„Nein! In der Nachricht steht, dass ich allein kommen soll.“
„Und du glaubst, du solltest einfach hingehen?“
„Das ist mein Bruder!“
„Und genau deshalb wirst du jetzt nicht unüberlegt handeln.“
Rosario trat näher.
„Du hast mir versprochen, dass niemand uns bedrohen würde.“
Eduardo sah sie an, als hätte sie ihn geschlagen.
„Ich habe dir versprochen, dich zu schützen. Nicht, dass ich zulassen werde, dass du dich in Gefahr bringst.“
„Dann hilf mir, Mateo zu finden. Aber entscheide nicht über meinen Kopf hinweg.“
Für einen Moment schien Eduardo etwas sagen zu wollen. Dann atmete er langsam aus.
„Du hast recht.“
Er wandte sich an seinen Anwalt.
„Informiere die zuständigen Behörden. Wir geben ihnen die Nachricht und alle Informationen, die wir haben. Niemand geht allein zu diesem Lagerhaus.“
Rosario nickte, obwohl ihre Hände zitterten.
Sie wollte ihren Bruder zurück.
Und sie wollte nicht, dass noch jemand seinetwegen verletzt wurde.
Wenige Minuten später traf eine weitere Nachricht ein.
Diesmal enthielt sie ein Foto.
Mateo saß auf einem Stuhl in einem kahlen Raum. Er schien unverletzt zu sein, doch sein Gesicht war blass, und er hielt die Hände fest ineinander verschränkt.
Auf der Rückseite des Bildes war eine kurze Nachricht zu sehen:
Frag Eduardo, was wirklich mit Gabriel passiert ist.
Rosario hob langsam den Blick.
Eduardo starrte auf das Foto.
„Gabriel“, flüsterte er.
Dann bemerkte Rosario etwas im Hintergrund des Bildes.
An der Wand hing ein altes Schild mit einer verblassten Aufschrift.
Sie kannte dieses Logo.
Es gehörte zu einer Firma, die offiziell vor sieben Jahren geschlossen worden war.
Und die Firma war damals von Vicente Paz verwaltet worden.
## 4. DIE WAHRHEIT, DIE EDUARDO SIEBEN JAHRE LANG GESUCHT HATTE
Eduardo setzte sich langsam.
Zum ersten Mal sah Rosario den Mafia-Boss nicht als einen Mann, vor dem sich alle fürchteten.
Sie sah einen Bruder, der seit sieben Jahren mit einer unbeantworteten Frage lebte.
„Ich dachte, Gabriel wäre fortgegangen“, sagte er. „Ich dachte, er hätte mich verraten.“
Rosario setzte sich ihm gegenüber.
„Du weißt es nicht. Noch nicht.“
„Wenn Vicente etwas mit seinem Verschwinden zu tun hatte …“
Er brach ab.
Rosario legte das Telefon auf den Tisch.
„Dann müssen wir die Wahrheit herausfinden. Aber Mateo darf nicht zum Opfer eines alten Streits werden.“
Eduardo nickte langsam.
Er gab den Ermittlern die Informationen weiter, die sie brauchten, und ließ sämtliche verfügbaren Unterlagen zum alten Lagerhaus sichern. Rosario blieb an seiner Seite, obwohl sie vor Angst kaum still sitzen konnte.
Eine Stunde verging.
Dann zwei.
Schließlich klingelte Eduardos Telefon.
Ein Ermittler hatte das Lagerhaus gefunden. Mateo war dort nicht mehr, doch es gab Hinweise darauf, dass er vor kurzer Zeit an einen anderen Ort gebracht worden war.
Die Suche ging weiter.
Rosario stand auf und ging zum Fenster. Draußen war der Himmel dunkel geworden.
„Ich hätte ihn selbst abholen sollen“, flüsterte sie.
Eduardo trat neben sie.
„Das ist nicht deine Schuld.“
„Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn beschützen würde.“
„Und du hast alles getan, was du konntest.“
Rosario schüttelte den Kopf.
„Du verstehst das nicht. Er ist mein kleiner Bruder. Unsere Mutter hat uns immer gesagt, dass wir einander nicht aufgeben dürfen. Ich kann ihn nicht verlieren.“
Eduardo sah sie lange an.
Dann sagte er etwas, das Rosario nicht erwartet hatte.
„Als Gabriel verschwand, habe ich aufgehört, Menschen zu vertrauen. Ich dachte, wenn ich nur mächtig genug werde, kann mir niemand mehr etwas nehmen.“
Er blickte auf das Foto von Mateo.
„Aber Macht hat mir meinen Bruder nicht zurückgebracht.“
Rosario sah ihn an.
„Dann hör auf, alles allein lösen zu wollen.“
Eduardo nickte.
„Das werde ich versuchen.“
In diesem Moment kam sein Anwalt mit einem weiteren Dokument ins Zimmer.
„Wir haben die alten Firmenunterlagen geprüft“, erklärte er. „Es gibt eine Verbindung zwischen dem Lagerhaus, Vicente Paz und einem Konto, das vor sieben Jahren geschlossen wurde.“
Eduardo nahm die Papiere entgegen.
Auf der letzten Seite stand ein Name.
Gabriel Castellano.
Darunter befand sich eine Unterschrift, die angeblich von Gabriels eigener Hand stammte.
Eduardo starrte sie an.
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“, fragte Rosario.
Er hob den Blick.
„Weil diese Unterschrift auf einem Dokument steht, das angeblich drei Tage nach seinem Verschwinden ausgestellt wurde.“
Rosario spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Dann könnte Gabriel damals noch am Leben gewesen sein.“
Eduardo antwortete nicht.
Doch in seinen Augen erschien etwas, das Rosario dort seit ihrer ersten Begegnung nicht gesehen hatte.
Hoffnung.
Und genau in diesem Moment vibrierte ihr Telefon erneut.
Eine neue Nachricht.
Diesmal war es kein Foto.
Es war eine Sprachnachricht von Mateo.
Rosario drückte auf Wiedergabe.
Zuerst hörte sie nur Rauschen. Dann die zitternde Stimme ihres Bruders.
„Rosario … wenn du das hörst, dann vertrau niemandem, der behauptet, dir helfen zu wollen.“
Ein Geräusch unterbrach ihn.
Dann sagte Mateo noch einen Satz.
Einen Satz, der Eduardo erstarren ließ.
„Der Mann, der mich hierhergebracht hat … sagt, dass Onkel Gabriel zurückkommen wird.“
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