Ich spürte, wie mir das Telefon aus der Hand zu rutschen begann.
Denn auch der Mann, der am Fenster stand, hatte diese Worte gehört.
Und zum ersten Mal in dieser Nacht verschwand ihr ruhiger Gesichtsausdruck.
Er sah mich direkt an und sagte mit sehr leiser Stimme:
—Anna, leg den Hörer weg.
Er kam auf mich zu und sagte ruhig, dass der Mann in dem verunglückten Auto tatsächlich Mark war, aber nicht der Mark, den ich kannte. Es stellte sich heraus, dass mein Mann einen Zwillingsbruder hatte, dessen Existenz er während unserer achtjährigen Ehe geheim gehalten hatte.
Der echte Mark starb bei dem Unfall, und der Mann, der die ganze Nacht neben mir gelegen hatte, entpuppte sich als sein Bruder. Das Schlimmste war, dass er viel zu viel über mich wusste, denn Mark hatte ihm jahrelang jedes Detail unseres Lebens erzählt.
Der Mann, der wie Mark aussah, blieb mitten im Wohnzimmer stehen. Sein Blick ruhte auf mir, und plötzlich erkannte ich etwas, das mir zuvor entgangen war: Er hatte Marks Gesicht, seine Stimme und sogar sein Lächeln – aber in seinen Augen lag eine Kälte, die ich bei meinem Mann nie gesehen hatte.
„Wie heißt du wirklich?“, fragte ich mit zitternder Stimme.
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen legte er sein Handy auf den Tisch, setzte sich auf das Sofa und deutete auf den Platz ihm gegenüber.
„Mein Name ist Michael“, sagte er schließlich. „Ich bin Marks Zwillingsbruder.“
„Warum hat Mark mir nie von dir erzählt?“
Michael senkte den Blick. Für einen Moment wirkte er beinahe traurig.
„Weil unsere Familie vor vielen Jahren beschlossen hat, dass es besser wäre, wenn die Welt nur einen von uns kennen würde.“
Ich verstand kein Wort. Mark hatte mir immer erzählt, dass er Einzelkind sei. Ich kannte die Namen seiner Eltern, die Geschichten aus seiner Kindheit und sogar die Namen seiner alten Schulfreunde. Wie konnte ein Zwillingsbruder acht Jahre lang in seinem Leben existieren, ohne dass ich je etwas von ihm erfahren hatte?
„Du lügst“, flüsterte ich.
Michael zog eine kleine, vergilbte Fotografie aus seiner Brieftasche und schob sie über den Tisch. Darauf standen zwei Jungen vor einem Haus. Sie sahen sich so ähnlich, dass ich sie kaum unterscheiden konnte. Auf der Rückseite standen zwei Namen: Mark und Michael.
„Wir waren nicht immer Feinde“, sagte er. „Aber Mark bekam alles, was ich wollte. Die Anerkennung unserer Eltern, das Vertrauen der Menschen und später sogar das Leben, das du mit ihm aufgebaut hast.“
„Du hast meinen Mann getötet?“
Michael hob sofort den Kopf.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich den Unfall verursacht habe.“
„Dann erklär mir, warum du in seinem Bett liegst! Warum du seine Kleidung trägst! Warum du all diese Dinge über mich weißt!“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Weil Mark mir alles erzählt hat. Er hat mir Fotos von dir gezeigt, von eurem Haus, von euren Reisen. Er hat mir sogar von euren kleinen Gewohnheiten erzählt. Ich wusste, wie du deinen Kaffee trinkst und welche Seite des Bettes du bevorzugst.“
Mir wurde übel. Die vertrauten Erinnerungen, mit denen er mich in der Leichenhalle beruhigt hatte, waren plötzlich nichts weiter als Informationen, die er gesammelt hatte.
„Und was willst du von mir?“
Michael beugte sich nach vorn.
„Ich möchte, dass du mir hilfst, die Wahrheit über unseren Bruder herauszufinden.“
Ich starrte ihn ungläubig an.
„Du erwartest, dass ich dir vertraue, nachdem du dich als mein Ehemann ausgegeben hast?“
„Nein“, sagte er leise. „Ich erwarte, dass du mir überhaupt nicht vertraust.“
Diese Antwort machte mir mehr Angst als jede Drohung.
In diesem Moment vibrierte mein Handy erneut. Der Kriminalbeamte rief zurück.
Ich nahm ab und schaltete den Lautsprecher ein.
„Mrs. Harris, wir müssen Sie dringend noch einmal sprechen. Wir haben bei der Untersuchung des Unfallwagens etwas gefunden, das die gesamte Situation verändert.“
Michael sprang auf.
„Leg auf!“
Seine Stimme war plötzlich so scharf, dass ich zusammenzuckte.
Am anderen Ende hörte ich den Beamten weiterreden.
„Wir haben eine zweite Geldbörse im Fahrzeug gefunden. Darin befand sich ein Ausweis mit dem Namen Michael Harris.“
Ich sah den Mann vor mir an. Zum ersten Mal wirkte er wirklich erschrocken.
„Außerdem“, fuhr der Beamte fort, „haben wir auf dem Beifahrersitz ein Mobiltelefon entdeckt. Die letzten Nachrichten darauf deuten darauf hin, dass Ihr Mann sich vor dem Unfall mit jemandem treffen wollte. Wir müssen wissen, ob Sie etwas über dieses Treffen wissen.“
„Nein“, flüsterte ich. „Ich weiß überhaupt nichts.“
Michael ging langsam zur Haustür.
„Anna, hör mir zu. Wenn du jetzt mit der Polizei sprichst, wirst du Dinge erfahren, die du vielleicht lieber nicht wissen möchtest.“
„Bleib stehen!“
Er hielt inne, drehte sich um und sah mich lange an.
Dann sagte er einen einzigen Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:
„Mark wollte dir gestern Abend die Wahrheit über mich erzählen. Deshalb ist er überhaupt losgefahren.“
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