„Ich verstehe“, sagte er leise. „Aber ich brauche trotzdem etwas Geld.“
Der Uhrmacher blickte ihn aufmerksam an.
„Darf ich fragen, wofür?“
Henry zögerte zunächst.
Dann erzählte er von Lily.
Von dem Verlust ihrer Mutter. Von den langen Samstagen, an denen sie gemeinsam durch die Stadt spazierten. Von den zu kleinen Schuhen, dem alten Mantel und dem grünen Kleid, das sie im Schaufenster entdeckt hatte.
Er erzählte auch von dem Versprechen, ihr eine silberne Uhr zu schenken.
„Ich weiß, dass das vielleicht albern klingt“, sagte Henry. „Aber sie hat schon so viel verloren. Ich möchte nicht, dass sie auch noch das Gefühl bekommt, auf jeden kleinen Wunsch verzichten zu müssen.“
Der Uhrmacher sagte lange nichts.
Dann stand er auf und ging zum Fenster.
„Wissen Sie, mein Herr, mein Großvater hat mir etwas beigebracht. Er sagte immer, dass ein Geschäft nicht daran gemessen wird, wie viel Geld es verdient, sondern daran, wie viele Menschen es mit gutem Gewissen verlassen.“
Er drehte sich wieder zu Henry um.
„Ich werde die Uhr vorerst sicher aufbewahren und die Unterlagen prüfen. Und wegen Ihrer Enkelin möchte ich Ihnen etwas anbieten.“
Henry schüttelte sofort den Kopf.
„Ich kann keine Almosen annehmen.“
„Das habe ich auch nicht vorgeschlagen.“
Der Uhrmacher lächelte.
„Ich möchte Ihnen die Reparatur der Uhr kostenlos anbieten. Außerdem würde ich gerne herausfinden, ob wir die ursprüngliche Vereinbarung zwischen unseren Familien erfüllen können.“
Henry betrachtete ihn lange.
„Warum tun Sie das?“
„Weil mein Großvater es vermutlich genauso gewollt hätte.“
Henry verließ das Geschäft an diesem Tag ohne Geld, aber mit einem kleinen Hoffnungsschimmer.
Auf dem Heimweg blieb er vor dem Schaufenster mit dem grünen Kleid stehen.
Er dachte an Lily.
Dann ging er weiter.
Er wollte ihr nichts versprechen, solange er nicht wusste, ob er es halten konnte.
Als er zu Hause ankam, saß Lily am Küchentisch und malte ein Bild.
„Opa!“
Sie sprang auf und lief zu ihm.
„Warst du in der Stadt?“
Henry lächelte.
„Ja, mein Schatz.“
„Hast du die Uhr verkauft?“
Er hielt einen Moment inne.
„Noch nicht.“
Lily senkte den Blick.
„Ist sie zu alt?“
„Nein, Liebling. Sie ist etwas ganz Besonderes.“
Sie nahm ihr Bild vom Tisch und zeigte es ihm.
Darauf waren zwei Menschen zu sehen: ein großer Mann mit braunem Mantel und ein kleines Mädchen in einem grünen Kleid. Über ihnen hatte Lily eine große gelbe Sonne gemalt.
„Das bist du und ich“, erklärte sie stolz.
Henry betrachtete das Bild.
„Warum trägst du auf dem Bild ein grünes Kleid?“
„Weil ich das aus dem Schaufenster so schön fand.“
Er schluckte.
„Du wirst eines Tages ein wunderschönes Kleid bekommen, Lily.“
Sie lächelte.
„Auch wenn es nicht das aus dem Laden ist?“
Henry ging in die Hocke und nahm ihre Hände.
„Auch dann.“
Lily umarmte ihn.
„Dann ist es mir egal. Hauptsache, wir gehen wieder zusammen spazieren.“
Henry schloss für einen Moment die Augen.
Manchmal fragte er sich, ob er seiner Enkelin wirklich genug geben konnte. Er hatte keine großen Ersparnisse, kein eigenes Haus und keine Familie, die ihm finanziell helfen konnte.
Aber wenn Lily ihn so ansah, wusste er, dass er nicht aufgeben durfte.
Am Montagmorgen klingelte das Telefon.
Henry war gerade dabei, das Frühstück vorzubereiten. Lily saß im Wohnzimmer und schaute sich ein Bilderbuch an.
„Hallo?“
„Guten Morgen, Herr Henry. Hier ist Thomas Berger, der Uhrmacher.“
Henry stellte die Kaffeetasse ab.
„Guten Morgen. Gibt es Neuigkeiten?“
„Ja. Ich habe gestern bis spät in die Nacht die alten Unterlagen durchgesehen.“
Henry setzte sich.
„Und?“
Thomas atmete tief ein.
„Ich habe tatsächlich etwas gefunden. Eine schriftliche Vereinbarung zwischen Ihrem Vater und meinem Großvater. Außerdem gibt es ein Dokument, das bisher niemand richtig zugeordnet hatte.“
„Was für ein Dokument?“
„Es betrifft nicht nur die Uhr. Es betrifft auch eine Beteiligung am Geschäft.“
Henry schwieg.
Thomas fuhr fort:
„Ich möchte Sie bitten, morgen noch einmal vorbeizukommen. Bringen Sie bitte auch einen Nachweis mit, dass Sie der Sohn Ihres Vaters sind. Wir müssen die Unterlagen gemeinsam prüfen.“
Henry legte langsam auf.
Er konnte nicht glauben, dass eine alte Uhr, die er beinahe verkauft hätte, plötzlich eine solche Bedeutung hatte.
Am nächsten Tag nahm er Lily mit in die Innenstadt.
Sie trug ihren alten Mantel und hielt seine Hand fest.
Als sie am Schaufenster mit dem grünen Kleid vorbeikamen, blieb sie stehen.
„Opa, da ist es wieder.“
Henry lächelte.
„Ja, mein Schatz.“
„Es ist wirklich schön.“
„Das finde ich auch.“
Diesmal blieb er nicht lange stehen.
Sie gingen gemeinsam zum Uhrengeschäft.
Thomas wartete bereits an der Tür.
„Herr Henry! Schön, dass Sie gekommen sind.“
Dann bemerkte er Lily.
„Und du musst Lily sein.“
Das Mädchen nickte schüchtern.
„Ja.“
Thomas ging in die Hocke.
„Dein Großvater hat mir schon von dir erzählt.“
Lily blickte zu Henry.
„Was hat er gesagt?“
„Dass du sehr gerne spazieren gehst.“
„Jeden Samstag!“
Thomas lächelte.
„Das ist eine schöne Tradition.“
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