„Dann hätte das Dokument, das er Ihnen heute vorgelegt hat, möglicherweise eine weitreichende Veränderung der Stimmrechtsverhältnisse bewirkt.“

„Genau deshalb müssen wir es prüfen“, sagte Nina. „Wir sollten jedoch nicht behaupten, dass eine Übertragung bereits stattgefunden hat. Frau Bennett hat nicht unterschrieben.“

Robert schloss die Mappe.

„Dann halten wir zunächst fest: Es gibt keine wirksame Zustimmung von Frau Bennett, die uns vorliegt. Bis zur vollständigen Prüfung werden keine Änderungen an ihren Anteilen vorgenommen.“

Ich spürte, wie sich meine Schultern ein wenig entspannten.

Nicht, weil alles gelöst war.

Sondern weil zum ersten Mal an diesem Tag jemand die Fakten wichtiger nahm als Grants Wünsche.

## Der Anruf von Vivian

Die Sitzung wurde für eine kurze Pause unterbrochen.

Ich stand am Fenster, als mein Handy klingelte.

Vivian Mercer.

Ich sah den Namen auf dem Display.

Nina kam zu mir.

„Du musst nicht rangehen.“

„Ich weiß.“

Ich nahm trotzdem ab und stellte den Lautsprecher nicht ein.

„Mara“, begann Vivian. Ihre Stimme klang ungewöhnlich ruhig. „Du musst diese Angelegenheit nicht vor den Vorstand bringen.“

„Die Angelegenheit betrifft Northstar.“

„Es war ein Streit zwischen zwei Menschen.“

„Ein Dokument zur Übertragung meiner Stimmrechte ist kein gewöhnlicher Streit.“

„Grant war aufgebracht.“

Ich blickte auf die Straße hinunter.

„Er hat mich vor zweihundert Gästen geschlagen.“

Am anderen Ende herrschte Stille.

Dann sagte Vivian: „Du weißt, wie schwierig er unter Druck sein kann.“

„Das erklärt sein Verhalten nicht.“

„Du zerstörst seine Zukunft.“

Ich schloss kurz die Augen.

„Nein. Ich lasse nur nicht mehr zu, dass er meine Zukunft kontrolliert.“

Vivian atmete hörbar aus.

„Dein Vater hat dich gegen uns aufgebracht.“

„Mein Vater hat mich nicht geschlagen.“

Sie schwieg.

„Vivian, ich werde dieses Gespräch beenden. Wenn du etwas über das Dokument weißt, sprich bitte mit Nina.“

„Du wirst noch verstehen, was du angerichtet hast.“

„Ich hoffe, dass du eines Tages verstehst, was du zugelassen hast.“

Ich legte auf.

Nina stand neben mir.

„Alles in Ordnung?“

„Nein“, sagte ich. „Aber ich bin bereit, weiterzumachen.“

## Derek wollte reden

Als ich in den Konferenzraum zurückkehrte, wartete Derek Cole vor der Tür.

Er hielt sein Handy in der Hand und sah aus, als hätte er seit Stunden nicht geschlafen.

„Mara, können wir kurz sprechen?“

Nina trat neben mich.

„Wenn es um die Unterlagen geht, können Sie Ihre Informationen direkt an mich weitergeben.“

Derek nickte.

„Ich verstehe. Aber es gibt etwas, das sie wissen sollte.“

Ich blieb stehen.

„Dann sagen Sie es.“

Er sah kurz den Flur hinunter.

„Grant hat mich gebeten, das Dokument in die Hochzeitsmappe zu legen. Er sagte, Sie hätten bereits zugestimmt und müssten nur noch unterschreiben.“

„Wussten Sie, was darin stand?“

„Ja.“

„Und wussten Sie, dass ich es vorher nicht gesehen hatte?“

Derek senkte den Blick.

„Ich wusste, dass Sie es nicht vollständig geprüft hatten.“

Nina verschränkte die Arme.

„Gibt es dazu schriftliche Kommunikation?“

Derek nickte langsam.

„Ja. Nachrichten zwischen Grant und mir.“

„Dann bewahren Sie diese unverändert auf“, sagte Nina. „Löschen Sie nichts und verändern Sie keine Dateien. Wir werden uns über einen geeigneten Weg um die Übergabe kümmern.“

Derek sah mich an.

„Ich hätte es nicht tun dürfen.“

Ich antwortete nicht sofort.

„Warum haben Sie es trotzdem getan?“

Er schluckte.

„Grant sagte, es sei nur eine Formalität. Er meinte, nach der Hochzeit würden Sie ohnehin alles gemeinsam verwalten.“

„Und Sie haben ihm geglaubt?“

„Ich wollte ihm glauben.“

„Das ist keine Entschuldigung.“

„Nein“, sagte er leise. „Ist es nicht.“

Er reichte Nina seine Visitenkarte und ging.

Ich sah ihm nach.

Vielleicht würde er später helfen, die Vorgänge aufzuklären. Aber sein Bedauern machte das, was er getan hatte, nicht ungeschehen.

## Ein weiterer Name in der Akte

Am späten Nachmittag erhielt Nina eine Nachricht von ihrem Team.

Sie las sie zweimal und wandte sich dann an mich.

„Wir haben ein Problem.“

„Was für ein Problem?“

Sie legte ein Dokument auf den Tisch.

Es war ein Entwurf für eine weitere Vereinbarung. Darin wurde vorgeschlagen, dass ein Teil meiner Stimmrechte nach der Hochzeit vorübergehend von einer sogenannten Familienverwaltung kontrolliert werden sollte.

„Wer hat das vorbereitet?“, fragte ich.

„Eine Kanzlei, die regelmäßig für die Mercer-Gruppe arbeitet.“

„Und wer hat sie beauftragt?“

Nina deutete auf die letzte Seite.

Dort stand ein Name.

Vivian Mercer.

Ich starrte auf die Unterschrift.

„Sie hat das vorbereitet?“

„Der Entwurf trägt ihren Namen als Auftraggeberin. Wir müssen noch prüfen, wer ihn tatsächlich verfasst und wer ihn genehmigt hat.“

Ich setzte mich.

Die Ohrfeige war nicht der Anfang gewesen.

Sie war nur der Moment, in dem ein Plan sichtbar geworden war, den andere offenbar schon länger vorbereitet hatten.

„Was passiert jetzt?“, fragte ich.

„Wir sichern die Unterlagen, beantragen die nötigen Schutzmaßnahmen für deine Stimmrechte und lassen die Vorgänge unabhängig prüfen. Außerdem solltest du dich nicht allein mit Grant oder seiner Familie treffen.“

Ich nickte.

„Und die Polizei?“