Die Handschrift war eindeutig die eines Mannes, der wenig Zeit gehabt hatte.

Der Brief enthielt keine Namen, sondern nur wenige Sätze:

Wenn mir etwas passiert, glaube nicht jedem, der behauptet, Marco schützen zu wollen. Die Gefahr kommt möglicherweise aus seinem engsten Umfeld. Ich habe etwas gesehen, das ich nicht hätte sehen sollen.

Marco las die Zeilen zweimal.

Dann blickte er zu Lorenzo.

Sein Onkel hatte plötzlich aufgehört zu lächeln.

„Was ist?“, fragte Marco.

„Nichts“, antwortete Lorenzo zu schnell.

Doch Marco bemerkte die Veränderung.

„Du hast gerade sehr genau zugehört.“

Lorenzo trat einen Schritt zurück.

„Ich werde mich nicht an solchen Spekulationen beteiligen. Du brauchst Ruhe und medizinische Betreuung, keine Familienintrigen.“

„Dann dürfte es dir ja nichts ausmachen, wenn die Ermittler mit dir sprechen.“

Lorenzo antwortete nicht.

Er verließ das Arbeitszimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Am nächsten Morgen traf ein Ermittlerteam in der Villa ein. Marco hatte beschlossen, die Angelegenheit nicht selbst zu untersuchen. Alle Dokumente sollten gesichert und unabhängig ausgewertet werden.

Anna übergab den Brief ihres Bruders und beantwortete die Fragen der Ermittler.

Dabei kam eine weitere Information ans Licht.

Paolo hatte wenige Tage vor dem Angriff einen Termin mit einem Buchhalter der Vitale-Unternehmen vereinbart. Der Buchhalter war damals ebenfalls plötzlich aus der Firma ausgeschieden.

Sein Name lautete Stefano Moretti.

Die Ermittler fanden heraus, dass Stefano inzwischen in einer anderen Stadt lebte. Er erklärte sich bereit, eine Aussage zu machen.

Zwei Tage später wurde er per Videoschaltung befragt.

Seine erste Aussage überraschte alle.

„Paolo hatte Belege dafür gefunden, dass vertrauliche Informationen aus dem Unternehmen weitergegeben wurden“, sagte Stefano. „Er wollte die Angelegenheit direkt mit Marco besprechen. Aber jemand kam ihm zuvor.“

Marco beugte sich vor.

„Wer?“

Stefano zögerte.

„Ich kann es nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Aber ich sah Lorenzo am Abend vor dem Angriff mit einem Mann sprechen, den ich nicht kannte. Später erfuhr ich, dass dieser Mann Zugang zu den Fahrplänen und den internen Terminen hatte.“

Lorenzo wurde daraufhin von den Ermittlern offiziell befragt. Er bestritt jede Beteiligung und erklärte, Stefano wolle sich an der Familie rächen.

Es gab noch keinen Beweis, der eine Schuld feststellte.

Doch Marco begann zu verstehen, dass sein Unfall möglicherweise Teil eines größeren Verrats gewesen war.

Am Abend bat er Anna in sein Arbeitszimmer.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Anna setzte sich ihm gegenüber.

„Was denn?“

„Ich habe dich anfangs für eine weitere Angestellte gehalten, die nur wegen des Geldes hier ist. Ich habe dich angeschrien und schlecht behandelt.“

Anna blieb ruhig.

„Sie waren verletzt und hatten Angst, die Kontrolle über Ihr Leben zu verlieren. Das erklärt manches, aber es macht Ihr Verhalten nicht richtig.“

Marco nickte langsam.

„Du hast recht.“

Er sah zum Fenster.

„Und ich möchte, dass du weißt: Du musst nicht hierbleiben, um herauszufinden, was mit deinem Bruder passiert ist. Deine Arbeit als Pflegekraft ist davon getrennt. Wenn du gehen möchtest, werde ich deine Entscheidung respektieren.“

Anna überlegte kurz.

„Ich möchte bleiben. Aber nur, wenn wir beide klare Grenzen einhalten und Ihre medizinische Versorgung weiterhin im Mittelpunkt steht.“

Marco nickte.

„Abgemacht.“

Zum ersten Mal seit seinem Unfall wirkte er nicht wie ein Mann, der Befehle erteilen musste, um sich stark zu fühlen.

Doch in derselben Nacht erhielt sein Anwalt eine neue Nachricht von den Ermittlern.

Sie hatten auf einem alten Firmencomputer eine Datei gefunden, die Paolo kurz vor seinem Tod angelegt hatte.

Der Dateiname lautete:

„Der Verräter sitzt am Familientisch.“

Und darunter stand ein Name, mit dem niemand gerechnet hatte.

Nicht Lorenzo.

Nicht Stefano.

Sondern der Name von Marcos verstorbenem Vater.

Marco las die Nachricht und wurde kreidebleich.

Denn plötzlich stellte sich eine ganz andere Frage:

Hatte sein Vater den Verrat damals entdeckt – oder war er selbst viel tiefer in die Geschichte verwickelt gewesen, als Marco jemals geahnt hatte?