Rourke schloss für einen kurzen Moment die Augen.
„Weil nicht jeder wissen sollte, dass Sie zurückgekehrt sind.“
Diese Worte trafen den Übungsplatz härter als Whitmores Ohrfeige.
Zurückgekehrt?
Wohin?
Und warum sah ein erfahrener Kommandant aus, als hätte er gerade einen Geist erkannt?
Mara strich ihren verrutschten Uniformkragen glatt. Ihre Finger berührten kurz die Stelle unterhalb ihres rechten Ohrs, an der das schwarze Zeichen verborgen lag.
„Ich bin nicht zurückgekehrt, um jemandem Angst zu machen“, sagte sie. „Ich bin hier, weil mir versichert wurde, dass sich die Dinge geändert hätten.“
„Sie haben sich geändert“, antwortete Rourke hastig.
Mara sah ihn an.
„Dann erklären Sie mir, warum ein Kadett glaubt, er könne einen Kameraden schlagen und anschließend hinter dem Vermögen seines Vaters verschwinden.“
Rourke senkte den Blick.
„Sie haben recht.“
„Das weiß ich.“
Für einen Moment schien selbst die Sonne über dem Platz schwächer zu brennen.
Dann ertönte ein Signal aus dem Verwaltungsgebäude. Ein Sergeant eilte über den Asphalt und hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand.
„Kommandant! Eine dringende Nachricht vom Hauptquartier.“
Rourke nahm den Umschlag entgegen. Als er das Siegel sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck erneut.
Auf der Vorderseite standen nur drei Wörter:
**PRIORITÄT: SCHWARZER SPEER**
Mara bemerkte es sofort.
„Wer hat den Alarm ausgelöst?“, fragte sie.
„Ich nicht“, antwortete Rourke.
„Dann hat jemand mein Eintreffen gemeldet.“
Der Kommandant öffnete den Umschlag. Er las die ersten Zeilen, und mit jedem Wort wurde seine Miene angespannter.
Schließlich reichte er Mara das Blatt.
Sie überflog den Text.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft verschwand die vollkommene Ruhe aus ihren Augen.
Nicht viel. Nur ein winziger Riss in ihrer Selbstbeherrschung.
Aber ich sah ihn.
„Das ist unmöglich“, murmelte sie.
„Offenbar nicht“, sagte Rourke.
Mara faltete das Schreiben sorgfältig zusammen.
„Wer außer Ihnen wusste, dass ich heute hier sein würde?“
„Der Leiter der Personalabteilung. Der Kommandant des Ausbildungszentrums. Und General Harland.“
Bei diesem Namen hob Mara abrupt den Kopf.
„Harland kommt heute hierher?“
„Ja. Er sollte sich mit Whitmores Vater treffen.“
Mara blickte hinüber zu Julian Whitmore, der inzwischen von den Militärpolizisten zum Verwaltungsgebäude begleitet wurde. Sein selbstsicheres Auftreten war verschwunden, doch in seinen Augen lag noch immer Trotz.
„Dann halten Sie ihn von seinem Vater fern“, sagte sie.
Rourke runzelte die Stirn.
„Warum?“
Mara trat einen Schritt näher und senkte die Stimme.
„Weil Ihr heutiger Vorfall kein Zufall war.“
Rourke wurde blass.
„Was meinen Sie damit?“
„Whitmore wusste, wer ich bin.“
„Das ist unmöglich. Niemand hier kennt Ihre wahre Identität.“
„Jemand muss es ihm gesagt haben.“
Mara sah wieder zu dem Verwaltungsgebäude.
„Jemand wollte, dass er mich provoziert. Jemand wollte sehen, ob ich mich wehre. Und jemand wollte, dass Sie dieses Zeichen erkennen.“
Rourke schwieg.
Zum ersten Mal verstand ich, dass die Ohrfeige vielleicht nur der Anfang gewesen war.
Mara war nicht einfach eine ungewöhnlich disziplinierte Soldatin. Das Tattoo war kein gewöhnliches Abzeichen. Und die Angst des Kommandanten galt nicht allein ihrer Vergangenheit.
Sie galt dem, was diese Vergangenheit enthüllen konnte.
Plötzlich knisterte das Funkgerät an Rourkes Schulter.
„Kommandant, hier Torwache. Ein schwarzer Geländewagen hat sich dem Haupteingang genähert. Zwei Insassen. Einer weist sich als General Harland aus.“
Rourke griff nach seinem Funkgerät.
„Lassen Sie das Fahrzeug draußen. Niemand betritt das Gelände, bis ich es persönlich freigebe.“
Eine kurze Pause folgte.
Dann meldete sich die Torwache erneut.
„Sir, das Fahrzeug hat keine Kennzeichen.“
Mara schloss die Augen.
Nur für eine Sekunde.
Als sie sie wieder öffnete, war der Riss in ihrer Fassade verschwunden.
„Zu spät“, sagte sie.
Aus der Ferne ertönte das dumpfe Geräusch eines Motors.
Der schwarze Wagen fuhr durch das geöffnete Tor, ohne anzuhalten.
Rourke fluchte leise und gab den Militärpolizisten ein Zeichen. Doch Mara hob die Hand, und beide Männer blieben stehen.
„Niemand zieht eine Waffe“, befahl sie.
„Private Vance, Sie können mir nicht einfach Befehle erteilen!“, protestierte Rourke.
Mara wandte sich zu ihm.
„Dann betrachten Sie es als Warnung.“
Der Geländewagen hielt am Rand des Übungsplatzes.
Die Fahrertür öffnete sich.
Ein hochgewachsener Mann in Zivil stieg aus. Sein graues Haar war ordentlich zurückgekämmt, seine Bewegungen waren ruhig, und an seinem linken Handgelenk trug er eine Uhr, die ich schon einmal gesehen hatte.
An Whitmores Arm.
Der Mann blickte über die Formation hinweg, bis seine Augen auf Mara ruhten.
Dann lächelte er.
„Mara Vance“, sagte er laut genug, dass die vorderen Reihen ihn hören konnten. „Ich hatte gehofft, du würdest vernünftig genug sein, niemals hierher zurückzukommen.“
Mara bewegte sich nicht.
Doch ihre rechte Hand schloss sich langsam zur Faust.
„Und ich hatte gehofft, dass du längst im Gefängnis sitzt, Bennett.“
Kommandant Rourke sog scharf die Luft ein.
Der Mann lächelte nicht länger.
Denn jetzt wusste ich, dass der Name auf dem versiegelten Schreiben nicht zufällig dort gestanden hatte.
**SCHWARZER SPEER war keine Einheit.**
Es war der Name einer Operation, die offiziell nie stattgefunden hatte.
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