Der Regen fiel schwer auf die Straßen von Veracruz, als Rosario Méndez mit dem zerknitterten Fleischereizettel in der Hand vor dem Anwesen der Castellanos ankam.

Auf dem Papier stand der Name, den sie inzwischen nicht mehr aus dem Kopf bekam:

Paz e Hijos – Carnes del Puerto.

Vicente Paz.

Der Mann, dem Eduardo seit zwanzig Jahren vertraute. Der Mann, der Zugang zu den Lagern, den Lieferanten und den privaten Stallungen hatte. Der Mann, der immer freundlich lächelte, wenn er Rosario begegnete – und dessen Anwesenheit Titán inzwischen jedes Mal in Unruhe versetzte.

Rosario hatte keine Beweise dafür, dass Vicente hinter dem vergifteten Fleisch steckte. Aber der Fund neben Chispas kleinem Körper war kein Zufall, den sie einfach ignorieren konnte.

Als sie die Eingangshalle betrat, wartete Eduardo bereits auf sie.

Er stand vor einem großen Fenster. Sein schwarzes Hemd war bis zu den Unterarmen hochgekrempelt, und sein Gesicht wirkte so angespannt, dass selbst die beiden Wachen an der Tür kein Wort sagten.

„Du warst bei deinem Bruder“, stellte er fest.

„Ja.“

„Und du hast mir nicht gesagt, dass jemand versucht hat, Titán zu vergiften.“

Rosario blieb stehen.

„Ich habe es gerade erst herausgefunden.“

Eduardo wandte sich zu ihr.

„Du hättest mich sofort anrufen müssen.“

„Damit du Vicente beschuldigst, bevor wir überhaupt wissen, was passiert ist?“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Wenn jemand meiner Familie oder meinen Tieren schadet, warte ich nicht darauf, dass er es ein zweites Mal versucht.“

„Dann solltest du vielleicht herausfinden, wer es war, statt jeden zu bedrohen, der dir verdächtig vorkommt.“

Die Wachen wechselten nervöse Blicke.

Niemand sprach so mit Eduardo Castellano.

Doch Eduardo schrie nicht. Er betrachtete Rosario lediglich, als hätte sie eine Tür geöffnet, hinter der er seit Jahren nicht mehr gewesen war.

„Du hast keine Angst vor mir“, sagte er schließlich.

„Doch“, erwiderte Rosario ehrlich. „Aber ich habe noch mehr Angst davor, dass dein Zorn einen Unschuldigen trifft.“

Zum ersten Mal an diesem Abend antwortete er nicht.

Dann nahm er den Zettel aus ihrer Hand und betrachtete das Logo.

„Ich werde herausfinden, was dahintersteckt.“

„Wir werden es herausfinden“, korrigierte Rosario. „Und bis dahin lässt du Vicente in Ruhe.“

Eduardo hob langsam den Blick.

„Du verlangst viel von einem Mann, den du kaum kennst.“

„Und du verlangst viel von einer Frau, die du erst seit wenigen Wochen kennst.“

Einen langen Moment standen sie einander gegenüber.

Dann steckte Eduardo den Zettel in seine Tasche.

„Gut. Wir suchen nach Beweisen.“

Rosario atmete erleichtert aus.

Doch als sie sich zur Treppe wandte, hörte sie seine Stimme hinter sich.

„Rosario?“

Sie drehte sich um.

„Du gehörst nicht mir“, sagte Eduardo leise. „Aber solange du unter diesem Dach bist, wird niemand dich oder deinen Bruder bedrohen, ohne dass ich davon erfahre.“

Rosario sah ihn ernst an.

„Schutz ist keine Erlaubnis, über mein Leben zu bestimmen.“

„Das habe ich verstanden.“

Sie wusste nicht, ob er es wirklich verstanden hatte.

Aber es war das erste Mal, dass er ihr nicht widersprach.

## 1. DIE FRAU, DIE TITÁN VERTRAUTE, UND DER MANN, DER ALLES ZU VERLIEREN HATTE

Am nächsten Morgen brachte Rosario Mateo zur Schule und kehrte anschließend auf die Hacienda zurück.

Titán wartete bereits an der Tür seines Stalls.

Sein dunkles Fell glänzte im Morgenlicht. Die Wunden an seinem Körper heilten langsam, und seine Bewegungen wirkten nicht mehr so angespannt wie in den ersten Tagen.

Als Rosario sich neben ihn setzte, legte er den Kopf auf ihre Schulter.

„Du musst wieder gesund werden, mein Großer“, flüsterte sie. „Ich kann nicht noch jemanden verlieren.“

Der Hund hob den Kopf, als hätte er ihre Worte verstanden.

Rosario strich ihm über den Nacken.

Sie hatte Chispa nicht retten können. Der kleine Hund ihres Bruders war ihr in den vergangenen Monaten ans Herz gewachsen. Mateo hatte ihn von einem Nachbarn bekommen, und seitdem war Chispa sein ständiger Begleiter gewesen.

Jetzt musste Rosario ihrem Bruder erklären, warum das Tier nicht mehr zurückkommen würde.

Sie wusste nicht, wie sie es tun sollte, ohne ihm noch mehr Angst zu machen.

„Er vermisst dich.“

Eduardos Stimme ließ sie aufblicken.

Er stand in der Tür und hielt zwei Becher Kaffee in der Hand.

„Mateo?“, fragte sie.

Eduardo nickte.

„Ich habe ihn gestern Abend kurz gesehen. Er hat mir erzählt, dass Chispa immer auf dich gewartet hat, wenn du von der Arbeit nach Hause gekommen bist.“

Rosario senkte den Blick.

„Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen.“

„Du kannst nicht überall gleichzeitig sein.“

„Das sagen Menschen meistens, wenn sie nicht wissen, wie sie jemandem helfen sollen.“

Eduardo stellte einen Becher neben sie.

„Vielleicht. Aber manchmal ist es trotzdem wahr.“

Sie sah ihn überrascht an.

In seiner Stimme lag keine Ungeduld. Keine Anweisung. Nur eine Müdigkeit, die er sonst vor allen verbarg.

„Hast du jemals jemanden verloren, den du nicht retten konntest?“, fragte sie.

Eduardo blickte hinaus auf den Hof.

„Meinen jüngeren Bruder.“