„Dann fragen wir Nicolás.“
„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun.“
Camila hob den Kopf.
„Warum?“
Marcos zögerte.
„Weil ich glaube, dass er selbst nicht die ganze Wahrheit kennt.“
## Die Tür, die sich um drei Uhr morgens öffnete
Camila konnte nicht schlafen.
Um 2:47 Uhr hörte sie Schritte auf dem Flur. Sie öffnete vorsichtig ihre Tür und sah Nicolás am Ende des Ganges stehen.
Er hielt ein Telefon am Ohr.
„Nein“, sagte er leise. „Sie darf davon nichts erfahren, bevor ich weiß, ob es stimmt.“
Dann beendete er das Gespräch.
Als er sich umdrehte, entdeckte er Camila.
„Sie sollten schlafen.“
Sie hielt ihm das Foto entgegen.
„Wer ist diese Frau?“
Nicolás erstarrte.
Zum ersten Mal, seit Camila ihn kennengelernt hatte, wirkte er nicht wie ein Mann, der jede Situation kontrollierte.
Er nahm das Bild, betrachtete es und schloss für einen Moment die Augen.
„Woher haben Sie das?“
„Marcos hat es mir gezeigt. Das ist meine Mutter.“
Nicolás hob langsam den Blick.
„Wie hieß sie?“
„Isabel Reyes.“
Seine Finger schlossen sich fester um das Foto.
„Isabel …“
„Sie kennen sie.“
Er antwortete nicht.
Camila trat einen Schritt näher.
„Meine Mutter hat mir gesagt, dass sie Sie nie getroffen hat. Warum steht sie dann auf diesem Foto?“
Nicolás schwieg so lange, dass Camila bereits dachte, er würde ihr überhaupt nicht antworten.
Dann sagte er einen einzigen Satz.
„Weil deine Mutter die Frau war, die mir vor zwölf Jahren das Leben gerettet hat.“
Camila starrte ihn an.
„Was?“
„In jener Nacht wurde ich verraten. Jemand aus meinem engsten Kreis hatte Informationen über meinen Aufenthaltsort weitergegeben. Isabel brachte mich rechtzeitig von dort weg.“
„Und warum hat sie mir nie etwas erzählt?“
Nicolás sah erneut auf das Foto.
„Weil sie am nächsten Morgen verschwunden ist.“
Camila spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzuziehen schien.
Ihre Mutter war nicht einfach nur eine Frau, die zufällig in der Vergangenheit des gefürchteten Nicolás Valdés aufgetaucht war.
Sie war ein Teil seines größten Geheimnisses.
Und möglicherweise war genau dieses Geheimnis der Grund, weshalb jemand Camila aus dem Weg räumen wollte.
Plötzlich vibrierte Nicolás’ Telefon.
Eine Nachricht erschien auf dem Bildschirm.
„Du hast die Tochter von Isabel bei dir. Gib uns die Karte, oder sie wird erfahren, was du ihrer Mutter wirklich angetan hast.“
Nicolás’ Gesicht verlor jede Farbe.
Camila las die Nachricht über seine Schulter.
Langsam hob sie den Blick zu ihm.
„Was haben Sie meiner Mutter angetan?“
Er öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, ertönte ein lauter Alarm aus dem Erdgeschoss.
Marcos’ Stimme drang durch das Sicherheitssystem.
„Nicolás! Jemand ist im Archiv!“
Nicolás steckte das Telefon ein und wandte sich zur Treppe.
„Bleiben Sie hier.“
Camila verschränkte die Arme.
„Sie haben offenbar noch immer nicht verstanden, mit wem Sie es zu tun haben.“
„Camila, das ist kein Spiel.“
„Das weiß ich. Es geht um meine Mutter.“
Sie folgte ihm.
Als sie das Archiv erreichten, stand die Tür offen. Schubladen waren herausgezogen, Dokumente lagen auf dem Boden, und der Bildschirm des Computers war schwarz.
Doch auf dem Schreibtisch lag etwas, das vorher nicht dort gewesen war.
Ein weißer Umschlag.
Darauf stand in großen Buchstaben:
CAMILA REYES – DIE WAHRHEIT ÜBER ISABEL.
Camila riss den Umschlag auf.
Darin befand sich eine Geburtsurkunde.
Sie las den Namen ihrer Mutter. Dann den Namen des Vaters.
Und plötzlich verstand sie, warum Nicolás Valdés sie angesehen hatte, als wäre die Vergangenheit gerade lebendig geworden.
Denn neben dem Namen ihres Vaters stand:
NICOLÁS VALDÉS.
Camila ließ das Dokument sinken.
Nicolás stand regungslos vor ihr.
„Sag mir, dass das eine Lüge ist“, flüsterte sie.
Er antwortete nicht sofort.
Und genau dieses Schweigen war schlimmer als jede Antwort.
Fortsetzung folgt in TEIL 3 …
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