„Habt Ihr Euch verletzt?“
„Es sind nur kleine Wunden.“
„Der Arzt soll Euch untersuchen.“
„Das ist nicht nötig.“
Er hielt inne.
Dann nickte er.
„Wie Ihr wünscht.“
Diese einfache Antwort überraschte sie mehr, als sie zeigen wollte.
„Eure Gnaden“, sagte sie schließlich, „ich hoffe, Ihr glaubt nicht, dass ich Euren Sohn gerettet habe, um etwas von Euch zu bekommen.“
Der Herzog hob den Blick.
„Das glaube ich nicht.“
„Ich brauche weder eine Belohnung noch eine Einladung an Euren Hof.“
„Ich verstehe.“
Leonor musterte ihn misstrauisch.
„Tut Ihr das wirklich?“
Er ließ die Frage einen Moment stehen.
„Ich fürchte, ich habe damals nicht verstanden, was Ihr mir sagen wolltet.“
Sie wusste sofort, worauf er sich bezog.
„Der Heiratsantrag.“
„Ja.“
„Ich habe ihn abgelehnt, weil ich nicht als Verwalterin Eures Hauses oder Ersatzmutter für Euren Sohn gekauft werden wollte.“
Er verzog das Gesicht, doch er widersprach nicht.
„Ich habe Euren Brief damals für unvernünftig gehalten“, gab er zu. „Ich dachte, ich hätte Euch ein großzügiges Angebot gemacht. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie es sich für Euch anfühlen musste.“
Leonor setzte sich langsam.
„Mein Vater glaubte, ich hätte unsere einzige Chance auf Rettung zerstört.“
„Und Eure Mutter?“
„Sie hatte Angst. Sie wusste, dass die Gläubiger uns nicht mehr viel Zeit lassen würden.“
„Und Ihr?“
Leonor blickte auf ihre Hände.
„Ich hatte ebenfalls Angst. Aber ich hatte noch größere Angst davor, ein Leben lang in einem Haus zu leben, in dem ich nur deshalb willkommen war, weil ich meine Pflichten erfüllte.“
Der Herzog sah sie lange an.
„Ihr habt recht.“
Sie hatte eine Entschuldigung erwartet, vielleicht eine Erklärung.
Nicht diese drei Worte.
„Ich werde Eurer Familie jede angemessene medizinische Ausgabe erstatten“, sagte er. „Und ich möchte Euch für Eure Hilfe entschädigen.“
Leonor schüttelte den Kopf.
„Ihr könnt dem Arzt bezahlen, was er für Tomás gebraucht hat. Mehr verlange ich nicht.“
„Euer Vater hat Schulden.“
Sie versteifte sich.
„Das geht Euch nichts an.“
„Ihr habt recht“, sagte er erneut. „Es geht mich nichts an, solange Ihr nicht selbst darüber sprechen möchtet.“
Leonor wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
Der Herzog stand auf.
„Ich werde Euch nicht erneut bitten, mich zu heiraten. Nicht heute, nicht morgen und nicht als Gegenleistung für das Leben meines Sohnes.“
Sie blickte überrascht auf.
„Dann habt Ihr endlich verstanden, was ich Euch sagen wollte.“
„Ich hoffe es.“
Er ging zur Tür, hielt jedoch kurz davor inne.
„Darf ich Euch eine andere Frage stellen?“
„Welche?“
Er drehte sich zu ihr um.
„Wenn Ihr niemanden heiraten müsstet, um Eure Familie zu retten, wenn Ihr keine Schulden hättet und niemand etwas von Euch erwarten würde – welches Leben würdet Ihr Euch dann wünschen?“
Leonor erstarrte.
Niemand hatte sie das jemals gefragt.
Ihr Vater fragte, wie sie die Gläubiger besänftigen könnten. Ihre Mutter fragte, wie lange sie noch durchhalten könnten. Die Nachbarn fragten, ob sie einen passenden Mann gefunden habe.
Aber niemand fragte, was sie selbst wollte.
Sie blickte zum Fenster, hinter dem die Sonne langsam durch die Wolken brach.
„Ich würde gern lernen“, sagte sie schließlich. „Ich würde gern eine eigene Schule für die Kinder der umliegenden Dörfer eröffnen. Eine Schule, in der auch die Kinder armer Familien lesen, schreiben und rechnen lernen können.“
Der Herzog sagte nichts.
Leonor fuhr fort, jetzt leiser, aber sicherer.
„Ich möchte nicht, dass ein Kind seine Zukunft verliert, nur weil seine Eltern kein Geld haben. Und ich möchte nicht, dass Mädchen glauben, ihre einzige Möglichkeit sei, jemanden zu heiraten, der ihre Schulden bezahlt.“
Als sie ihn wieder ansah, war sein Gesichtsausdruck verändert.
Nicht verächtlich.
Nicht amüsiert.
Er sah sie an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er in keinem seiner Bücher und auf keinem seiner Ländereien gefunden hatte.
„Das“, sagte er langsam, „ist ein Leben, das es wert wäre, aufgebaut zu werden.“
Leonor schüttelte den Kopf.
„Bitte macht daraus kein weiteres Angebot, das ich annehmen soll, weil ich Euch etwas schulde.“
„Das werde ich nicht.“
Er verbeugte sich leicht.
„Ich werde lediglich darüber nachdenken, wie ich Euch helfen könnte, falls Ihr jemals selbst darum bitten möchtet.“
Dann verließ er den Salon.
Leonor blieb zurück und lauschte seinen Schritten im Flur.
Zum ersten Mal seit sechs Monaten wusste sie nicht, was sie von diesem Mann halten sollte.
Doch sie wusste eines ganz sicher:
Sie hatte seinen Antrag einst abgelehnt, weil er in ihr nur eine passende Lösung für sein Leben gesehen hatte.
Wenn er sie jemals wirklich kennenlernen wollte, musste er zuerst lernen, dass sie ein eigenes Leben besaß.
Und diesmal würde sie nicht zulassen, dass jemand anderes für sie entschied, wie es aussehen sollte.
**Doch Leonor ahnte nicht, dass der Herzog bei seiner Abreise eine Entscheidung getroffen hatte, die nicht nur das Schicksal ihrer Familie verändern würde. Denn noch bevor die Kutsche das Anwesen verließ, hatte Tomás seinen Vater um ein Versprechen gebeten – und dieses Versprechen würde den Herzog zwingen, zwischen einer alten gesellschaftlichen Verpflichtung und dem Glück seines Sohnes zu wählen.**
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