Rosario wusste nicht, dass Eduardo einen Bruder gehabt hatte.
„Was ist passiert?“
Er schwieg so lange, dass sie glaubte, er würde nicht antworten.
„Er hieß Gabriel. Er war jünger als ich und glaubte, man könne die Welt verändern, wenn man nur mutig genug wäre. Vor sieben Jahren verschwand er nach einem Streit mit Vicente.“
Rosario richtete sich auf.
„Mit Vicente Paz?“
Eduardo nickte.
„Vicente behauptete, Gabriel habe Geld gestohlen und sei geflohen. Ich glaubte ihm. Ich suchte monatelang nach meinem Bruder, aber ich fand nichts.“
„Und du hast Vicente weiterhin vertraut?“
„Er war der Einzige, der mir half, nach Gabriel zu suchen.“
Rosario betrachtete ihn nachdenklich.
Plötzlich ergab vieles einen anderen Sinn.
Vicente war nicht einfach nur ein langjähriger Berater. Er war der Mann, dessen Geschichte Eduardo möglicherweise seit sieben Jahren glaubte.
„Wenn Vicente damals gelogen hat“, sagte sie vorsichtig, „dann könnte er mehr über Gabriel wissen, als er zugibt.“
Eduardo schloss die Augen.
„Das ist der Gedanke, vor dem ich mich am meisten fürchte.“
## 2. DAS GEHEIMNIS IM ALTEN BÜRO
Am Nachmittag ließ Eduardo sämtliche Unterlagen über die Lieferungen an die Hacienda überprüfen.
Rosario bestand darauf, dass auch die Veterinärberichte und die Liefernachweise für das Futter untersucht wurden.
Zunächst schien alles in Ordnung zu sein.
Doch ein junger Buchhalter namens Daniel entdeckte mehrere Rechnungen, die doppelt verbucht worden waren. Außerdem waren Lieferungen an eine Adresse bezahlt worden, die offiziell seit Jahren nicht mehr genutzt wurde.
Die Adresse führte zu einem alten Lagerhaus am Hafen.
„Wer hat diese Zahlungen genehmigt?“, fragte Eduardo.
Daniel blätterte nervös durch seine Unterlagen.
„Die Freigabe kam aus dem Büro von Herrn Paz.“
Eduardo sagte nichts.
Rosario bemerkte, wie seine Hand sich um die Tischkante schloss.
„Wir haben noch keinen Beweis dafür, dass diese Zahlungen etwas mit Titán zu tun haben“, erinnerte sie ihn.
„Ich weiß.“
„Und wir wissen auch nicht, ob Vicente persönlich dahintersteckt.“
„Ich weiß, Rosario.“
Diesmal klang seine Antwort nicht wütend, sondern erschöpft.
Er sah Daniel an.
„Sichere die Unterlagen und gib Kopien an unseren unabhängigen Anwalt. Niemand verändert etwas, und niemand wird allein wegen einer Vermutung beschuldigt.“
Daniel nickte und verließ das Büro.
Rosario war überrascht.
„Du hast zugehört.“
Eduardo sah sie an.
„Gewöhn dich nicht daran.“
Sie musste trotz allem lächeln.
Für einen kurzen Moment verschwand die Schwere aus seinem Gesicht.
Doch dann klopfte es an der Tür.
Vicente trat ein.
Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und hielt ein Tablet in der Hand. Sein gewohntes Lächeln verschwand, als er Rosario am Schreibtisch sah.
„Ich wusste nicht, dass wir jetzt auch das Personal an Geschäftsbesprechungen teilnehmen lassen.“
Rosario erhob sich.
„Ich habe die Lieferunterlagen überprüft, weil es einen möglichen Zusammenhang mit einem Vorfall im Stall gibt.“
Vicente lachte kurz.
„Natürlich. Und jetzt glaubt das Mädchen vermutlich, sie könne die Arbeit erfahrener Männer übernehmen.“
Eduardo stand auf.
„Sprich respektvoll mit ihr.“
Vicente blinzelte überrascht.
„Ich wollte sie nicht beleidigen.“
„Dann fällt es dir sicher leicht, dich zu entschuldigen.“
Eine angespannte Stille entstand.
Vicente sah Rosario an.
„Falls du dich beleidigt gefühlt hast, war das nicht meine Absicht.“
„Es geht nicht darum, wie ich mich gefühlt habe“, antwortete Rosario. „Es geht darum, dass wir herausfinden müssen, was mit Titán passiert ist.“
Vicente lächelte wieder, doch seine Augen blieben kalt.
„Ein Hund. Wir sprechen hier über einen Hund.“
„Nein“, sagte Eduardo. „Wir sprechen darüber, wer Zugang zu meinem Anwesen hat und ob jemand versucht hat, ein Tier zu vergiften.“
Vicente legte das Tablet auf den Tisch.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust, Eduardo. Misstrauen kann ein Mann teuer bezahlen.“
„Und blindes Vertrauen auch“, erwiderte Eduardo.
Vicente nahm sein Tablet zurück und verließ das Büro.
Als die Tür zufiel, drehte sich Rosario zu Eduardo.
„Er hat Angst.“
„Vicente hat vor nichts Angst.“
„Doch. Vor etwas, das wir noch nicht wissen.“
Eduardo blickte auf die geschlossene Tür.
„Dann finden wir heraus, was es ist.“
## 3. DER ANRUF, DER ROSARIOS LEBEN VERÄNDERTE
Am Abend erhielt Rosario einen Anruf von der Schule ihres Bruders.
Mateo war nicht zum vereinbarten Zeitpunkt abgeholt worden.
Zunächst dachte sie, er sei bei einem Freund. Doch als sie dort anrief, erfuhr sie, dass Mateo die Schule bereits verlassen hatte.
Sein Telefon war ausgeschaltet.
Rosario spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Sie rief ihn erneut an. Keine Antwort.
Dann kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Wenn du deinen Bruder wiedersehen willst, komm allein zum alten Lagerhaus am Hafen.
Darunter stand eine zweite Zeile:
Bring die Unterlagen über Titán mit.
Rosario wurde eiskalt.
Sie rannte zu Eduardo.
Er saß gerade mit seinem Anwalt zusammen, als sie ins Zimmer stürmte und ihm das Telefon hinhielt.
Eduardo las die Nachricht.
Sein Gesicht veränderte sich vollständig.
„Wann hast du zuletzt mit Mateo gesprochen?“
„Heute Morgen. Er wollte nach der Schule nach Hause gehen.“
Eduardo griff nach seinem Telefon.
„Ich lasse ihn suchen.“
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