf.

„Herr Valdés, Sie werden bis zur Klärung der Vorwürfe von Ihren Aufgaben freigestellt. Die Personalabteilung wird Ihnen die formellen Schritte erläutern.“

Esteban springt auf.