„Es bedeutet, dass du nicht alles verstehst.“
Victoria stand auf.
„Dann erklär es mir.“
Richard schüttelte den Kopf.
„Nicht heute.“
„Wenn du nichts zu verbergen hast, warum weigerst du dich dann, mit mir zu sprechen?“
Er blickte sie an, und in seinem Gesicht lag plötzlich nicht mehr die vertraute Ruhe ihres Mannes.
Sondern die Angst eines Menschen, der weiß, dass eine alte Entscheidung ihn endlich eingeholt hat.
„Weil es nicht nur um Geld geht“, sagte er.
Dann ging er aus der Bibliothek.
Victoria blieb allein zurück.
Auf ihrem Telefon erschien eine neue Nachricht von Daniel.
**„Wir haben die ursprüngliche Freigabe gefunden. Die digitale Kopie war verändert worden. Die Originaldatei enthält einen zusätzlichen Anhang.“**
Victoria öffnete die Datei.
Es war eine interne Vereinbarung zwischen der Geschäftsleitung und einem externen Dienstleister. Der Vertrag erklärte, warum bestimmte Nachtbetriebsdaten von den üblichen Kontrollen ausgenommen worden waren.
Doch die letzte Seite enthielt einen handschriftlichen Zusatz.
**„Sollten Unregelmäßigkeiten festgestellt werden, ist Michael Peterson als allein verantwortlicher Ansprechpartner zu benennen.“**
Darunter stand eine Unterschrift.
Richard Vance.
Victoria setzte sich langsam.
Nun war klar, dass ihr Mann mehr über die Vorgänge wusste, als er zugeben wollte. Aber ob er selbst an den Unregelmäßigkeiten beteiligt gewesen war oder versucht hatte, jemand anderen zu schützen, blieb offen.
Sie rief Daniel erneut an.
„Sichern Sie die Originaldatei und alle zugehörigen Unterlagen. Informieren Sie unsere Rechtsabteilung. Ab jetzt wird jeder Schritt unabhängig dokumentiert.“
„Verstanden.“
„Und Daniel?“
„Ja?“
„Niemand wird geschützt, nur weil er meinen Namen trägt oder mit mir verheiratet ist.“
Sie beendete das Gespräch.
In diesem Moment kam eine weitere Nachricht herein. Sie stammte von Chloe.
**„Mama, ich habe gerade eine Nachricht von einem der Köche aus Aurum bekommen. Er sagt, Michael war gestern Abend wieder im Restaurant. Er hat etwas aus dem Büro mitgenommen.“**
Victoria sprang auf.
Sie wusste nicht, was Michael mitgenommen hatte oder ob es überhaupt mit der Untersuchung zusammenhing.
Aber sie wusste, dass sie keine Zeit verlieren durfte.
Sie rief den Sicherheitsdienst an und bat darum, die vorhandenen Zutrittsprotokolle und Aufzeichnungen zu sichern.
Dann schrieb sie ihrer Tochter:
**„Geh nicht allein dorthin. Warte an einem sicheren Ort. Ich kümmere mich darum.“**
Als Victoria wenig später die erste Rückmeldung erhielt, wurde ihr klar, dass die Geschichte noch eine weitere Wendung nehmen würde.
Michael hatte das Gebäude nicht mit einer Kiste voller Akten verlassen.
Er hatte lediglich einen kleinen Umschlag bei sich getragen.
Und auf dem Überwachungsbild war zu sehen, wie er ihn vor seiner Abfahrt einem Mann übergab, den Victoria seit über zwanzig Jahren kannte.
Dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats.
Dem Mann, der damals gemeinsam mit Richard das Unternehmen gegründet hatte.
**Und dem einzigen Menschen, der die Sonderfreigabe hätte genehmigen können, ohne dass jemand Fragen stellte.**
Victoria blickte auf das Standbild.
Jetzt ging es nicht mehr nur darum, wer fünfhundert Dollar aus einer Kasse genommen hatte.
Es ging darum, wer innerhalb ihres eigenen Unternehmens die Kontrollen außer Kraft gesetzt hatte – und warum so viele Menschen davon profitiert hatten, dass niemand genauer hinsah.
Diesmal würde sie nicht auf Vermutungen reagieren.
Sie würde die Beweise sichern, jeden Betroffenen anhören und die Wahrheit ans Licht bringen, selbst wenn sie bis in den Vorstand führte.
Denn Chloe hatte recht gehabt.
Michael Peterson war vielleicht nur ein Teil des Problems.
Die entscheidende Frage lautete jetzt:
**Wer hatte ihm das Gefühl gegeben, dass er sich alles erlauben durfte?**
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