Aber der Sturm war noch lange nicht vorbei.

Am dritten Tag verwandelte sich der Schneefall in einen weißen Vorhang, der selbst die nächsten Felsen unsichtbar machte. Der Wind riss Äste von den Bäumen, und die Temperaturen sanken so tief, dass selbst erfahrene Bewohner der Berge ihre Häuser kaum noch verlassen konnten.

Im Dorf gingen die Vorräte zur Neige. Einige Familien hatten nicht genügend Holz für ihre Öfen gesammelt. Andere konnten ihre Tiere nicht mehr erreichen, weil die Wege vollständig verschüttet waren.

Und dann fiel der Strom aus.

Die Dunkelheit legte sich über die Häuser, während der Wind weiter gegen Fenster und Türen schlug. In manchen Hütten reichte das Holz kaum noch für die Nacht. Die Menschen, die Martha zuvor verspottet hatten, saßen nun dicht an ihren Öfen und hofften, dass der Sturm bald nachlassen würde.

Martha wusste nichts von ihrer Verzweiflung. Sie war damit beschäftigt, ihre Tiere zu versorgen, den Eingang freizuhalten und jeden Morgen den Zustand ihrer Unterkunft zu prüfen.

Sie rationierte ihre Lebensmittel, sparte Brennmaterial und hielt ihre Decken trocken. Wenn sie ein kleines Feuer entzündete, tat sie es nur unter sicheren Bedingungen und mit ausreichender Belüftung. Sie wusste, dass ein geschlossener Raum voller Rauch genauso gefährlich sein konnte wie die Kälte draußen.

Am fünften Tag hörte sie plötzlich ein Geräusch, das nicht zum Sturm gehörte.

Es war ein schwaches, unregelmäßiges Klopfen.

Martha nahm ihre Laterne und ging vorsichtig zum Eingang. Durch den wirbelnden Schnee konnte sie zunächst nichts erkennen. Dann hörte sie eine Stimme.

„Hilfe! Ist da jemand?“

Es war ein Mann aus dem Dorf.

Er hatte sich bei dem Versuch verirrt, nach seinen Tieren zu sehen, und war vom Sturm überrascht worden. Seine Kleidung war mit Schnee bedeckt, seine Stimme zitterte, und er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

Martha zog ihn sofort in den geschützten Bereich der Höhle. Sie half ihm, nasse Kleidung abzulegen, wickelte ihn in trockene Decken und brachte ihn an einen sicheren Platz. Sie gab ihm warme Getränke, sofern er sie vertrug, und beobachtete aufmerksam seinen Zustand.

Der Mann sah sich um.

Er erkannte die sorgfältig gestapelten Vorräte, die trockenen Decken und die geschützten Tiere. Dann blickte er zu Martha.

„Du hast das alles vorhergesehen“, murmelte er.

Martha schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich wusste nicht, wie schlimm es werden würde. Ich wusste nur, dass ich mich nicht darauf verlassen konnte, dass der Winter freundlich zu mir sein würde.“

Draußen tobte der Sturm weiter.

Und während die Stunden vergingen, wurde Martha klar, dass ihre Entscheidung nicht nur sie selbst gerettet haben könnte.

Denn irgendwo jenseits der verschneiten Berge warteten noch andere Menschen auf Hilfe.

Und der schlimmste Teil des Winters stand möglicherweise erst bevor.

# TEIL 3: Niemand glaubte Martha Hert, als sie ihr Schlafzimmer in eine Höhle verlegte – doch als der Jahrhundertschneesturm das gesamte Tal von der Außenwelt abschnitt, wurde ihre Höhle zur letzten Hoffnung für die Menschen, die sie einst verspottet hatten

Der Sturm dauerte nun schon fast eine Woche.

Jeden Morgen, wenn Martha aufwachte, hoffte sie, ein schwaches Licht am Himmel zu erkennen oder das Heulen des Windes endlich verstummen zu hören. Doch jedes Mal, wenn sie zum Eingang ging, sah sie dieselbe endlose weiße Wand. Der Schnee lag so hoch, dass selbst die unteren Äste der Kiefern vollständig verschwunden waren.

Der Mann, den sie gerettet hatte, hieß Thomas Bell. Er war ein Rancher aus dem benachbarten Tal und hatte zunächst geglaubt, den Weg zu seinen Tieren problemlos bewältigen zu können.

Jetzt saß er auf einer Decke in Marthas Höhle und begriff langsam, wie knapp er einer Katastrophe entgangen war.

„Ich habe noch nie einen Winter erlebt, der so schnell außer Kontrolle geraten ist“, sagte er mit leiser Stimme.

Martha stellte ihm eine Schüssel mit warmer Suppe hin.

„Der Berg interessiert sich nicht dafür, wie viele Winter du schon erlebt hast“, antwortete sie. „Er macht keine Ausnahmen.“

Thomas schwieg. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er nichts darauf zu erwidern.

In den folgenden Stunden erzählte er ihr, was im Dorf geschehen war. Mehrere Dächer waren unter der Schneelast beschädigt worden. Die Wege waren unpassierbar, und die Vorräte einiger Familien gingen zur Neige. Niemand wusste, wann Hilfe von außerhalb eintreffen würde.

Martha hörte aufmerksam zu.

Sie hatte nur genug Lebensmittel für sich und ihre Tiere eingeplant. Nun musste sie neu rechnen. Sie nahm ein altes Notizbuch aus ihrer Truhe und schrieb auf, was sie besaß: Mehl, getrocknete Bohnen, Hafer, Salz, etwas Trockenfleisch und die wenigen Vorräte, die Thomas bei sich getragen hatte.

Wenn sie sorgfältig wirtschafteten, konnten sie mehrere Tage überstehen.

Doch Martha wusste, dass das nicht das eigentliche Problem war.

Wenn der Sturm noch länger anhielt, würden Menschen im Dorf dringend Hilfe brauchen.