Bevor ich weitere Fragen stellen konnte, brach die Verbindung ab.
Die Akte, die niemand öffnen wollte
Der Beamte nahm mir das Telefon ab und bat einen Kollegen, den Anruf zu dokumentieren.
„Frau Schneider, wir müssen jetzt sehr vorsichtig vorgehen. Wir werden die Identität der verstorbenen Person offiziell überprüfen lassen.“
Ich nickte, obwohl ich kaum noch etwas verstand.
Herr Keller, der zuständige Beamte, öffnete erneut die Akte.
„Wir haben bereits eine erste Unstimmigkeit entdeckt“, erklärte er. „Die Angaben zu den persönlichen Gegenständen stimmen nicht vollständig mit den Angaben aus dem Krankenhaus überein.“
„Was bedeutet das?“
„Unter den Gegenständen, die Ihnen übergeben wurden, befanden sich Dinge, die möglicherweise nicht zu Ihrem Mann gehörten.“
Ich dachte an die Uhr.
An den Ring.
An die Kleidung, die ich nach seinem angeblichen Tod erhalten hatte.
„Aber ich habe ihn doch gesehen.“
Herr Keller nickte.
„Das bestreiten wir nicht. Allerdings war die Situation damals außergewöhnlich. Sie standen unter Schock, und die Identifizierung muss unabhängig überprüft werden.“
Dann legte er ein weiteres Foto auf den Tisch.
Es zeigte einen Mann, den ich nicht kannte.
Doch seine Gesichtszüge erinnerten mich tatsächlich an Markus.
„Wer ist das?“, fragte ich.
„Sein Name ist noch nicht abschließend bestätigt. Wir haben jedoch einen möglichen Zusammenhang mit einer früheren Geschäftsbeziehung Ihres Mannes gefunden.“
Ich sah das Foto an.
Und plötzlich erinnerte ich mich an einen Satz, den Markus vor Monaten gesagt hatte:
„Es gibt Menschen, die einem ähnlicher sind, als man denkt.“
Damals hatte ich darüber gelacht.
Jetzt bekam ich eine Gänsehaut.
Martin erzählt die Wahrheit
Martin Weber wurde erneut befragt.
Diesmal bat er darum, allein mit den Ermittlern zu sprechen. Nach einiger Zeit wurde ich in den Raum gerufen.
Er sah erschöpft aus.
„Frau Schneider, ich muss Ihnen etwas gestehen.“
„Was denn?“
„Ich habe Ihnen nicht alles erzählt.“
Ich setzte mich langsam.
„Was haben Sie verschwiegen?“
Martin legte beide Hände auf den Tisch.
„Ich wusste schon vor einigen Monaten, dass Markus große Probleme hatte. Er hatte entdeckt, dass jemand in seinem Unternehmen Geldbewegungen verschleierte. Er vermutete, dass mehrere Personen daran beteiligt waren.“
„Und warum hat er mir nichts gesagt?“
„Weil er nicht wusste, wem er vertrauen konnte.“
Ich dachte an meine Schwester.
„Gehörte Clara dazu?“
Martin senkte den Blick.
„Sie hatte Kontakt zu einem Mann, der Markus sehr nahe stand. Mehr weiß ich nicht mit Sicherheit.“
„Und Thomas?“
Er nickte langsam.
„Thomas Keller war ebenfalls beteiligt. Aber ich glaube, dass er nicht derjenige war, der alles geplant hat.“
Ich spürte, wie mir der Atem stockte.
„Wer dann?“
Martin sah mich lange an.
„Ihr Bruder.“
Ich erstarrte.
„Mein Bruder ist seit Jahren nicht mehr in unser Leben involviert.“
„Das dachte Markus auch. Bis er herausfand, dass Ihr Bruder heimlich mit mehreren Personen aus seinem Unternehmen zusammengearbeitet hatte.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das kann nicht stimmen.“
Martin zog einen gefalteten Zettel aus seiner Tasche.
„Markus hat mir das gegeben. Er sagte, ich solle es Ihnen nur zeigen, wenn er nicht mehr selbst mit Ihnen sprechen könne.“
Auf dem Papier stand ein Datum und darunter ein kurzer Satz:
„Anna darf niemals erfahren, wer die ursprüngliche Vereinbarung unterschrieben hat.“
Darunter befand sich ein Name.
Mein Bruder.
Die Begegnung im Krankenhaus
Am Nachmittag wurde ich von meinem Cousin abgeholt und zurück ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte wollten sicherstellen, dass ich mich ausreichend erholte. Die Polizei versprach, mich über alle neuen Erkenntnisse zu informieren.
Ich hatte kaum die Augen geschlossen, als jemand an meine Tür klopfte.
Es war Clara.
Sie stand im Flur, trug denselben dunklen Mantel wie auf dem Foto und hielt ihre Handtasche fest vor sich.
„Anna“, sagte sie leise.
Ich sah sie an.
„Du hast mir jahrelang ins Gesicht gelogen.“
Sie trat einen Schritt näher.
„Bitte, lass mich erklären.“
„Du warst bei Markus. Du wusstest, dass ich ihn für tot hielt. Und du hast trotzdem verlangt, dass die Einäscherung sofort stattfindet.“
Clara begann zu weinen.
„Ich wollte dich schützen.“
„Vor wem? Vor deinem eigenen Mann? Vor meinem? Oder vor dir selbst?“
Sie senkte den Kopf.
Dann sagte sie:
„Markus hat mich gebeten, dir nichts zu erzählen. Er wollte, dass du glaubst, er sei verschwunden.“
Ich starrte sie an.
„Warum sollte er seinen eigenen Tod vortäuschen?“
Clara setzte sich.
„Weil er herausgefunden hatte, dass jemand einen Plan gegen ihn hatte. Er wusste, dass er in Gefahr war. Er wollte die Wahrheit aufdecken, ohne dass die anderen bemerkten, dass er noch lebte.“
„Und der Mann im Krankenhaus?“
Clara presste die Lippen zusammen.
„Das weiß ich nicht vollständig. Ich schwöre es dir.“
„Du erwartest, dass ich dir glaube?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich erwarte nur, dass du mir zuhörst.“
Der Umschlag aus dem Safe
Clara erzählte, dass Markus ihr einige Tage vor der Hochzeitsfeier einen Umschlag anvertraut hatte.
Darin befanden sich Kopien von Verträgen, Kontoauszügen und eine Liste mit Namen.
„Er sagte, ich solle den Umschlag nur dann öffnen, wenn ihm etwas zustößt.“
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