Daneben stand ein Datum, das nur wenige Tage vor dem Tod des Bergarbeiters lag.
Nazario erinnerte sich an die Worte des ehemaligen Buchhalters: Tomás habe nicht nur Unterlagen über verschwundenes Silber gesucht. Er habe eine Abschrift eines Geschäftsbuchs besessen, das beweisen konnte, wer den Überfall auf Rafaels Wagen angeordnet hatte.
Doch diese Abschrift war nie gefunden worden.
Nazario faltete die Papiere zusammen und blickte zum dunklen Fenster.
Wenn Tomás die Wahrheit entdeckt hatte, dann konnte Octavio Cárdenas einen sehr guten Grund gehabt haben, ihn zum Schweigen zu bringen.
Am nächsten Morgen würde Nazario in die Minen gehen.
Und diesmal würde er nicht nur nach dem Namen seines Bruders suchen.
Er würde herausfinden, warum eine arme Witwe für eine Schuld bestraft werden sollte, die möglicherweise niemals existiert hatte.
## Der nächste Morgen: Eine Warnung an der Tür
Die Sonne war kaum über den Hügeln aufgegangen, als Elena durch lautes Klopfen geweckt wurde.
Dreimal schlug jemand gegen die Tür der Herberge.
Doña Inés öffnete nicht sofort. Sie trat zunächst ans Fenster, zog den Vorhang einen Spalt zur Seite und sah hinaus. Als sie die beiden Männer auf der Straße erkannte, wich die Farbe aus ihrem Gesicht.
„Nazario!“, rief sie.
Der Reiter kam gerade aus dem hinteren Zimmer. Er hatte die Nacht kaum geschlafen und trug noch dieselbe Kleidung wie am Vorabend.
„Wer ist es?“
„Zwei Männer von Cárdenas.“
Nazario ging zur Tür, blieb jedoch im Schatten des Flurs stehen.
„Was wollt ihr?“, fragte Doña Inés durch das Holz.
„Wir haben eine Nachricht für Elena Montalvo“, antwortete einer der Männer. „Sie soll sich heute vor Mittag im Kontor von Don Octavio einfinden. Wenn sie nicht kommt, wird ihre Unterkunft durchsucht.“
„Auf welcher Grundlage?“, fragte Nazario.
Draußen herrschte einen Moment lang Stille.
Dann hörte man ein verächtliches Lachen.
„Das geht dich nichts an, Elizondo. Cárdenas sagt, die Witwe habe Eigentum unterschlagen, das als Sicherheit für ihre Schulden hinterlegt worden sei.“
Elena war inzwischen die Treppe heruntergekommen. Als sie die Worte hörte, klammerte sie sich an das Geländer.
„Ich habe nichts unterschlagen!“, rief sie.
„Dann wird es dir leichtfallen, das zu beweisen“, erwiderte der Mann. „Mittag. Vergiss es nicht.“
Die Schritte entfernten sich.
Doña Inés verriegelte die Tür und drehte sich zu Elena um.
„Was für Eigentum soll das sein?“
Elena schüttelte verwirrt den Kopf.
„Wir hatten kaum etwas. Ein paar Möbel, Werkzeuge und die Sachen meines Mannes. Alles wurde verkauft, um die Behandlung zu bezahlen.“
Nazario sagte zunächst nichts. Er ging zum Tisch, nahm Elenas Zahlungsheft und blätterte darin.
„Hat Cárdenas jemals verlangt, dass Sie ihm etwas anderes als Geld geben?“
„Nein.“
„Hat Tomás Ihnen jemals etwas anvertraut, das Sie verstecken sollten? Einen Brief, einen Schlüssel oder ein Dokument?“
Elena wollte den Kopf schütteln, doch plötzlich hielt sie inne.
Eine Erinnerung kehrte zurück.
Drei Tage vor seinem Tod hatte Tomás sie gebeten, seine alte Nähkiste nicht wegzuwerfen. Er hatte sie ihr gegeben, obwohl sie voller Rost gewesen war und der Deckel kaum noch schloss.
„Er sagte, sie gehöre mir“, flüsterte sie. „Ich dachte, er wollte nur, dass ich etwas von ihm behalte.“
„Wo ist sie?“, fragte Nazario.
„In meinem Zimmer. Ich habe sie unter dem Bett versteckt.“
Sie gingen gemeinsam nach oben. Elena kniete sich neben das Bett und zog eine kleine, verbeulte Blechkiste hervor. Der Verschluss war beschädigt, und eine Ecke war so stark eingedrückt, dass der Deckel schief saß.
Nazario öffnete sie vorsichtig.
Darin lagen Garnrollen, eine stumpfe Schere, einige Knöpfe und ein kleines Stück Stoff, das sorgfältig um etwas Flaches gewickelt war.
Elena nahm es heraus.
Zum Vorschein kam ein schmaler Schlüssel aus dunklem Metall.
Darunter lag ein gefalteter Zettel.
Ihre Hände zitterten, als sie das Papier öffnete. Die Schrift war unverkennbar die ihres Mannes, doch die wenigen Zeilen waren so hastig geschrieben, dass sie sie zweimal lesen musste.
*Elena, falls jemand nach den Büchern fragt, vertraue keinem Mann aus Cárdenas’ Kontor. Der Schlüssel gehört zu dem alten Schließfach hinter der Werkstatt am nördlichen Minenweg. Bewahre ihn gut auf. Ich wollte dir alles erklären, aber ich hatte nicht mehr genug Zeit.*
Am Ende stand nur ein Satz:
*Verzeih mir, dass ich dich in diese Gefahr gebracht habe.*
Elena presste das Papier an ihre Brust.
„Er wusste, dass etwas passieren könnte“, sagte sie. „Und er hat es mir nicht gesagt.“
Nazario nahm ihr den Zettel nicht weg. Er ließ sie einen Moment lang mit ihrer Trauer allein.
Dann fragte er leise: „Wissen Sie, wo die alte Werkstatt ist?“
Elena nickte.
„Tomás hat dort früher gearbeitet, bevor er in die Mine wechselte. Das Gebäude steht seit Jahren leer.“
„Dann gehen wir dorthin.“
„Aber die Männer werden zurückkommen.“
„Deshalb gehen wir nicht durch die Hauptstraße.“
Nazario steckte den Schlüssel in seine Innentasche und faltete den Zettel sorgfältig zusammen. Anschließend bat er Doña Inés, niemandem zu erzählen, wohin sie gegangen waren.
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