Nein.
Ich hatte Isabels Leichnam nie gesehen.
Man hatte mir erklärt, die Identifizierung sei bereits abgeschlossen gewesen. Ich hatte eine Urne erhalten, eine Sterbeurkunde und eine Schachtel mit ihren persönlichen Gegenständen.
Ich hatte damals gerade meine Ausbildung abgeschlossen, kaum Geld gehabt und war selbst schwer krank gewesen. Ich hatte nicht die Kraft gehabt, Fragen zu stellen.
„Warum?“, flüsterte ich.
Dante antwortete nicht sofort.
Dann zog er sein Handy heraus und rief jemanden an.
„Marco. Ich brauche die Unterlagen über Claras Verschwinden. Alle. Auch die Fotos, die nicht in den Polizeibericht aufgenommen wurden.“
Er lauschte.
„Nein, nicht morgen. Jetzt.“
Er beendete das Gespräch.
„Dante, was geht hier vor?“
Er sah mich an, und diesmal lag keine Berechnung in seinem Blick.
Nur Fassungslosigkeit.
„Clara hatte eine Schwester“, sagte er. „Sie hat mir erzählt, dass sie seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hatte. Sie sagte, ihre Schwester sei tot.“
Ich spürte, wie sich der Raum um mich herum zu drehen schien.
„Wie hieß ihre Schwester?“
Dante antwortete nicht.
Er musste es nicht.
Ich kannte den Namen bereits.
„Isabel“, flüsterte ich.
Er nickte langsam.
Sophia hatte sich wieder an meine Seite geschmiegt. Ihre Augen waren halb geschlossen, aber ihre Finger hielten noch immer meinen Anhänger.
„Mama hat gesagt, Tante Elena findet uns“, murmelte sie schläfrig.
Mir liefen Tränen über die Wangen.
Ich hatte sechs Jahre lang geglaubt, meine Schwester sei tot.
Und jetzt saß ich in einer fremden Suite in Manhattan, während die Tochter eines Mannes, den ich erst wenige Stunden kannte, mich Tante nannte.
Doch bevor ich etwas sagen konnte, klopfte es dreimal an der Tür.
Dante ging nicht sofort hin.
Er sah erst mich an, dann Sophia.
Schließlich öffnete er die Tür nur einen Spalt.
Ein großer Mann im dunklen Anzug stand draußen. In seiner Hand hielt er eine dünne Aktenmappe.
„Du wolltest die Unterlagen“, sagte er.
Dante nahm die Mappe entgegen.
Der Mann zögerte.
„Es gibt noch etwas. Wir haben gerade eine Nachricht von einer Nummer erhalten, die mit Claras altem Telefon verbunden ist.“
Dante wurde vollkommen still.
„Was steht darin?“
Der Mann sah kurz zu mir.
Dann antwortete er:
„Nur ein Satz.“
Dante öffnete die Mappe nicht. Er hielt sie so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.
„Welcher Satz?“
Der Mann schluckte.
„Wenn Elena bei Sophia ist, hat sie euch gefunden. Bringt das Mädchen aus der Stadt, bevor sie die blaue Tür öffnet.“
Ich sah Dante an.
„Was ist die blaue Tür?“
Er blickte auf die Aktenmappe in seiner Hand.
Dann hob er langsam die Augen zu mir.
„Ein Raum in meinem Haus“, sagte er. „Ein Raum, von dem Clara behauptet hat, dass es ihn nicht gibt.“
Er machte eine Pause.
„Und vor sechs Jahren wurde dort etwas gefunden, das angeblich deiner Schwester gehörte.“
In diesem Moment wurde mir klar, dass Isabels Tod vielleicht nie das gewesen war, wofür ich ihn gehalten hatte.
Und dass Clara Russo womöglich nicht einfach verschwunden war.
Vielleicht hatte sie versucht, meine Schwester zu finden.
Oder sie hatte etwas entdeckt, das beide Frauen für immer zum Schweigen bringen sollte.
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