Die alte Frau nickte, doch ihre Sorge blieb.
„Octavio wird das nicht auf sich beruhen lassen“, sagte sie.
„Das weiß ich“, antwortete Nazario.
Er sah Elena an.
„Aber jetzt haben wir etwas, das er offenbar unbedingt finden will.“
Sie verließen die Herberge durch den hinteren Hof und gingen über einen schmalen Weg zwischen verlassenen Schuppen. Der nördliche Minenweg führte aus der Stadt hinaus, vorbei an kahlen Hügeln und rostigen Schienen, auf denen seit Jahren keine Lore mehr gefahren war.
Die alte Werkstatt lag hinter einer Reihe verwilderter Mesquitebäume. Das Dach war teilweise eingestürzt, und die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Auf den ersten Blick wirkte das Gebäude verlassen.
Nazario blieb vor der Tür stehen und untersuchte das Schloss.
„Jemand war hier“, sagte er.
Elena betrachtete den Boden. Im Staub waren frische Stiefelabdrücke zu erkennen. Sie führten zur Tür und wieder hinaus.
„Vielleicht hat Cárdenas bereits gewusst, dass Tomás etwas versteckt hatte.“
Nazario zog nicht seinen Revolver. Stattdessen lauschte er.
Aus dem Inneren kam ein leises Geräusch.
Ein metallisches Klirren.
Dann eine Stimme.
„Ich habe euch gesagt, dass niemand hierherkommen soll.“
Nazario stellte sich vor Elena.
„Wir suchen keine Schwierigkeiten“, sagte er laut. „Wir wollen nur wissen, was Tomás Montalvo hier zurückgelassen hat.“
Drinnen wurde es still.
Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt.
Ein alter Mann mit eingefallenen Wangen blickte hinaus. Seine Kleidung war staubig, und an seinem Gürtel hing ein Schlüsselbund.
Als er Elena sah, wurden seine Augen groß.
„Du bist Tomás’ Frau.“
„Ja“, antwortete sie. „Kannten Sie meinen Mann?“
Der alte Mann sah zuerst sie und dann Nazario an.
„Ich kannte ihn besser, als mir lieb ist.“
„Wie heißen Sie?“, fragte Nazario.
„Mateo Ruiz. Ich war früher für die Lagerbücher der Mine verantwortlich.“
Nazario wechselte einen kurzen Blick mit Elena.
„Dann können Sie uns vielleicht erklären, warum Don Octavio Cárdenas eine Witwe wegen einer Schuld verfolgt, die sie nie anerkannt hat.“
Mateo trat zurück und ließ sie eintreten.
Das Innere der Werkstatt roch nach Staub, altem Öl und feuchtem Holz. An der hinteren Wand standen verrostete Werkzeuge. Unter einer Plane befand sich ein kleiner Schreibtisch mit einer Schublade, die mit einem Vorhängeschloss gesichert war.
Mateo blickte auf den Schlüssel in Nazarios Hand.
„Also hat Tomás ihn dir doch hinterlassen“, murmelte er.
Elena trat einen Schritt näher.
„Was hat mein Mann entdeckt?“
Der alte Buchhalter setzte sich schwer auf einen Hocker.
„Vor seinem Tod fand Tomás heraus, dass die Bücher der Mine manipuliert wurden. Silber wurde als verloren oder gestohlen eingetragen, obwohl es die Lagerhäuser nie verlassen hatte. Andere Lieferungen wurden auf dem Papier an Händler verkauft, die gar nicht existierten.“
„Und wer tat das?“, fragte Nazario.
Mateo sah ihn lange an.
„Octavio Cárdenas war nicht allein. Er hatte Helfer im Kontor, Männer, die die Einträge änderten und dafür sorgten, dass niemand die Abrechnungen überprüfte. Aber Tomás fand etwas, das alles verändern konnte: eine zweite Buchführung.“
„Wo ist sie?“, fragte Elena.
Mateo deutete auf die verschlossene Schublade.
Nazario trat an den Schreibtisch und steckte den Schlüssel ins Schloss. Er drehte ihn langsam. Das Schloss klickte.
Darin lag ein dickes, in braunes Papier eingeschlagenes Buch.
Elena hielt den Atem an.
Mateo hob eine zitternde Hand.
„Wenn dieses Buch echt ist, beweist es, dass die angeblichen Schulden nicht das Einzige waren, was Cárdenas erfunden hat. Es zeigt, wohin das verschwundene Silber gebracht wurde und wer dafür bezahlt wurde.“
Nazario schlug die erste Seite auf.
Mehrere Namen waren in sauberer Handschrift eingetragen. Neben jedem Namen standen Daten, Beträge und kurze Vermerke. Er blätterte weiter, bis er zu einer Seite kam, auf der ein Datum aus der Zeit von Rafaels Tod stand.
Dort fand er den Namen seines Bruders.
Doch darunter stand noch etwas anderes.
Eine Zahlung war wenige Tage vor dem Überfall an einen Mann geleistet worden, der offiziell als Sicherheitsbeauftragter der Mine geführt wurde.
Und in der Spalte für die Genehmigung stand der Name:
**Octavio Cárdenas.**
Nazario schloss das Buch.
Sein Gesicht blieb ruhig, aber Elena sah, wie sich seine Hand um den Einband spannte.
Zehn Jahre lang hatte er nach einem Beweis gesucht.
Nun lag er vor ihm.
Doch bevor er etwas sagen konnte, ertönte draußen das Geräusch mehrerer Pferde.
Mateo sprang auf.
„Sie haben uns gefunden.“
Nazario schob das Buch unter seinen Mantel und wandte sich zur Tür.
Draußen hielten mindestens vier Reiter. Einer von ihnen stieg ab und klopfte mit dem Griff seiner Peitsche gegen den Türrahmen.
„Elizondo!“, rief eine vertraute Stimme. „Don Octavio möchte das Buch zurückhaben.“
Nazario sah Elena an.
Jetzt verstand sie, warum Cárdenas sie so verzweifelt hatte einschüchtern wollen. Es ging nie nur um vierzig Pesos. Es ging um die Wahrheit, die ihr Mann mit seinem Leben hatte schützen wollen.
Nazario trat vor die Tür.
„Dann soll er selbst kommen und erklären, warum sein Name in diesen Aufzeichnungen steht.“
Der Mann draußen lachte.
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