Dann versucht er zu lächeln.

„Herr Mendoza! Hätte ich gewusst, dass Sie heute zu Besuch kommen, hätte ich selbstverständlich alles vorbereitet.“

Du blickst ihn an.

„Genau deshalb habe ich niemanden informiert.“

Sein Lächeln verschwindet.

„Jetzt bringen Sie mich zu Carolina Reyes.“

Esteban zögert.

„Sie befindet sich vermutlich im Personalbereich.“

„Vermutlich?“

„Ich müsste nachsehen.“

Du trittst einen Schritt näher.

„Sie sind der Generaldirektor. Ein Kind sagt mir gerade, dass seine Mutter bedroht und in einem Raum eingeschlossen wurde. Und Sie wissen angeblich nicht, wo diese Mitarbeiterin ist?“

Niemand spricht.

Dann sagt Esteban leise:

„Kommen Sie mit.“

Du drehst dich zu Ximena.

Das Mädchen blickt dich mit großen Augen an.

„Wirst du Mama wirklich holen?“

Du gehst in die Hocke.

„Ja. Teresa bleibt bei dir, bis wir wissen, wo sie ist.“

Ximena nickt.

Doch bevor du aufstehst, greift sie nach deiner Hand.

„Bitte sei nicht böse auf Mama.“

Du spürst, wie sich etwas in deiner Brust zusammenzieht.

„Warum sollte ich?“

Sie senkt den Blick.

„Weil sie manchmal weint, wenn sie von der Arbeit kommt.“

Du siehst zu Esteban.

Er weicht deinem Blick aus.

Und in diesem Moment weißt du, dass du heute Nacht nicht nur einen Lohnstreit untersuchen wirst.

## KAPITEL 3 – DIE TÜR IM UNTERGESCHOSS

Der Aufzug fährt langsam nach unten.

Du stehst zwischen Rafa und Esteban.

Niemand sagt ein Wort.

Als sich die Türen öffnen, erwartet dich kein luxuriöser Hotelflur.

Stattdessen siehst du graue Wände, flackernde Deckenlampen und einen langen Korridor, in dem der Geruch von Reinigungsmitteln hängt.

Hier unten arbeiten die Menschen, die dafür sorgen, dass oben alles makellos aussieht.

Die Zimmermädchen.

Die Reinigungskräfte.

Die Küchenhilfen.

Die Mitarbeiter, deren Namen die meisten Gäste niemals erfahren.

Esteban geht voraus.

„Carolina müsste in der Wäscherei sein.“

Du folgst ihm.

Am Ende des Flurs erreicht ihr eine schwere Tür.

Esteban versucht, sie zu öffnen.

Sie ist verschlossen.

Du bleibst stehen.

„Warum ist die Wäscherei abgeschlossen?“

„Aus Sicherheitsgründen.“

„Während sich möglicherweise eine Mitarbeiterin darin befindet?“

Er antwortet nicht.

Rafa tritt vor.

„Öffnen Sie die Tür.“

Esteban zieht einen Schlüsselbund aus seiner Tasche.

Seine Finger zittern.

Als die Tür aufgeht, hörst du ein leises Geräusch.

Jemand bewegt sich im Inneren.

Der Raum ist klein und schlecht beleuchtet.

Zwischen Regalen mit Handtüchern sitzt eine Frau auf einem Stuhl.

Sie trägt eine graue Arbeitsuniform.

Ihr Gesicht ist blass.

Neben ihr steht ein Eimer mit Reinigungsmitteln.

Als sie euch sieht, richtet sie sich erschrocken auf.

„Herr Valdés, ich habe doch gesagt, dass ich die Unterlagen morgen unterschreiben werde.“

Du bleibst wie angewurzelt stehen.

Esteban hebt sofort die Hände.

„Carolina, beruhigen Sie sich. Es gab offenbar ein Missverständnis.“

Die Frau sieht ihn an.

Dann dich.

„Wer sind Sie?“

Du gehst langsam auf sie zu.

„Gabriel Mendoza. Ich bin Eigentümer der Hotelgruppe.“

Ihre Augen werden groß.

„Der Eigentümer?“

„Ja.“

Sie versucht aufzustehen, doch du bemerkst, dass ihr schwindelig ist.

„Bitte bleiben Sie sitzen.“

Du wendest dich an Rafa.

„Ruf den medizinischen Bereitschaftsdienst des Hotels. Sofort.“

Carolina schüttelt den Kopf.

„Nein, bitte. Ich kann arbeiten. Ich muss nur kurz—“

„Sie müssen jetzt gar nichts beweisen“, unterbrichst du sie sanft.

Sie blickt dich verwirrt an.

„Wo ist meine Tochter?“, fragt sie plötzlich.

„Oben. Sie ist bei Teresa und in Sicherheit.“

Carolina schlägt eine Hand vor den Mund.

„Ximena …“

Ihre Stimme bricht.

Du ziehst einen Stuhl heran.

„Carolina, ich muss Ihnen eine Frage stellen.“

Sie nickt.

„Hat Herr Valdés Sie hier eingeschlossen?“

Sie sieht zu Esteban.

Sofort verändert sich ihr Gesicht.

Du erkennst dieselbe Angst, die du vorhin bei Ximena gesehen hast.

„Sie können mit mir sprechen“, sagst du. „Aber Sie müssen nichts vor ihm erklären.“

Dann wendest du dich an Esteban.

„Gehen Sie bitte hinaus.“

„Herr Mendoza, das ist doch absurd—“

„Hinaus.“

Zum ersten Mal widerspricht er nicht.

Als die Tür hinter ihm geschlossen ist, beginnt Carolina zu weinen.

Und dann erzählt sie dir, was in diesem Hotel wirklich geschieht.

## KAPITEL 4 – DIE UNTERSCHRIFT UNTER DROHUNG

Carolina spricht zunächst stockend.

Sie erzählt, dass sie seit vier Jahren im Hotel arbeitet.

Vier Jahre, in denen sie kaum einen Tag gefehlt hat.

Vier Jahre, in denen sie Überstunden übernommen, kurzfristig Schichten getauscht und immer wieder eingesprungen ist, wenn andere Mitarbeiter ausfielen.

Seit dem Tod ihres Mannes ist sie allein für Ximena verantwortlich.

Sie braucht ihre Arbeit.

Und Esteban weiß das.

„Vor drei Monaten“, beginnt sie, „wurden unsere Arbeitszeiten geändert.“

Du hörst aufmerksam zu.

„Was genau wurde geändert?“

„Wir mussten früher anfangen und länger bleiben. Aber auf unseren Lohnabrechnungen standen weniger Stunden.“

Du runzelst die Stirn.

„Haben Sie das gemeldet?“

Carolina nickt.

„Mehrmals. Zuerst bei der Personalabteilung. Dann bei Herrn Valdés.“

„Und was geschah?“

Sie senkt den Blick.

„Er sagte, ich solle dankbar sein, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben.“

Du spürst Wut aufsteigen.

Aber du unterbrichst sie nicht.

„Letzte Woche habe ich ihm gesagt, dass ich meine ausstehenden Löhne brauche. Meine Tochter benötigt neue Schulsachen, und unsere Miete ist fällig.“