Die Leitung war noch offen. Der Polizist hatte jedes Wort gehört.

„Mrs. Harris“, sagte er nun mit fester Stimme, „gehen Sie bitte an einen sicheren Ort. Wir schicken sofort Beamte zu Ihnen.“

Michael lächelte nicht mehr.

Ich ging zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. Wenige Minuten später trafen die Polizisten ein. Michael versuchte nicht zu fliehen. Er ließ sich befragen und wurde anschließend zur weiteren Klärung auf die Wache gebracht.

Ich selbst wurde getrennt von ihm befragt. Zum ersten Mal seit Stunden konnte ich wieder frei atmen, doch die Fragen hörten nicht auf.

Warum hatte Mark seinen Bruder geheim gehalten? Was war in jener Nacht wirklich geschehen? Und weshalb hatte Michael behauptet, Mark habe ihm etwas anvertrauen wollen?

Am Nachmittag erhielt ich die Nachricht, dass die Ermittler die Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem Hotel ausgewertet hatten. Mark war dort am Abend vor dem Unfall gewesen. Er hatte sich mit einem Mann getroffen, dessen Gesicht auf den Aufnahmen nur teilweise zu erkennen war.

Doch die Ermittler fanden noch etwas anderes: eine Nachricht, die Mark wenige Minuten vor seiner Abfahrt an eine unbekannte Nummer geschickt hatte.

Sie lautete:

„Ich kann das nicht länger verheimlichen. Anna muss endlich erfahren, dass wir nicht nur zwei Brüder sind. Wir haben noch eine Schwester.“

Ich las den Satz wieder und wieder.

Eine Schwester?

In acht Jahren Ehe hatte Mark mir nie von einem Bruder erzählt – geschweige denn von einer Schwester.

Dann öffnete ich die beigefügte Datei. Es war ein altes Familienfoto. Mark und Michael standen darauf neben einer jungen Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Auf der Rückseite war ein Datum notiert, das mehr als dreißig Jahre zurücklag.

Unter dem Foto stand ein Name.

Mein eigener Mädchenname.

Ich ließ das Bild beinahe fallen.

Denn die Frau auf dem Foto war nicht irgendeine Fremde.

Sie sah meiner Mutter verblüffend ähnlich.

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