„Woher haben Sie diese Uhr?“

Der Inhaber des kleinen Uhrengeschäfts stand wie erstarrt hinter seinem Tresen. Seine Augen waren auf die silberne Taschenuhr gerichtet, die Henry vorsichtig auf das dunkelblaue Samttuch gelegt hatte.

Henry verstand die Frage zunächst nicht.

„Sie gehörte meinem Vater“, antwortete er. „Er hat sie von seinem Vater bekommen. Ich habe sie seit vielen Jahren aufbewahrt.“

Der Uhrmacher nahm seine Brille ab und betrachtete die Uhr noch einmal.

„Darf ich sie in die Hand nehmen?“

Henry nickte.

Der Mann hob die Taschenuhr mit beiden Händen an. Er drehte sie langsam um und betrachtete die feinen Verzierungen auf der Rückseite. Dann öffnete er vorsichtig den Deckel.

Dort befanden sich drei kleine eingravierte Buchstaben:

H. M. W.

Darunter stand ein Datum.

Der Uhrmacher wurde blass.

„Mein Herr“, sagte er schließlich, „wissen Sie eigentlich, was Sie da mitgebracht haben?“

Henry senkte den Blick.

„Eine alte Uhr. Ich weiß, dass sie für meine Familie wertvoll ist. Aber ich brauche Geld.“

„Wie viel möchten Sie dafür haben?“

Henry nannte eine bescheidene Summe.

Der Uhrmacher sah ihn ungläubig an.

„Das kann nicht Ihr Ernst sein.“

Henry schluckte.

„Ich weiß, dass sie wahrscheinlich nicht viel wert ist. Aber sie funktioniert noch. Vielleicht können Sie sie reparieren oder weiterverkaufen.“

Der Mann schüttelte langsam den Kopf.

„Sie verstehen mich falsch. Diese Uhr ist möglicherweise sehr viel mehr wert, als Sie glauben.“

Henry runzelte die Stirn.

„Wie meinen Sie das?“

Der Uhrmacher bat ihn, sich auf den kleinen Stuhl neben dem Tresen zu setzen. Anschließend verschwand er durch eine Tür im hinteren Teil des Geschäfts.

Henry blieb allein zurück.

Er betrachtete die Uhr in der Glasvitrine gegenüber. Überall standen kostbare Zeitmesser, einige modern, andere mehrere Jahrzehnte alt. Er hatte nie viel von solchen Dingen verstanden. Für ihn hatte die Taschenuhr immer nur eine Bedeutung gehabt: Sie erinnerte ihn an seinen Vater.

Nach einigen Minuten kam der Inhaber zurück.

In seiner Hand hielt er ein altes Foto.

„Kennen Sie diesen Mann?“

Henry nahm das Bild entgegen.

Darauf war ein junger Mann in einem dunklen Anzug zu sehen. Er stand vor einem Uhrengeschäft und hielt eine silberne Taschenuhr in der Hand.

Henry atmete scharf ein.

„Das ist mein Vater.“

Der Uhrmacher nickte.

„Ich dachte es mir.“

„Woher haben Sie dieses Foto?“

Der Inhaber setzte sich ihm gegenüber.

„Mein Großvater hat dieses Geschäft gegründet. Er war Uhrmacher und hat viele Jahre mit Ihrem Vater zusammengearbeitet. Ihr Vater war nicht nur ein Kunde. Er war einer seiner engsten Freunde.“

Henry betrachtete das Bild erneut.

„Mein Vater hat mir nie davon erzählt.“

„Vielleicht wollte er Sie nicht mit seiner Vergangenheit belasten.“

Der Uhrmacher ging zu einem alten Aktenschrank und holte eine Mappe hervor. Darin befanden sich vergilbte Unterlagen, alte Rechnungen und mehrere handgeschriebene Briefe.

Er legte einen davon vor Henry.

Auf dem Umschlag stand der Name seines Vaters.

„Dieser Brief wurde vor vielen Jahrzehnten hier hinterlegt“, erklärte er. „Mein Großvater hatte ihn aufbewahrt, weil Ihr Vater ihn darum gebeten hatte.“

Henry öffnete den Brief mit zitternden Fingern.

Die Handschrift war ihm sofort vertraut.

Es war tatsächlich die Schrift seines Vaters.

Er begann zu lesen.

Mein lieber Freund,

wenn diese Uhr eines Tages wieder in die Hände meiner Familie gelangt, soll sie nicht einfach als wertvoller Gegenstand betrachtet werden. Sie erinnert mich an eine Zeit, in der ich kaum etwas besaß, aber trotzdem Menschen fand, die mir halfen.

Ich möchte, dass sie eines Tages an jemanden weitergegeben wird, der versteht, dass wahre Werte nicht auf einem Preisschild stehen.

Henry las die Zeilen zweimal.

Dann hob er den Blick.

„Ich verstehe nicht. Was bedeutet das alles?“

Der Uhrmacher faltete die Hände.

„Mein Großvater hat mir oft von Ihrem Vater erzählt. Er sagte, dass Ihr Vater ihm in einer schwierigen Zeit geholfen habe. Ohne diese Hilfe hätte er das Geschäft damals möglicherweise schließen müssen.“

Henry schwieg.

„Die beiden hatten eine Vereinbarung“, fuhr der Mann fort. „Ihr Vater sollte einen kleinen Anteil an dem Geschäft erhalten. Allerdings wurde diese Vereinbarung nie vollständig umgesetzt.“

„Einen Anteil?“

„Ja. Und mein Großvater hat in seinem Testament ausdrücklich erwähnt, dass die Angelegenheit eines Tages mit der Familie Ihres Vaters geklärt werden sollte.“

Henry konnte kaum glauben, was er hörte.

„Aber mein Vater ist schon lange tot.“

„Das weiß ich. Deshalb muss ich zunächst die alten Unterlagen prüfen. Ich möchte Ihnen nichts versprechen, bevor alles geklärt ist.“

Der Uhrmacher schloss die Mappe.

„Aber eines möchte ich Ihnen sagen: Sie sollten diese Uhr nicht verkaufen, bevor wir wissen, welche Geschichte wirklich dahintersteckt.“

Henry sah auf seine Hände.

Er war nicht wegen eines Familiengeheimnisses gekommen. Er war gekommen, weil seine Enkelin ein grünes Kleid im Schaufenster gesehen hatte und weil er ihr versprochen hatte, ihr eines Tages eine silberne Uhr zu schenken.

Er wollte keine große Summe.

Er wollte nur, dass Lily sich einmal genauso glücklich fühlen konnte wie andere Kinder.