# TEIL 2: 

Für einen langen Augenblick schien der Dorfplatz von Santa Lucía den Atem anzuhalten.

Der Wind trieb Staub zwischen den Häusern hindurch. Die vier bewaffneten Männer standen regungslos unter den Torbögen, während die Bewohner hinter ihren Türen hervorspähten. Niemand wagte es, auch nur ein Wort zu sagen.

Der Fremde nahm seinen schwarzen Hut ab.

Sein Gesicht war von tiefen Falten gezeichnet. Eine lange Narbe verlief über seine linke Augenbraue, und sein dunkles Haar war an den Schläfen ergraut. Doch seine Augen waren hellwach, kalt und entschlossen.

Mercedes, die von zwei Frauen gestützt wurde, hob langsam den Kopf.

Zuerst erkannte sie ihn nicht.

Dann wurde ihr Gesicht blass.

„Nein …“, flüsterte sie. „Das kann nicht sein.“

Der Fremde trat näher.

„Doch, Mercedes. Ich bin es.“

Sie starrte ihn an, als hätte ein Toter gerade das Dorf betreten.

„Tomás?“

Er nickte.

„Tomás Valderrama.“

Ein Raunen ging durch die Menge.

Jeder in Chihuahua kannte diesen Namen, auch wenn die meisten nur Geschichten über ihn gehört hatten. Vor zwanzig Jahren war Tomás ein angesehener Viehzüchter und Landbesitzer gewesen. Er besaß mehrere Ranches, beschäftigte Dutzende Arbeiter und galt als einer der wenigen Männer, die sich den mächtigen Grundbesitzern der Region widersetzten.

Dann war seine Frau gestorben.

Kurz darauf hatte er sein Land verkauft, seine Geschäfte aufgegeben und war verschwunden.

Manche behaupteten, er sei nach Sonora gezogen. Andere sagten, er sei bei einem Überfall ums Leben gekommen.

Doch niemand hatte erwartet, ihn jemals wiederzusehen.

Vor allem nicht Don Ezequiel Barragán.

Der Großgrundbesitzer hatte seinen weißen Hut ein wenig tiefer gezogen. Zum ersten Mal an diesem Morgen wirkte sein Gesicht angespannt.

„Valderrama“, sagte er langsam. „Ich dachte, du wärst längst tot.“

Tomás steckte seinen Hut unter den Arm.

„Das hast du gehofft.“

Ezequiel versuchte zu lachen.

„Du kommst nach zwanzig Jahren zurück und glaubst, du könntest auf meinem Land Befehle erteilen?“

„Das ist nicht dein Land.“

„Der Dorfplatz gehört der Gemeinde.“

„Dann solltest du dich vielleicht fragen, warum deine Männer eine Frau mitten auf dem Platz misshandeln, als wäre sie dein Eigentum.“

Ezequiels Gesicht verhärtete sich.

„Diese Frau schuldet mir Geld.“

Mercedes richtete sich mühsam auf.

„Ich schulde dir keinen einzigen Peso!“

Tomás hob eine Hand, nicht um sie zum Schweigen zu bringen, sondern um ihr zu zeigen, dass sie nicht länger allein sprechen musste.

„Ich weiß“, sagte er.

Sie sah ihn überrascht an.

„Woher?“

Tomás blickte auf Ezequiel.

„Weil ich die Originalunterlagen gesehen habe.“

Für einen Moment veränderte sich etwas in Ezequiels Gesicht.

Es war nur ein winziger Riss in seiner Selbstsicherheit, aber Tomás bemerkte ihn.

„Welche Unterlagen?“, fragte der Großgrundbesitzer.

„Die, die du seit Jahren verbergen lässt.“

Tomás wandte sich an die Menschen auf dem Platz.

„Vor drei Wochen erhielt ich einen Brief von Ignacio Alvarado. Er schrieb mir, dass er Beweise für einen Betrug gefunden hatte, der mehrere Familien in dieser Region ihr Land gekostet hatte. Er wollte sich mit mir treffen.“

Mercedes presste eine Hand an ihre Brust.

„Ignacio hat dir geschrieben?“

„Ja.“

„Aber er hat nie davon erzählt.“

Tomás senkte kurz den Blick.

„Vielleicht wollte er dich nicht beunruhigen. Vielleicht dachte er, er hätte noch genug Zeit, alles zu klären.“

Er zog einen gefalteten Brief aus seiner Manteltasche.

„Der Brief erreichte mich zu spät. Als ich auf Los Laureles ankam, erfuhr ich, dass Ignacio gestorben war.“

Mercedes schloss die Augen.

Ihr Mann hatte seine Sorgen bis zum letzten Tag für sich behalten.

Doch nun verstand sie, warum er in den Wochen vor seinem Tod immer wieder in seiner alten Holzkiste gesucht und Dokumente sortiert hatte.

Er hatte etwas entdeckt.

Etwas, das Ezequiel um jeden Preis geheim halten wollte.

„Du lügst!“, rief der Großgrundbesitzer. „Ignacio war ein verschuldeter Bauer. Er hat Geld gebraucht und bei mir einen Kredit aufgenommen.“

Tomás zog ein weiteres Blatt hervor.

„Dann wirst du kein Problem damit haben, diese Unterschrift erklären zu lassen.“

Ezequiel schwieg.

Tomás hielt das Dokument hoch.

„Hier steht, dass Ignacio zwanzigtausend Pesos geliehen hat. Aber das Papier wurde angeblich vor vier Monaten unterschrieben.“

Er machte eine kurze Pause.

„Das Problem ist, dass Ignacio zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Wochen im Krankenhaus lag. Seine rechte Hand war nach einem Unfall so stark verletzt, dass er nicht einmal einen Brief selbst schreiben konnte.“

Mercedes hob ruckartig den Kopf.

Sie erinnerte sich an diesen Unfall. Ihr Mann hatte sich im Stall verletzt und war fast einen Monat lang kaum in der Lage gewesen, seine Hand zu bewegen.

Tomás fuhr fort.

„Und das ist nicht der einzige Widerspruch. Die Nummer des angeblichen Darlehens taucht in den Büchern einer Bank auf, die vor sechs Jahren geschlossen wurde.“

Ein unruhiges Murmeln ging durch die Menge.

Ezequiel trat einen Schritt vor.

„Du hast keine Beweise dafür, dass ich etwas damit zu tun habe.“

„Noch nicht alle“, antwortete Tomás. „Aber ich bin nicht allein gekommen.“

Er deutete auf die Straße am nördlichen Dorfeingang.