Abigail hatte ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Bevor sie Nicholas geheiratet hatte, hatte sie für eine regionale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet.
Sie war intelligent.
Sorgfältig.
Und vor allem hatte sie ein außergewöhnliches Gedächtnis für Zahlen.
„Was war ungewöhnlich?“, fragte Hale.
„Mehrere Transportrechnungen hatten identische Leistungsbeschreibungen, aber unterschiedliche Beträge. Einige Lieferungen waren als abgeschlossen markiert, obwohl die angegebenen Empfangsbestätigungen fehlten.“
Ich spürte, wie meine Aufmerksamkeit schärfer wurde.
„Welche Auftraggeber?“
Abigail sah mich an.
„Unter anderem das Verteidigungsministerium.“
Hale blickte kurz zu mir.
Ich sagte nichts.
„Ich habe Nicholas später gefragt, ob das nicht ein Fehler sei“, fuhr Abigail fort. „Er wurde sofort wütend. Er sagte, ich solle mich aus Dingen heraushalten, die ich nicht verstehe.“
„Hat er erklärt, warum?“
„Nein. Aber am nächsten Tag war die Mappe verschwunden.“
Abigail schluckte.
„Zwei Tage später hörte ich Gregory und Nicholas im Arbeitszimmer sprechen.“
„Worüber?“
„Über eine interne Prüfung. Gregory sagte, dass jemand in der Vertragsabteilung Fragen stellte.“
Hale schrieb etwas auf.
„Erinnern Sie sich an den Namen?“
Abigail überlegte.
„Ich glaube, sie nannten ihn Daniel.“
Ich blickte zu Vance.
Er erwiderte meinen Blick, ohne etwas zu sagen.
„Und dann?“, fragte Hale.
Abigails Stimme wurde noch leiser.
„Nicholas sagte, ich hätte die Rechnungen gesehen. Gregory fragte, wie viel ich verstanden hätte.“
Sie hielt inne.
„Danach durfte ich das Haus nicht mehr allein verlassen.“
Der Raum wurde still.
Hale wartete geduldig.
„Abigail, haben Sie Kopien dieser Unterlagen angefertigt?“
Sie zögerte.
„Ja.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Wo sind sie?“
„Ich habe einige Seiten fotografiert, bevor Nicholas mein Telefon wegnahm.“
„Dann befinden sich die Bilder möglicherweise noch auf dem Gerät“, sagte Hale.
Abigail schüttelte den Kopf.
„Nicht nur dort.“
Sie sah mich direkt an.
„Mama, erinnerst du dich an das Geburtstagsgeschenk, das du mir letztes Jahr gegeben hast?“
Ich runzelte die Stirn.
„Die kleine silberne Halskette?“
Sie nickte.
„Mit dem Anhänger.“
Ich erinnerte mich.
Ein schlichter silberner Anhänger in Form eines Kompasses.
Auf der Rückseite waren zwei Worte eingraviert:
Find Your North.
Finde deinen Norden.
Ich hatte ihn ihr an ihrem achtundzwanzigsten Geburtstag geschenkt, kurz bevor sie Nicholas geheiratet hatte.
„Was ist damit?“, fragte ich.
Abigail blickte zur Tür.
Dann flüsterte sie:
„Nicholas glaubt, es sei nur Schmuck.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Abby?“
„Ich habe etwas darin versteckt.“
Hale richtete sich auf.
„Was genau?“
„Eine winzige Speicherkarte.“
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Dann fragte Hale vorsichtig:
„Befindet sich die Halskette noch bei Ihnen?“
Abigail schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich spürte, wie die Hoffnung in mir für einen Augenblick nachließ.
„Wo ist sie?“
Abigail blickte mich an.
„Patricia trägt sie.“
## Kapitel 5 – DIE FRAU MIT DEM SILBERNEN KOMPASS
Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viele Menschen erlebt, die ihre Macht überschätzten.
Kommandeure, die glaubten, ihre Befehle stünden über jeder Vorschrift.
Unternehmer, die öffentliche Verträge als persönliche Geldquelle betrachteten.
Politiker, die annahmen, ein einziger Anruf könne eine Untersuchung verschwinden lassen.
Doch Patricia Ferguson gehörte zu einer besonderen Kategorie.
Sie war eine Frau, die ihr ganzes Leben in einer Welt verbracht hatte, in der Reichtum als Beweis für moralische Überlegenheit galt.
Und nun trug sie möglicherweise den entscheidenden Hinweis auf Unregelmäßigkeiten im Unternehmen ihrer Familie um den Hals.
Ich wandte mich an Detective Hale.
„Sie haben es gehört.“
Er nickte.
„Ja. Aber wir werden nichts überstürzen.“
„Das erwarte ich auch nicht.“
Hale stand auf.
„Ich werde die Information dokumentieren und mit der Staatsanwaltschaft besprechen, welche rechtlichen Schritte zur Sicherung des Gegenstands möglich sind.“
Ich nickte.
„Gut.“
Er ging zur Tür.
Bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal um.
„Colonel Gardner, ich muss Sie um etwas bitten.“
„Was?“
„Lassen Sie mich die Ermittlungen führen.“
Ich sah ihn lange an.
Dann antwortete ich:
„Solange meine Tochter geschützt wird und Sie Ihre Arbeit machen können, werde ich Ihnen nicht im Weg stehen.“
Hale nickte knapp.
„Dann verstehen wir uns.“
Als er das Zimmer verließ, sank Abigail erschöpft in die Kissen zurück.
Ich zog die Decke vorsichtig über ihre Schultern.
„Du warst sehr mutig.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich hatte solche Angst, Mama.“
„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.“
Sie blickte mich an.
„Du hast mir das früher immer gesagt.“
„Weil es wahr ist.“
Für einen Moment sah ich nicht die erwachsene Frau vor mir, die in eine wohlhabende Familie eingeheiratet hatte.
Ich sah das kleine Mädchen, das früher auf meinem Schoß gesessen und gefragt hatte, warum ich so oft fortmusste.
Ich erinnerte mich an die Geburtstage, die ich wegen Einsätzen verpasst hatte.
An die Schulaufführungen, die ich nur auf Videos gesehen hatte.
An die Abende, an denen sie mich angerufen und tapfer behauptet hatte, alles sei in Ordnung.
Und plötzlich verstand ich, wie leicht es gewesen war, ihre letzten Worte genauso zu interpretieren.
Alles ist in Ordnung, Mama.
Wie oft hatte sie das gesagt, obwohl nichts in Ordnung gewesen war?
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
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