Sie legte die Hand auf meine.

„Unsere Familie hat überlebt, indem sie lernte, unscheinbar zu sein.“

Ich dachte an meine Schuluniform, an die alten Schuhe, die ich so lange getragen hatte, bis die Sohlen dünn wurden. An die Mitschüler, die über meine bescheidene Herkunft gespottet hatten. An Madison, die mein Kleid zerschnitten hatte, weil sie glaubte, ich wäre niemand, der sich wehren könnte.

Ein bitteres Gefühl stieg in mir auf.

„Und du hast mich all die Jahre glauben lassen, wir wären einfach nur eine gewöhnliche Familie.“

„Weil du eine Kindheit verdient hast, die nicht von den Fehlern längst verstorbener Menschen bestimmt wird.“

„Aber ich habe das Recht, die Wahrheit zu kennen!“

Meine Stimme brach.

Evelyn schloss kurz die Augen.

„Ja“, sagte sie. „Das hast du.“

Sie widersprach mir nicht. Sie versuchte nicht, mich zu beruhigen. Und gerade deshalb fühlte ich mich plötzlich noch trauriger.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie.

Ich wollte wütend bleiben. Wirklich.

Doch als ich ihre zitternden Hände sah, brachte ich kein weiteres Wort hervor.

Professor Harrington hatte inzwischen die Chronik geöffnet.

„Evelyn, darf ich?“

Sie nickte.

Er blätterte vorsichtig durch die vergilbten Seiten. Die Schrift war fein und elegant, doch an manchen Stellen waren die Buchstaben verblasst. Andere Seiten waren herausgetrennt worden.

Dann blieb er stehen.

„Das ist unmöglich.“

Ich hätte inzwischen wissen müssen, dass dieser Satz aus seinem Mund selten etwas Gutes bedeutete.

„Was ist jetzt?“, fragte ich.

Er drehte die Chronik zu uns.

Auf der Seite war eine Liste von dreizehn Namen zu sehen. Zwölf davon waren durchgestrichen.

Der dreizehnte Name stand ganz unten.

Avelaine.

Darunter befand sich ein Satz, geschrieben mit einer anderen Tinte.

Wenn der Phönix wieder erwacht, wird die dreizehnte Familie zurückkehren.

Ich las ihn zweimal.

„Was bedeutet das?“

Meine Großmutter wurde blass.

„Das ist eine Prophezeiung.“

„Du glaubst an Prophezeiungen?“

„Nein. Ich glaube an Menschen, die ihre Absichten hinter geheimnisvollen Worten verbergen.“

Professor Harrington schüttelte langsam den Kopf.

„Diese Chronik wurde vor der Säuberung geschrieben. Sie erwähnt Dinge, die erst Jahrzehnte später geschahen. Die Namen der zwölf Familien stimmen mit jenen überein, die nach 1732 großen Einfluss gewannen.“

„Und die dreizehnte Familie?“

Er blickte mich an.

„Sie wurde aus den offiziellen Aufzeichnungen entfernt.“

Ich sah wieder auf den Namen.

Avelaine.

Plötzlich wirkte er nicht mehr wie ein fremdes Wort aus einem Geschichtsbuch.

Er fühlte sich an, als hätte ich ihn schon immer gekannt.

„Warum war das Medaillon in meinem Kleid?“

Meine Großmutter nahm es aus der Seide, in die der Professor es gewickelt hatte. Das Gold fing das Licht der Tischlampe ein.

„Weil es nicht nur ein Schmuckstück ist.“

Sie drehte das Medaillon um.

Auf der Rückseite verlief eine kaum sichtbare Linie entlang des Randes. Evelyn drückte mit dem Fingernagel auf eine kleine Erhebung.

Ein leises Klicken ertönte.

Das Medaillon öffnete sich.

Im Inneren befand sich kein Bild, wie ich erwartet hatte. Stattdessen lag dort ein winziges Stück Papier, so schmal wie ein Faden, zusammengefaltet auf eine Größe, die kaum größer als ein Fingernagel war.

Professor Harrington holte eine Lupe aus seiner Jackentasche.

Meine Großmutter entfaltete das Papier mit einer Pinzette.

Darauf standen nur sieben Wörter.

Dreizehn Sterne. Ein Schlüssel. Die Wahrheit unter dem Palast.

Niemand sprach.

Draußen fuhr ein Auto langsam an unserem Haus vorbei.

Die Scheinwerfer glitten über die Vorhänge und verschwanden wieder.

Ich wandte mich zum Fenster.

„Oma, erwartest du jemanden?“

„Nein.“

Sie sagte es zu schnell.

Professor Harrington klappte die Chronik zu.

„Wir sollten hier nicht länger bleiben.“

„Warum?“

„Weil jemand wusste, dass das Medaillon heute Abend gefunden werden würde.“

„Das ist Unsinn! Niemand konnte wissen, dass Madison mein Kleid zerschneiden würde.“

„Vielleicht nicht“, sagte er. „Aber jemand könnte gewusst haben, dass du es tragen würdest.“

Meine Großmutter stand auf und ging zur Tür.

Sie verriegelte sie. Dann prüfte sie die Fenster, eines nach dem anderen.

Als sie zurückkam, war ihr Gesicht völlig verändert.

Die freundliche, leicht zerstreute Frau, die mir morgens das Frühstück machte und abends nachfragte, ob ich meine Hausaufgaben erledigt hatte, war verschwunden.

An ihrer Stelle stand jemand, der gelernt hatte, Angst zu verbergen.

„William“, sagte sie leise. „Hast du die Einladung noch?“

Der Professor griff in seine Jackentasche und zog einen gefalteten Brief hervor.

„Natürlich.“

„Zeig sie ihr.“

Er reichte mir das Papier.

Es war die Einladung zum königlichen Wohltätigkeitsball, auf dem ich an diesem Abend gewesen war. Die Schule hatte einige Schülerinnen und Schüler ausgewählt, um an einer Veranstaltung im historischen Königspalast teilzunehmen. Ich hatte geglaubt, es sei eine gewöhnliche Auszeichnung für gute Leistungen.

Doch auf der Rückseite stand ein Satz, den ich zuvor nicht bemerkt hatte.

Die Trägerin des letzten goldenen Fadens möge sich zur Vollendung des dreizehnten Sterns einfinden.

Darunter war ein Datum vermerkt.

Das heutige.

„Ich wurde eingeladen, weil ich dieses Kleid trug?“

„Vielleicht“, sagte Harrington. „Oder weil jemand wollte, dass das Kleid heute Abend vor Zeugen geöffnet wird.“