Zum ersten Mal an diesem Abend sah ich Professor Harrington lächeln.

Es war nur ein kurzes, trauriges Lächeln.

„Du hast dich kein bisschen verändert.“

„Du dagegen bist alt geworden.“

„Dreiundvierzig Jahre Forschung hinterlassen Spuren.“

„Dann solltest du dich vielleicht weniger mit toten Königen beschäftigen und mehr mit deinem Rücken.“

Ich starrte die beiden an.

Sie sprachen miteinander, als hätten sie sich gestern erst verabschiedet.

Doch der Professor hatte gesagt, dass er seit siebenundzwanzig Jahren nach meiner Großmutter suchte.

Was war damals geschehen?

Und warum hatte sie sich versteckt?

Im Wohnzimmer roch es nach Kamillentee, altem Papier und dem Lavendel, den meine Großmutter in kleinen Stoffbeuteln zwischen ihre Bücher legte.

Alles sah aus wie immer.

Der abgewetzte Sessel am Fenster. Die Uhr über dem Kamin. Die gerahmten Fotografien auf dem Regal.

Auf einem Bild war ich als kleines Kind zu sehen, mit Zahnlücke und schiefem Pony. Auf einem anderen stand ich neben meinen Eltern vor einem See. Meine Mutter hielt mich auf dem Arm, während mein Vater hinter ihr die Arme um beide gelegt hatte.

Ich kannte dieses Foto auswendig.

Es war eines der wenigen Bilder, die mir von ihnen geblieben waren.

Doch als meine Großmutter die Vorhänge zuzog, bemerkte ich etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Hinter dem Familienfoto befand sich ein weiteres Bild.

Es zeigte eine junge Frau in einem dunkelblauen Kleid. Ihr Haar war zu einer kunstvollen Krone geflochten, und auf ihrer Stirn lag ein schmales Diadem. Hinter ihr standen dreizehn Menschen in langen Mänteln.

Alle trugen dasselbe Wappen.

Den gekrönten Phönix, umgeben von dreizehn Sternen.

Ich trat näher.

„Wer ist das?“

Meine Großmutter folgte meinem Blick.

Für einen Moment schien sie nicht zu wissen, ob sie antworten sollte.

Dann nahm sie das Bild vorsichtig vom Regal.

„Das ist Königin Seraphina Avelaine.“

„Eine Königin?“

„Die letzte Königin des Hauses Avelaine.“

Ich sah auf das Porträt. Die Frau darauf wirkte kaum älter als fünfundzwanzig. Ihre Augen waren dunkel, ihr Gesicht ernst. Selbst auf dem vergilbten Bild strahlte sie eine Art stiller Autorität aus.

„Aber die Avelaines sind vor dreihundert Jahren ausgestorben.“

„Das ist die Geschichte, die man dir erzählt hat.“

Professor Harrington setzte sich langsam an den Tisch.

„Und es ist die Geschichte, die wir jahrhundertelang geglaubt haben.“

Meine Großmutter legte das Bild vor mich.

„Die offizielle Geschichte besagt, dass Königin Seraphina während der Kronensäuberung von 1732 gestorben ist. Ihr Palast wurde durchsucht. Ihre engsten Vertrauten wurden verhaftet. Die königlichen Aufzeichnungen wurden beschlagnahmt, und das Haus Avelaine wurde aus den Geschichtsbüchern gestrichen.“

„Warum? Was hatte sie getan?“

Evelyn strich mit einem Finger über den Rand des Bildes.

„Sie hatte sich geweigert, ihre Macht an jene abzugeben, die glaubten, ein Königreich gehöre ihnen allein, nur weil sie die Krone tragen konnten.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Damals gab es einen Rat aus dreizehn Familien. Sie kontrollierten den Handel, die Armee, die Gerichte und einen großen Teil des königlichen Vermögens. Offiziell dienten sie der Krone. In Wahrheit wollten einige von ihnen selbst herrschen.“

Professor Harrington nickte.

„Die Archive enthalten Hinweise auf einen Streit zwischen der Königin und dem Rat. Doch jedes entscheidende Dokument fehlt. Die Berichte widersprechen einander, und manche Seiten wurden offenbar absichtlich aus den Chroniken entfernt.“

„Und dann verschwand die Familie?“

„Nein“, sagte meine Großmutter.

Das Wort fiel so bestimmt, dass ich den Kopf hob.

„Sie verschwand nicht. Sie wurde zum Verschwinden gezwungen.“

Sie öffnete eine Schublade im kleinen Schrank neben dem Kamin und holte einen Schlüssel hervor. Er war dunkel angelaufen und an seinem Griff befand sich dasselbe Symbol wie auf dem Medaillon.

Dreizehn winzige Sterne.

Sie kniete sich vor den Kamin, schob einen schmalen Teppich zur Seite und öffnete eine unscheinbare Holzklappe im Boden.

Darunter lag eine flache Metallkassette.

Ich hatte in diesem Haus mein ganzes Leben verbracht. Ich hatte hier Verstecken gespielt, beim Putzen geholfen und sogar einmal versucht, die Dielen zu untersuchen, weil ich überzeugt gewesen war, dass unser Haus einen geheimen Raum besaß.

Doch diese Klappe hatte ich nie gesehen.

Meine Großmutter steckte den Schlüssel ins Schloss.

Es klickte.

In der Kassette lagen Briefe, eine kleine ledergebundene Chronik und ein Stück dunkler Stoff.

Goldene Fäden durchzogen den Stoff und formten das Bild eines Phönix.

Ich hielt den Atem an.

Es war derselbe Faden wie in meinem Kleid.

„Oma …“

„Deine Ururgroßmutter hat dieses Stück Stoff aus dem Palast gerettet“, erklärte sie. „Sie gehörte zu den wenigen Menschen, die Königin Seraphina vertraute.“

„Wie viele Generationen sind das?“

„Mehr, als ich dir heute Abend erklären kann.“

„Versuch es trotzdem.“

Meine Großmutter sah mich an. Dann nickte sie.

„Die Frau auf dem Bild hatte eine Tochter. Dieses Kind wurde in der Nacht der Säuberung aus dem Palast gebracht. Man gab ihr einen anderen Namen, und ihre Nachkommen lebten fortan unter gewöhnlichen Namen, weit entfernt von den Orten, an denen man nach ihnen suchen würde.“