Der schwarze Wagen raste durch die nächtlichen Straßen von Mexiko-Stadt.

Camila saß neben Nicolás Valdés und umklammerte ihre Handtasche, als könnte sie sie vor sämtlichen Geheimnissen dieser Nacht schützen.

Der Mann neben ihr betrachtete die silbernen Zahlen auf der schwarzen Karte.

„Ich werde Sie etwas fragen“, sagte er schließlich. „Und diesmal erwarte ich eine ehrliche Antwort.“

Camila hob eine Augenbraue.

„Wenn Sie mich fragen wollen, warum ich Ihnen zweimal auf die Brust getippt habe, lautet die Antwort immer noch: Sie standen im Weg.“

Marcos, der auf dem Beifahrersitz saß, verschluckte sich beinahe an seinem Kaffee.

Nicolás drehte langsam den Kopf zu ihr.

„Sie haben keine Ahnung, wann Sie besser schweigen sollten, oder?“

„Doch. Normalerweise dann, wenn mein Gegenüber aufhört, dumme Fragen zu stellen.“

Für einen Moment herrschte absolute Stille.

Dann geschah etwas, womit keiner der beiden Männer gerechnet hatte.

Nicolás lachte.

Nicht laut. Nicht lange. Aber es war ein echtes Lachen, und Marcos sah ihn im Rückspiegel an, als hätte er gerade beobachtet, wie ein Tiger höflich um Erlaubnis bat, bevor er sich hinsetzte.

„Chef“, murmelte er, „soll ich einen Arzt rufen?“

„Konzentrieren Sie sich auf die Straße.“

Camila lächelte zufrieden.

„Wenigstens einer hier weiß, wann er schweigen sollte.“

„Señorita Reyes“, sagte Nicolás kühl, „Sie testen meine Geduld.“

„Und Sie meine Nerven. Wir sind also quitt.“

Doch ihr Lächeln verschwand, als Nicolás die Karte erneut gegen das Licht hielt.

„Diese Karte gehört zu einem geheimen Archiv. Dort werden Informationen über meine Unternehmen, meine Geschäftspartner und Personen gespeichert, die niemals in offiziellen Unterlagen auftauchen dürften.“

Camila schluckte.

„Und warum steht mein Name darauf?“

„Das versuche ich herauszufinden.“

„Vielleicht sollten Sie bei Ihrem Personal anfangen.“

„Das habe ich bereits.“

Nicolás beugte sich ein wenig zu ihr.

„Und genau deshalb beunruhigt mich das Ganze.“

## Die Frau, die niemand auf dem Schirm hatte

Zwanzig Minuten später hielt der Wagen vor einer modernen Villa hinter hohen Mauern. Sicherheitskameras überwachten den Eingang, während mehrere Männer das Gelände kontrollierten.

Camila stieg aus und betrachtete das Gebäude.

„Sie wohnen hier allein?“

„Ja.“

Sie sah auf die zahlreichen Sicherheitsleute.

„Natürlich. Und ich bin die Königin von Spanien.“

Marcos musste sich abwenden, um sein Grinsen zu verbergen.

Nicolás öffnete die Eingangstür.

„Sie können auf dem Sofa schlafen.“

Camila blieb stehen.

„Entschuldigung?“

„Es ist spät. Draußen weiß jemand, dass Sie diese Karte bei sich hatten. Bis wir wissen, wer dahintersteckt, bleiben Sie hier.“

„Sie können mich nicht einfach festhalten!“

Sein Gesicht wurde ernst.

„Ich halte Sie nicht fest. Die Tür steht offen. Aber wenn Sie jetzt gehen, kann ich Ihnen nicht versprechen, dass Sie unterwegs sicher sind.“

Diesmal antwortete Camila nicht sofort.

Sie dachte an den unbekannten Mann mit der Waffe. An Esteban. An die Karte, die plötzlich in ihrer Tasche aufgetaucht war.

Schließlich seufzte sie.

„Gut. Aber ich möchte ein eigenes Zimmer, etwas zu essen und eine Erklärung, die länger als drei Sätze ist.“

„Sie verhandeln gern.“

„Ich arbeite in einem Restaurant. Wenn man dort nicht verhandeln kann, verhungert man.“

Nicolás schüttelte beinahe unmerklich den Kopf.

„Marcos, kümmern Sie sich darum.“

Als Camila mit dem Sicherheitschef verschwunden war, zog Nicolás sein Telefon hervor.

„Finden Sie Esteban Cruz“, befahl er. „Und überprüfen Sie jeden, der heute Abend Zugang zum Personalbereich hatte.“

Am anderen Ende der Leitung kam eine kurze Antwort.

Dann fügte Nicolás hinzu:

„Und finden Sie heraus, wer Camila Reyes wirklich ist.“

## Das Foto aus der Vergangenheit

Kurz nach Mitternacht klopfte es an Camilas Tür.

Marcos stand davor und hielt einen Teller mit Essen in der Hand.

„Der Chef möchte, dass Sie etwas essen.“

„Hat er Angst, dass ich verhungere und sein Sofa verfluche?“

„Ich glaube, er hat Angst, dass Sie ihn morgen früh wieder auf die Brust tippen.“

Camila lachte zum ersten Mal an diesem Abend.

Doch dann bemerkte sie, dass Marcos nicht allein gekommen war. In seiner anderen Hand hielt er ein altes Foto.

„Wir haben etwas in den Unterlagen Ihres Arbeitgebers gefunden“, erklärte er.

Camila nahm das Bild.

Darauf standen drei Personen vor dem Áurea, viele Jahre zuvor. Eine davon war Nicolás, deutlich jünger. Neben ihm stand Esteban Cruz.

Die dritte Person war eine Frau.

Camila wurde blass.

Sie kannte dieses Gesicht.

Es war ihre Mutter.

„Das ist unmöglich“, flüsterte sie.

Ihre Mutter hatte ihr immer erzählt, dass sie Nicolás Valdés nie begegnet sei. Sie hatte sogar behauptet, das Áurea sei ein Ort, den sie niemals betreten habe.

„Woher haben Sie dieses Foto?“

„Es lag in einem verschlossenen Fach des Archivs“, antwortete Marcos. „Zusammen mit einer Akte, die vor zwölf Jahren angelegt wurde.“

Camila drehte das Bild um.

Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Nachricht:

„Wenn Nicolás jemals herausfindet, was wirklich in jener Nacht geschah, wird keiner von uns mehr sicher sein.“

Ihre Finger begannen zu zittern.

„Was ist vor zwölf Jahren passiert?“

Marcos sah sie ernst an.

„Das wissen wir noch nicht.“