„Frau Anna, Sie sollten wissen, dass Herr Vitale seit Ihrer Ankunft wieder regelmäßig nach Ihnen fragt.“
Anna lächelte leicht.
„Das ist doch gut.“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Sie verstehen nicht. Er hat heute seinen Anwalt angerufen und verlangt, dass alle Unterlagen über den Unfall noch einmal geprüft werden.“
Anna runzelte die Stirn.
„Warum?“
Der Leibwächter sah sich vorsichtig um und senkte die Stimme.
„Weil Herr Vitale glaubt, dass der Angriff auf seinen Wagen kein gewöhnlicher Anschlag war.“
In diesem Moment ertönte Marcos Stimme aus dem Arbeitszimmer.
„Anna! Komm bitte her!“
Sie ging hinein.
Marco saß vor einem geöffneten Aktenordner. Auf dem Schreibtisch lagen mehrere Dokumente und ein Foto seines verstorbenen Fahrers.
„Ich habe etwas gefunden“, sagte er.
Anna blieb neben der Tür stehen.
„Was denn?“
Marco deutete auf ein Dokument.
„Die Polizei ging davon aus, dass mein Fahrer mich an diesem Abend einfach nach Hause bringen wollte. Aber laut diesem Bericht hatte er kurz vor dem Angriff einen Anruf erhalten.“
Er sah Anna ernst an.
„Und weißt du, von wem?“
Bevor Anna antworten konnte, öffnete sich die Tür.
Ein älterer Mann trat ein. Es war Marcos Onkel, Lorenzo Vitale.
„Marco, wir müssen reden.“
Marco schob das Dokument sofort unter eine andere Akte.
„Was willst du?“
Lorenzo warf Anna einen abschätzigen Blick zu.
„Ich möchte mit meinem Neffen allein sprechen.“
Doch Marco überraschte alle mit seiner Antwort:
„Nein. Anna bleibt.“
Sein Onkel erstarrte.
Dann lächelte er kalt.
„Du vertraust einer fremden Pflegekraft mehr als deiner eigenen Familie?“
Marco blickte auf das Foto seines verstorbenen Fahrers.
„Im Moment vertraue ich niemandem.“
Lorenzo verlor sein Lächeln.
Und genau in diesem Augenblick vibrierte Marcos Telefon.
Eine unbekannte Nummer hatte eine Nachricht geschickt:
„Wenn du wissen willst, wer deinen Wagen damals verraten hat, frag deine neue Pflegekraft, warum sie wirklich in deine Villa gekommen ist.“
Marco hob langsam den Kopf.
Anna wurde blass.
Denn sie wusste plötzlich, dass jemand ihre Vergangenheit kannte – eine Vergangenheit, über die sie Marco bisher nichts erzählt hatte.
Marco legte das Telefon langsam auf den Schreibtisch.
Sein Blick blieb auf Anna gerichtet.
„Was bedeutet das?“
Anna schluckte.
„Ich kann Ihnen das erklären.“
Lorenzo verschränkte die Arme.
„Wie interessant. Vielleicht sollte ich lieber zuhören.“
„Du hast hier nichts zu suchen!“, fuhr Marco ihn an.
Doch Lorenzo blieb stehen.
„Marco, du solltest vorsichtig sein. Diese Frau ist erst seit wenigen Tagen in deinem Haus, und plötzlich taucht eine Nachricht auf, die ihren Namen mit deinem Unfall verbindet.“
Marco wandte sich wieder Anna zu.
„Ich stelle dir jetzt eine Frage. Hast du etwas mit dem Angriff auf meinen Wagen zu tun?“
„Nein“, antwortete sie sofort. „Aber ich kenne den Namen Ihres damaligen Fahrers.“
Marco erstarrte.
„Woher?“
Anna öffnete langsam ihre Tasche und holte ein altes Foto hervor.
Darauf war ein junger Mann neben einem schwarzen Wagen zu sehen.
Marco erkannte ihn sofort.
„Das ist Paolo!“
„Ja“, sagte Anna. „Mein älterer Bruder.“
Für einen Moment schien die ganze Villa stillzustehen.
Anna erzählte, dass Paolo viele Jahre zuvor als Fahrer für Marcos Familie gearbeitet hatte. Er war zuverlässig gewesen und hatte seiner Familie kaum etwas über seine Arbeit erzählt. Einige Wochen vor seinem Tod hatte er Anna jedoch angerufen und ihr gesagt, dass er sich Sorgen mache.
Er hatte bemerkt, dass bestimmte Informationen aus dem engsten Umfeld Marcos nach außen gelangten.
„Er wollte mit Ihnen sprechen“, erklärte Anna. „Aber bevor er die Gelegenheit dazu bekam, starb er bei dem Angriff.“
Marco blickte auf das Foto seines Fahrers.
„Warum hast du mir das nicht von Anfang an gesagt?“
Anna senkte den Kopf.
„Weil mein Bruder mir kurz vor seinem Tod eine Nachricht hinterlassen hat. Darin bat er mich, mich von Ihrer Familie fernzuhalten.“
„Und trotzdem bist du hierhergekommen?“
„Ich wollte herausfinden, warum er so große Angst hatte. Als ich erfuhr, dass Sie eine Pflegekraft suchten, sah ich eine Möglichkeit, Antworten zu finden. Ich wusste nicht, ob Sie etwas über seinen Tod wussten.“
Marco schwieg.
Lorenzo schüttelte verächtlich den Kopf.
„Das ist doch lächerlich. Sie hat sich unter einem Vorwand Zugang zu unserem Haus verschafft!“
Anna drehte sich zu ihm.
„Ich habe mich als Pflegekraft beworben. Ich habe meine Ausbildung und meine bisherigen Arbeitszeugnisse vorgelegt. Ich habe niemandem etwas vorgemacht.“
„Aber du hast verschwiegen, dass dein Bruder für Marco gearbeitet hat.“
„Weil ich nicht wusste, wem ich vertrauen kann.“
Marco hob eine Hand.
„Genug.“
Er wandte sich an seinen Anwalt, der inzwischen durch einen Leibwächter hereingerufen worden war.
„Ich möchte, dass sämtliche Unterlagen zum Unfall von einer unabhängigen Stelle geprüft werden. Auch die Anrufprotokolle und die Aussagen aller Beteiligten.“
Der Anwalt nickte.
„Das lässt sich veranlassen. Allerdings sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen.“
Marco sah Anna an.
„Hast du noch etwas von deinem Bruder?“
Anna holte einen kleinen Umschlag hervor.
„Nur diesen Brief. Ich habe ihn seit seinem Tod aufbewahrt.“
Marco öffnete ihn vorsichtig.
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