„Buddy mag ihn nicht. Jedes Mal, wenn dieser Mann kommt, stellt sich der Hund vor mich. Vielleicht bemerkt er etwas, das ich selbst noch nicht erkennen kann.“

Margaret schlug die Hand vor den Mund.

„Henry hat also schon etwas geahnt“, sagte sie. „Warum hat er uns nichts davon erzählt?“

Der ältere Ermittler schloss das Notizbuch vorsichtig.

„Manche Menschen wollen ihre Familie nicht beunruhigen. Besonders dann, wenn sie glauben, ein Problem noch allein lösen zu können.“

Er erklärte ihr, dass die Aufzeichnungen wichtige Hinweise liefern könnten. Allerdings müsse man jeden Eintrag überprüfen, bevor man daraus Schlussfolgerungen ziehe.

Und genau das taten die Ermittler.

Sie verglichen die Daten in Henrys Notizbuch mit den Aussagen seiner Nachbarn. Sie prüften die Unterlagen über seine Ersparnisse und ließen vorhandene Aufnahmen aus der Umgebung auswerten.

Dabei entdeckten sie, dass der schwarze Wagen, den ein Nachbar am Abend vor Henrys Tod gesehen hatte, tatsächlich zum Priester gehörte.

Das allein bewies noch nicht, was in jener Nacht geschehen war. Doch es widersprach seiner ursprünglichen Aussage, er habe Henry mehrere Tage lang nicht besucht.

Als die Ermittler ihn erneut befragten, änderte sich seine Geschichte.

Zunächst sagte er, er sei nur kurz dort gewesen. Dann behauptete er, Henry habe ihn selbst hereingebeten. Schließlich gab er zu, dass er von Henrys Ersparnissen gewusst hatte.

Aber er bestand darauf, mit dessen Tod nichts zu tun zu haben.

Die Polizei suchte weiter nach Beweisen.

Und während die Ermittlungen voranschritten, wartete Buddy zu Hause auf seinen Besitzer.

Jeden Morgen ging er zur Haustür. Wenn draußen Schritte zu hören waren, hob er den Kopf und lauschte. Manchmal lief er bis zum Gartentor, als erwarte er, Henry mit seiner vertrauten Jacke und seinem alten Wanderstock zu sehen.

Doch Henry kam nicht zurück.

Margaret beschloss deshalb, den Hund vorerst zu sich zu nehmen. Sie lebte in einem kleinen Haus am anderen Ende der Stadt und hatte einen Garten, in dem Buddy sich bewegen konnte.

Am ersten Abend legte sie Henrys alte Decke neben sein Körbchen.

Buddy schnupperte daran und legte sich darauf.

„Du musst nicht mehr allein sein“, sagte Margaret leise.

Der Hund sah sie an, doch er fraß weiterhin nur wenig.

Margaret machte sich große Sorgen. Sie rief eine Tierärztin an, die erklärte, dass Hunde nach dem Verlust einer engen Bezugsperson Veränderungen im Verhalten zeigen könnten. Weil Buddy bereits mehrere Tage kaum gefressen und getrunken hatte, sollte er unbedingt untersucht werden.

Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass er erschöpft war und Flüssigkeit brauchte. Die Tierärztin kümmerte sich um ihn und gab Margaret genaue Hinweise für seine weitere Versorgung.

„Er braucht Zeit, Ruhe und Menschen, denen er vertraut“, erklärte sie. „Und Sie sollten darauf achten, dass er wieder regelmäßig frisst und trinkt.“

Margaret nickte.

„Das verspreche ich.“

Von diesem Tag an nahm sie sich jeden Morgen Zeit für Buddy. Sie ging mit ihm spazieren, setzte sich abends neben ihn und erzählte ihm Geschichten über Henry.

Sie erzählte von den langen Wanderungen durch den Wald, von den Abenden am Kamin und von dem Tag, an dem Henry Buddy als kleinen Welpen nach Hause gebracht hatte.

Damals hatte Henry gesagt:

„Ein Hund ist kein Besitzstück. Wenn du ihn in dein Leben aufnimmst, übernimmst du Verantwortung für ein Lebewesen, das dir vertraut.“

Margaret erinnerte sich noch genau an diese Worte.

Und sie begann zu verstehen, wie ernst ihr Bruder sie gemeint hatte.
Die Wahrheit über die letzte Nacht
Etwa eine Woche nach der Beerdigung erhielt die Familie einen Anruf von der Polizei.

Die Ermittler hatten neue Beweise gefunden.

Bei der Untersuchung von Unterlagen und weiteren Spuren aus Henrys Haus waren Unstimmigkeiten aufgetaucht. Zudem konnten die Beamten belegen, dass der Priester Zugang zu Informationen gehabt hatte, die er nach eigener Aussage niemals erhalten haben sollte.

Noch wichtiger war jedoch ein Gegenstand, den die Polizei bei einer Durchsuchung sicherstellte: ein Dokument, das mit den fehlenden Unterlagen aus Henrys Arbeitszimmer in Verbindung stand.

Die Ermittler vermuteten, dass der Priester versucht hatte, sich unrechtmäßig Zugang zu Henrys Vermögen zu verschaffen.

Als sie ihn mit den neuen Erkenntnissen konfrontierten, brach seine bisherige Geschichte endgültig zusammen.

Er räumte ein, Henry unter dem Vorwand geistlicher Unterstützung besucht und dabei dessen Vertrauen ausgenutzt zu haben. Außerdem gab er zu, Geld und Wertgegenstände an sich genommen zu haben.

Was in Henrys letzter Nacht genau passiert war, musste jedoch anhand weiterer Beweise geklärt werden. Die Polizei untersuchte deshalb auch die Umstände seines Todes, statt sich allein auf das Geständnis zum Diebstahl zu verlassen.

Schließlich erhärtete sich der Verdacht, dass Henry bei einer Auseinandersetzung ums Leben gekommen war.

Der Priester wurde wegen der entsprechenden Straftaten angeklagt. Das Gericht musste über seine Schuld und die einzelnen Vorwürfe entscheiden.

Als Margaret davon erfuhr, saß sie lange schweigend am Küchentisch.

Sie hatte ihren Bruder verloren. Nun musste sie zusätzlich akzeptieren, dass jemand sein Vertrauen missbraucht hatte, während Henry geglaubt hatte, einen Menschen vor sich zu haben, der ihm helfen wollte.