Und er wusste nicht, ob er ihr dafür danken oder sich für seine frühere Arroganz schämen sollte.

—

Als die Kutsche kurz nach Sonnenaufgang vor dem Anwesen Salvatierra hielt, war Don Ramiro bereits auf den Beinen.

Er trug seinen besten Mantel, obwohl die Ärmel an den Nähten abgenutzt waren. Neben ihm stand Doña Matilde, blass vor Müdigkeit.

Leonor kam aus dem Haus, als die Kutschentür geöffnet wurde.

Der Herzog stieg aus.

Er war größer, als sie erwartet hatte. Sein dunkler Mantel war mit Reiselehm bespritzt, und sein Gesicht wirkte so angespannt, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

Sein Blick glitt zuerst zu Don Ramiro.

Dann zu Doña Matilde.

Schließlich blieb er an Leonor hängen.

Für einen langen Augenblick sagte keiner von ihnen etwas.

Leonor erkannte ihn sofort.

Nicht, weil sie ihn jemals zuvor gesehen hatte, sondern weil sie sein Porträt im Brief bewahrt hatte, bis sie schließlich beschlossen hatte, es zu verbrennen.

Der Herzog erkannte sie ebenfalls.

„Ihr“, sagte er leise.

Leonor hob das Kinn.

„Eure Gnaden.“

Don Ramiro verbeugte sich hastig.

„Willkommen auf unserem bescheidenen Anwesen, Euer Gnaden. Euer Sohn befindet sich im Haus. Er hat die Nacht überlebt, und der Arzt ist bei ihm gewesen.“

Der Herzog schien die Begrüßung kaum wahrzunehmen.

„Ihr habt Tomás gerettet?“

„Ich habe ihn aus dem Fluss gezogen.“

„Ihr seid selbst hineingesprungen?“

„Natürlich.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Der Fluss ist gefährlich. Ihr hättet dabei sterben können.“

Leonor sah ihn kühl an.

„Euer Sohn hätte sterben können.“

Die Worte trafen ihn sichtbar.

Er senkte den Kopf.

„Ja“, sagte er. „Das hätte er.“

Für einen Moment war nur das Rascheln des Windes in den Bäumen zu hören.

Dann fragte der Herzog: „Darf ich ihn sehen?“

„Er schläft. Der Arzt hat empfohlen, ihn nicht unnötig aufzuregen. Ihr könntet leise eintreten.“

Der Herzog nickte und folgte Doña Matilde ins Haus.

Leonor blieb zurück.

Sie hatte erwartet, dass er sich wie ein Mann verhalten würde, der gewohnt war, Befehle zu erteilen. Sie hatte erwartet, dass er sofort seinen Sohn an sich reißen und anschließend darauf bestehen würde, sie reichlich zu belohnen.

Doch als er an der Tür innehielt, wandte er sich noch einmal zu ihr.

„Ich danke Euch“, sagte er.

Es klang nicht wie eine höfliche Floskel.

Es klang, als hätte er zum ersten Mal verstanden, dass sein Reichtum ihn nicht vor allem schützen konnte.

Leonor neigte leicht den Kopf.

„Bedankt Euch, indem Ihr dafür sorgt, dass Euer Sohn künftig nicht allein an einen gefährlichen Fluss geht.“

Der Herzog nahm die Worte ohne Widerspruch hin.

Dann verschwand er im Haus.

—

Als er das Zimmer betrat, lag Tomás mit geschlossenen Augen im Bett.

Der Herzog blieb zunächst an der Tür stehen.

Er hatte seinen Sohn schon oft schlafend gesehen. Doch an diesem Morgen schien der Anblick etwas in ihm zu zerbrechen.

Er ging zum Bett und kniete sich daneben.

„Tomás.“

Der Junge bewegte sich.

„Vater?“

„Ich bin hier.“

Tomás öffnete die Augen und begann sofort zu weinen.

Der Herzog nahm ihn vorsichtig in die Arme, achtete dabei aber darauf, die Decken nicht wegzuziehen.

„Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen“, flüsterte er.

„Es tut mir leid“, schluchzte Tomás. „Ich wollte nur Minze für Mama holen.“

„Du musst dich nicht entschuldigen, weil du deiner Mutter helfen wolltest. Aber du darfst nie wieder allein fortgehen, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Versprich mir das.“

„Ich verspreche es.“

Der Herzog hielt seinen Sohn lange fest.

Erst als Tomás sich beruhigt hatte, fragte er: „Wer hat dich gerettet?“

„Leonor.“

„Die junge Frau, die hier lebt?“

Tomás nickte.

„Sie ist ins Wasser gesprungen. Sie hat mich festgehalten, obwohl die Strömung so stark war. Und sie hat gesagt, ich solle die Augen offen halten.“

Der Herzog blickte zur Tür.

„War sie die ganze Nacht bei dir?“

„Ja. Sie hat mir erzählt, dass ich meiner Mutter helfen wollte, und sie hat nicht geschimpft.“

Der Herzog schwieg.

Er dachte an seinen eigenen Brief, in dem er eine unbekannte junge Frau aufgefordert hatte, eine Rolle in seinem Leben zu übernehmen, als könne man Fürsorge und Zuneigung vertraglich festlegen.

Und nun hatte diese Frau seinem Sohn mehr Menschlichkeit entgegengebracht, als er sich selbst in seiner Anfrage zugestanden hatte.

„Vater?“, fragte Tomás.

„Ja, mein Sohn?“

„Können wir ihr danken?“

Der Herzog küsste seine Stirn.

„Das werden wir.“

—

Später am Vormittag saß Leonor im kleinen Salon, als der Herzog eintrat.

Sie stand auf.

„Eure Gnaden.“

„Bitte, setzt Euch.“

Sie blieb stehen.

Er verstand die Botschaft und setzte sich selbst.

„Mein Sohn hat mir erzählt, was Ihr getan habt. Der Arzt sagt, dass es ihm besser geht. Dafür werde ich Euch immer dankbar sein.“

„Ich habe getan, was jeder getan hätte.“

„Nein“, erwiderte er. „Nicht jeder wäre in diesen Fluss gesprungen.“

Leonor schwieg.

Der Herzog betrachtete ihre Hände. Die Kratzer waren verbunden worden, doch an einigen Stellen war die Haut noch gerötet.