# Teil 2:

**Durango, Mexiko – Januar 1880**

Der vierte Tag begann mit einem grauen Himmel und einem Wind, der durch die Ritzen des Waggons pfiff.

Catalina Becerra saß allein auf einer schmalen Holzbank und hielt ein kleines Buch an ihre Brust gedrückt. Es war eines der wenigen Dinge, die sie aus dem Haus ihres Vaters hatte mitnehmen dürfen. Auf dem Einband stand der Name ihrer Mutter, Doña Esperanza, in verblasster Tinte.

Sie hatte das Buch seit ihrer Abreise nicht geöffnet.

Nicht, weil sie nicht lesen wollte, sondern weil sie fürchtete, beim Anblick der vertrauten Handschrift zusammenzubrechen.

Ihr Vater hatte ihr nicht einmal gestattet, sich ordentlich von den Bediensteten zu verabschieden. Ein Kutscher hatte sie zum Bahnhof gebracht, zwei Männer hatten ihr Gepäck verladen, und ein Beauftragter Octavios hatte ihr eine versiegelte Mappe mit den Heiratsdokumenten übergeben.

Darin befand sich auch eine kurze Nachricht ihres Vaters.

*Catalina, betrachte diese Verbindung als deine letzte Gelegenheit, deiner Familie noch von Nutzen zu sein. Verhalte dich vernünftig, und vielleicht wirst du eines Tages verstehen, warum ich diese Entscheidung treffen musste.*

Sie hatte den Brief dreimal gelesen.

Beim vierten Mal zerriss sie ihn nicht. Sie faltete ihn sorgfältig zusammen und legte ihn zurück in die Mappe.

Sie wollte sich an jedes Wort erinnern.

Nicht, weil sie eines Tages verstehen wollte.

Sondern weil sie niemals vergessen wollte, was ihr Vater getan hatte.

Als der Zug schließlich an einem kleinen, abgelegenen Bahnhof hielt, wartete dort ein einzelner Reiter.

Er trug einen dunklen Mantel, einen breitkrempigen Hut und ein Gewehr über der Schulter. Sein Pferd war groß und kräftig, sein Sattel abgenutzt, und an seinem Gürtel hing ein Messer in einer schlichten Lederscheide.

Der Beauftragte stieg aus und sprach einige Worte mit ihm.

Der Fremde nickte nur.

Dann wandte er sich dem Waggon zu.

Catalina richtete sich auf.

Sie hatte Geschichten über Gabriel gehört, seit sie ein Kind gewesen war. Ihr Vater hatte ihn als einen unzivilisierten Mann beschrieben, der lieber mit wilden Tieren als mit Menschen lebte. In den Salons von Durango behauptete man, er sei gefährlich, unberechenbar und unfähig, sich den Regeln der Gesellschaft zu unterwerfen.

Doch der Mann, der nun vor ihr stand, sah nicht aus wie ein wildes Tier.

Er sah aus wie jemand, der gelernt hatte, seine Worte sorgfältig auszuwählen.

Er war tatsächlich außergewöhnlich groß. Eine lange Narbe zog sich von seiner linken Schläfe bis hinunter zum Wangenknochen. Sein Gesicht war von Sonne und Wind gezeichnet, und seine dunklen Augen betrachteten Catalina mit einer Ruhe, die sie beinahe mehr beunruhigte als offene Feindseligkeit.

„Señorita Becerra?“, fragte er.

„Ja.“

„Mein Name ist Gabriel Montoya.“

Er nahm den Hut ab.

„Ich bin gekommen, um Sie nach Hause zu bringen.“

Catalina blickte auf das Pferd und dann auf die schmale Straße, die sich zwischen den Bergen verlor.

„Mein Zuhause liegt in Durango.“

Gabriel setzte den Hut wieder auf.

„Dann sollten Sie wissen, dass Ihr Vater Sie nicht zu Ihrem Zuhause zurückschickt.“

Sie spürte, wie sich ihre Finger um den Buchrücken schlossen.

„Sie haben den Vertrag unterschrieben.“

„Ja.“

„Und Sie werden mich heiraten?“

Gabriel sah sie einen langen Augenblick an.

„Das ist es, was auf dem Papier steht.“

„Ich habe nicht nach dem Papier gefragt.“

Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Etwas wie Überraschung huschte über seine Züge.

„Nein“, sagte er schließlich. „Sie haben recht.“

Er nahm ein gefaltetes Dokument aus seiner Manteltasche und reichte es ihr.

„Lesen Sie das, bevor wir aufbrechen.“

Catalina entfaltete die Seiten. Es war eine Abschrift der Vereinbarung zwischen Octavio Becerra und Gabriel Montoya. Die juristische Sprache war kompliziert, doch Catalina hatte früh gelernt, Verträge zu lesen. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, dass jedes wichtige Dokument zweimal gelesen werden musste – einmal, um zu verstehen, was darin stand, und ein zweites Mal, um zu entdecken, was jemand lieber verborgen hätte.

Sie las die ersten Absätze.

Dann hielt sie inne.

Der Vertrag übertrug Gabriel bestimmte Landrechte und verpflichtete ihn im Gegenzug, Catalina zu heiraten und sie auf sein Anwesen in den Bergen mitzunehmen.

Doch weiter unten stand eine zusätzliche Klausel.

Sollten Catalina und Gabriel innerhalb der vereinbarten Frist sterben, sollte das Land an eine mit Octavios Eisenbahngesellschaft verbundene Treuhandgesellschaft fallen.

Catalina las den Absatz noch einmal.

„Was bedeutet das?“

Gabriel antwortete nicht sofort.

„Es bedeutet, dass Ihr Vater nicht nur eine Ehe arrangiert hat.“

Sie hob den Blick.

„Er hat einen Weg geschaffen, mein Erbe zu bekommen.“

„Nicht nur Ihres.“

Gabriel zog eine weitere Seite hervor.

„Das Land gehört nicht ausschließlich Ihrer Familie, Señorita. Mehrere Gemeinschaften leben seit Generationen dort. Einige besitzen alte Urkunden, andere haben ihre Rechte durch mündlich überlieferte Vereinbarungen und langjährige Nutzung bewahrt. Ihr Vater bestreitet ihre Ansprüche, weil er hofft, dass die Eisenbahn sie eines Tages verdrängen wird.“

Catalina starrte auf das Dokument.

Sie wusste, dass ihr Vater Land kaufte. Sie wusste, dass er Verträge abschloss und dass Menschen ihre Höfe verloren, wenn seine Männer mit neuen Urkunden auftauchten.