
Kapitel 02 – Die Gefangene, vor der alle Angst haben sollten
Die junge Frau saß auf dem kalten Küchenboden und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Ihre Kleidung war durchnässt, ihre Haare klebten an ihrem Gesicht, und ihre Hände zitterten. Für einen Augenblick schien es, als hätte sie den beiden Frauen nichts entgegenzusetzen.
Die größere Insassin verschränkte die Arme und grinste zufrieden.
„Na? Hast du jetzt verstanden, wie das hier funktioniert?“
Ihre Komplizin lachte.
„Vielleicht sollten wir ihr morgen noch einmal zeigen, wer in dieser Küche das Sagen hat.“
Die anderen Gefangenen schauten betreten zur Seite. Niemand wagte es, sich einzumischen. Selbst die Küchenmitarbeiter schienen plötzlich vergessen zu haben, dass sie gerade Zeugen eines schweren Übergriffs geworden waren.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Die junge Frau hob langsam den Kopf.
Sie weinte nicht. Sie schrie nicht. Sie beschimpfte ihre Angreiferinnen auch nicht.
Stattdessen betrachtete sie die beiden Frauen ruhig und sagte:
„Seid ihr fertig?“
Die größere Insassin lachte ungläubig.
„Was hast du gesagt?“
„Ich habe gefragt, ob ihr fertig seid.“
Das Lächeln der zweiten Frau verschwand.
„Du solltest lieber aufpassen, wie du mit uns redest.“
Die junge Frau stützte sich am Beckenrand ab und stand langsam auf. Sie strich ihre nassen Haare aus dem Gesicht und sah anschließend direkt zur Küchenleiterin.
„Bitte informieren Sie die diensthabende Aufsicht. Ich möchte einen Übergriff melden.“
Die größere Insassin prustete los.
„Eine Beschwerde? Gegen uns? Süße, hier verschwinden Beschwerden schneller als das Essen vom Mittagstisch.“
Die junge Frau antwortete nicht.
Sie ging zum Waschbecken an der Seite, wusch sich das Gesicht und nahm ein sauberes Handtuch entgegen, das ihr eine ältere Küchenangestellte vorsichtig reichte.
„Danke“, sagte sie leise.
Die Frau beugte sich zu ihr.
„Du musst hier vorsichtig sein. Die beiden haben schon viele Neue fertiggemacht. Niemand legt sich mit ihnen an.“
Die junge Frau sah sie an.
„Wie heißen sie?“
„Die Große ist Brenda. Die andere heißt Monica. Sie kontrollieren praktisch den ganzen Trakt. Sogar manche Wärter lassen sie gewähren, weil sie keinen Ärger wollen.“
Die Neue nickte.
„Und wer hat heute Dienst?“
Die Küchenangestellte zögerte.
„Wärterin Collins.“
Bei diesem Namen veränderte sich der Gesichtsausdruck der jungen Frau zum ersten Mal.
„Collins?“
„Ja. Kennst du sie?“
„Das werden wir gleich herausfinden.“
Wenige Minuten später betrat Wärterin Collins die Küche. Sie warf einen Blick auf das Durcheinander, die nassen Arbeitsflächen und die verängstigten Mitarbeiter.
„Was ist hier passiert?“
Brenda trat sofort vor.
„Nichts Besonderes. Die Neue hat sich ungeschickt angestellt. Sie ist ausgerutscht.“
Monica nickte eifrig.
„Genau. Wir wollten ihr nur helfen.“
Collins blickte zur jungen Frau.
„Stimmt das?“
Die Neue schwieg einen Moment.
Dann sagte sie: „Nein.“
Brenda verdrehte die Augen.
„Jetzt fängt sie wieder an.“
Doch die junge Frau sprach weiter.
„Die beiden haben mich angegriffen, weil ich mich geweigert habe, ihre persönliche Arbeit zu erledigen. Mehrere Personen haben es gesehen. Ich möchte, dass die Überwachungskameras überprüft und die Zeugen befragt werden.“
Collins seufzte.
„Sie wissen doch, wie schwierig es ist, hier mit Anschuldigungen umzugehen.“
„Dann wird es Ihnen sicher nicht schwerfallen, die Aufzeichnungen zu sichern.“
Die Wärterin runzelte die Stirn.
„Sie geben hier nicht die Befehle.“
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
Die junge Frau griff in die kleine Tasche ihrer Gefängniskleidung und zog ein gefaltetes Dokument hervor.
Collins nahm es entgegen.
Zunächst überflog sie nur die ersten Zeilen.
Dann wurde ihr Gesicht blass.
Sie las den Namen oben auf dem Blatt noch einmal.
Und noch einmal.
„Woher haben Sie das?“, fragte sie schließlich.
Brenda lachte.
„Was steht denn da? Hat unsere Neue etwa einen Liebesbrief bekommen?“
Collins ignorierte sie.
„Das kann nicht sein.“
Die junge Frau sah sie ruhig an.
„Doch. Mein Name steht dort. Und Sie wissen genau, weshalb ich hier bin.“
Monica trat näher.
„Was soll das bedeuten?“
Die Neue nahm das Dokument zurück.
„Mein Name ist Elena Ward. Ich bin keine gewöhnliche Insassin, die zufällig in diesem Gefängnis gelandet ist.“
Brenda verschränkte die Arme.
„Und was bist du dann? Eine Prinzessin?“
Elena sah sie an.
„Ich war sieben Jahre lang Ermittlerin bei der unabhängigen Behörde für Gefängnisaufsicht. Ich habe Übergriffe, Korruption und illegale Gefangenenprivilegien untersucht.“
In der Küche wurde es vollkommen still.
„Vor drei Monaten wurde ich als verdeckte Ermittlerin in diesen Fall aufgenommen“, fuhr Elena fort. „Meine Verlegung hierher war Teil einer Untersuchung, die sich mit den Zuständen in diesem Gefängnis beschäftigt.“
Collins starrte sie an.
„Sie wollen mir sagen, Sie sind undercover hier?“
„Ich sage Ihnen, dass die zuständige Behörde über meine Anwesenheit informiert ist. Und dass ich heute nicht zufällig angegriffen wurde.“
Brenda lachte nicht mehr.
„Das ist doch Unsinn!“
Elena drehte sich zu ihr.
„Vielleicht. Aber dann dürfte es Ihnen ja nichts ausmachen, wenn wir gemeinsam die Aufzeichnungen der letzten Wochen ansehen.“
Monica wich einen Schritt zurück.
Elena fuhr fort:
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