Er führte die beiden in den hinteren Raum und legte mehrere Dokumente auf den Tisch.

Henry setzte seine Brille auf.

Thomas zeigte ihm die alte Vereinbarung und erklärte, welche Ansprüche daraus möglicherweise entstanden waren. Es musste noch rechtlich geprüft werden, welche Rechte heute tatsächlich bestanden. Doch die Unterlagen waren eindeutig genug, um eine wichtige Verbindung zwischen den Familien nachzuweisen.

Dann holte Thomas die silberne Taschenuhr hervor.

Sie war gereinigt und vorsichtig restauriert worden. Ihr Gehäuse glänzte wieder, und die Zeiger bewegten sich ruhig über das Zifferblatt.

Henry nahm sie in die Hand.

„Sie funktioniert wieder.“

„Ja“, sagte Thomas. „Und ich glaube, sie sollte genau dort bleiben, wo sie hingehört.“

Er legte ein kleines Etui auf den Tisch.

„Ich möchte sie Ihnen zurückgeben. Ohne Bezahlung.“

Henry sah ihn überrascht an.

„Aber die Reparatur …“

„Betrachten Sie es als die Erfüllung einer alten Verpflichtung zwischen unseren Familien.“

Henry wusste nicht, was er sagen sollte.

Thomas wandte sich an Lily.

„Und für dich habe ich auch etwas.“

Er holte eine kleine Schachtel hervor.

Darin lag eine zierliche silberne Armbanduhr mit einem schlichten Zifferblatt.

Lily riss die Augen auf.

„Für mich?“

„Ja. Dein Großvater hat mir erzählt, dass er dir einmal eine silberne Uhr versprochen hat. Diese hier ist ein Geschenk von unserem Geschäft.“

Henry schüttelte sofort den Kopf.

„Thomas, das ist zu viel.“

Doch der Uhrmacher lächelte.

„Nein, Henry. Es ist eine kleine Erinnerung daran, dass Freundlichkeit manchmal ihren Weg zurückfindet.“

Lily betrachtete die Uhr, ohne sie sofort anzufassen.

„Opa, darf ich sie wirklich haben?“

Henry kniete sich neben sie.

„Wenn du gut auf sie aufpasst.“

„Das mache ich!“

Thomas half ihr, die Uhr anzulegen.

Sie drehte ihr Handgelenk vorsichtig hin und her und lächelte so breit, dass Henry sich die Tränen nicht länger verkneifen konnte.

Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Thomas nahm ein weiteres Blatt aus der Mappe.

„Henry, bevor Sie gehen, möchte ich Ihnen noch etwas zeigen.“

Es war ein Brief von seinem Vater.

Der Brief war an Henry adressiert und offenbar vor vielen Jahrzehnten geschrieben worden.

Henry öffnete ihn vorsichtig.

Die ersten Zeilen ließen ihn sofort innehalten.

Mein lieber Sohn,

wenn du diese Zeilen eines Tages liest, hoffe ich, dass du gelernt hast, dass Reichtum nicht bedeutet, alles besitzen zu können. Es bedeutet, Menschen zu haben, für die man alles geben würde.

Ich habe diese Uhr nicht für dich aufbewahrt, weil sie wertvoll ist. Ich habe sie aufbewahrt, weil ich hoffe, dass du sie eines Tages an jemanden weitergibst, der dir wichtiger ist als jeder Besitz.

Henry hielt den Brief mit beiden Händen.

Er hatte seinen Vater seit vielen Jahren nicht mehr gehört. Und plötzlich schien es, als würde er durch diese wenigen Zeilen wieder mit ihm sprechen.

Er sah zu Lily.

Das Mädchen saß auf dem Stuhl und betrachtete begeistert ihre neue Uhr.

Henry lächelte unter Tränen.

„Ich glaube, mein Vater hätte dich sehr gemocht.“

Lily schaute auf.

„Warum, Opa?“

„Weil du mein größter Schatz bist.“

In den folgenden Wochen veränderte sich einiges.

Die Unterlagen wurden von einem Anwalt geprüft. Dabei stellte sich heraus, dass Henry tatsächlich Anspruch auf eine finanzielle Beteiligung hatte, die über viele Jahre nicht berücksichtigt worden war. Es war kein plötzliches märchenhaftes Vermögen, aber eine bedeutende Summe, die ihm und Lily mehr Sicherheit geben würde.

Henry bestand darauf, alles sorgfältig und rechtmäßig zu regeln.

Er kaufte zunächst einen warmen Wintermantel für Lily und ein Paar neue Schuhe. Dann ließ er die dringendsten Reparaturen in seiner kleinen Wohnung erledigen.

Für sich selbst kaufte er nichts Besonderes.

Als Lily ihn fragte, warum er sich keinen neuen Mantel gönne, antwortete er:

„Mein alter Mantel hat mich fünfzehn Jahre begleitet. Er kann noch ein bisschen bleiben.“

Lily lachte.

„Aber der Ärmel ist kaputt!“

„Dann bekommt er eben eine neue Naht.“

Am nächsten Samstag gingen sie wieder gemeinsam in die Innenstadt.

Diesmal trug Lily ihre neuen Schuhe und einen warmen Mantel. An ihrem Handgelenk glänzte die kleine silberne Uhr.

Sie blieben vor dem Schaufenster stehen.

Das grüne Kleid hing noch immer dort.

Lily sah es an und dann zu ihrem Großvater.

„Opa?“

„Ja, mein Schatz?“

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Müssen wir jetzt eigentlich etwas kaufen, wenn wir spazieren gehen?“

Henry lachte leise.

„Nein. Warum sollten wir?“

Lily nahm seine Hand.

„Weil ich die Spaziergänge mit dir am schönsten finde. Auch wenn wir nichts kaufen.“

Henry blieb stehen.

Er blickte auf das kleine Mädchen neben sich und dachte an all die Samstage, an denen er gehofft hatte, dass sie seine Sorgen nicht bemerkte.

Er hatte geglaubt, er müsse ihr unbedingt etwas schenken, um ein guter Großvater zu sein.

Doch Lily hatte ihm gerade etwas viel Wertvolleres gesagt.

Für sie war nicht das Kleid entscheidend gewesen.

Nicht die Uhr.

Nicht einmal das Geld.

Es war die Zeit, die sie miteinander verbrachten.