Am nächsten Morgen ließ der Wind für kurze Zeit nach. Martha nutzte die Gelegenheit, um den Zugang zur Höhle freizuräumen und die Umgebung zu prüfen. Der Schnee reichte ihr stellenweise bis zur Brust. Jeder Schritt kostete Kraft, und sie wusste, dass sie sich nicht zu weit von ihrem geschützten Platz entfernen durfte.
Als sie zu einem Felsvorsprung hinaufstieg, entdeckte sie etwas zwischen den verschneiten Bäumen.
Eine dunkle Rauchfahne.
Sie kam aus der Richtung des Dorfes.
Doch sie war ungewöhnlich dünn und verschwand rasch im Wind.
Martha blieb stehen. Rauch bedeutete, dass irgendwo noch ein Feuer brannte. Aber wenn die Menschen dort nicht genügend Brennholz hatten, würde es bald schwierig werden, die Häuser warm zu halten.
Sie kehrte in die Höhle zurück und besprach ihre Beobachtung mit Thomas.
„Wir können nicht einfach hinuntergehen“, sagte er. „Der Schnee ist zu tief. Wenn der Wind wieder auffrischt, finden wir den Rückweg nicht.“
Martha nickte.
Sie wusste, dass er recht hatte.
Aber sie wusste auch, dass Warten allein keine Lösung war.
Deshalb begann sie, einen Plan zu entwickeln. Sie erinnerte sich an einen alten Viehpfad, der hinter einem Felsgrat verlief. Im Sommer war er kaum zu erkennen, doch an einigen Stellen wurde er von hohen Felswänden geschützt. Wenn sie vorsichtig vorgingen und der Wind ruhig blieb, konnten sie vielleicht bis zu einem kleinen Schuppen am Rand des Tals gelangen.
Dort hatte ein früherer Besitzer der Ranch Werkzeuge und einige Vorräte gelagert.
Martha bereitete sich sorgfältig vor. Sie packte Lebensmittel, Wasser, trockene Kleidung und ein Seil ein. Thomas half ihr, die Ausrüstung zu überprüfen. Sie vereinbarten außerdem, bei den ersten Anzeichen eines neuen Sturms sofort umzukehren.
Noch vor Sonnenaufgang machten sie sich auf den Weg.
Die Landschaft war kaum wiederzuerkennen. Zäune waren verschwunden, Bäume unter der Schneelast gebogen, und die vertrauten Hügel sahen aus wie riesige weiße Wellen. Martha ging voraus und prüfte jeden Schritt, während Thomas ihr in geringem Abstand folgte.
Nach mehreren Stunden erreichten sie den Felsgrat.
Dort fanden sie tatsächlich den alten Pfad. Die Felsen hatten einen Teil des Windes abgefangen, und an einigen Stellen war der Schnee weniger tief.
Doch als sie den Schuppen erreichten, entdeckten sie Spuren im Schnee.
Jemand war vor ihnen dort gewesen.
Die Tür stand einen Spalt offen. Im Inneren fanden sie einen leeren Wassereimer, ein paar verstreute Werkzeuge und eine Decke, die auf dem Boden lag.
Thomas untersuchte die Spuren.
„Hier muss jemand Schutz gesucht haben“, sagte er.
Martha betrachtete die Fußabdrücke, die aus dem Schuppen hinausführten. Sie verliefen in Richtung des Dorfes, wurden aber nach wenigen Metern vom frischen Schnee überdeckt.
Sie konnten nicht wissen, ob die Person ihr Ziel erreicht hatte.
Sie nahmen die brauchbaren Vorräte aus dem Schuppen mit und machten sich auf den Rückweg. Als sie die Höhle erreichten, war der Himmel bereits wieder dunkler geworden.
In der Nacht setzte der Sturm mit neuer Kraft ein.
Der Wind rüttelte an der Holzkonstruktion vor dem Eingang, während sich Schnee in den Vertiefungen der Felsen sammelte. Martha überprüfte mehrfach die Luftzufuhr und stellte sicher, dass kein Rauch in den Schlafbereich drang.
Thomas konnte kaum schlafen.
„Warum hast du dir das alles angetan?“, fragte er schließlich. „Du hättest in deiner Hütte bleiben können wie alle anderen.“
Martha saß neben einer kleinen Laterne und flickte einen Handschuh.
„Weil ich gesehen habe, was geschah, wenn ich es nicht tat“, sagte sie. „Ich habe Holz verbrannt und zugesehen, wie die Wärme durch die Wände verschwand. Ich habe gerechnet und festgestellt, dass meine Vorräte nicht reichen würden. Also musste ich etwas ändern.“
Sie legte den Handschuh beiseite.
„Die Leute dachten, ich wollte anders sein als sie. Dabei wollte ich nur den nächsten Morgen erleben, ohne Angst haben zu müssen, ob ich noch genug Holz für die Nacht hatte.“
Thomas blickte zu Boden.
Er erinnerte sich an die Gespräche vor Marthas Hütte. Er hatte selbst gelacht, als die anderen über ihre Idee spotteten. Damals hatte er geglaubt, Erfahrung bedeute, immer auf dieselbe Weise zu handeln.
Jetzt verstand er, dass Erfahrung manchmal auch bedeutete, rechtzeitig eine andere Entscheidung zu treffen.
Am achten Tag geschah etwas Unerwartetes.
Gegen Mittag hörten sie draußen Stimmen.
Martha griff nach ihrer Laterne und ging zum Eingang. Durch die schmale Öffnung sah sie drei Gestalten, die sich mühsam durch den Schnee bewegten. Einer der Männer stützte eine ältere Frau, während der dritte immer wieder stehen bleiben musste, um Atem zu holen.
Es waren Menschen aus dem Dorf.
Sie hatten von Thomas erfahren, dass er möglicherweise in der Nähe der Höhle Schutz gefunden hatte. Als sie schließlich den alten Viehpfad entdeckten, hatten sie beschlossen, dem Weg bis zum Felsgrat zu folgen.
Doch der Rückweg war schwieriger geworden als erwartet.
Martha half ihnen hinein und sorgte dafür, dass sie sich an einem geschützten Platz ausruhen konnten. Sie verteilte ihre Vorräte, trocknete nasse Kleidungsstücke und kontrollierte, ob jemand medizinische Hilfe benötigte.
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