Michael richtete sich auf.
„Mehrere Mitarbeiter kennen diese Zugangsdaten.“
„Das ist möglich“, antwortete Daniel. „Deshalb prüfen wir auch, wer tatsächlich auf die Konten zugegriffen hat. Die bisherigen Daten reichen noch nicht aus, um eine endgültige Schlussfolgerung zu ziehen.“
Victoria faltete die Hände auf dem Tisch.
„Herr Peterson, gestern haben Sie meine Tochter öffentlich des Diebstahls beschuldigt und sie im Lagerraum unter Druck gesetzt, obwohl Ihnen keine bestätigten Beweise vorlagen. Warum haben Sie die Polizei mit einer vermeintlich gesicherten Anschuldigung konfrontiert, statt zunächst das vorgeschriebene Prüfverfahren einzuhalten?“
Michael blickte in die Runde.
„Ich wollte verhindern, dass das Unternehmen Geld verliert.“
„Dann hätten Sie die Kassenunterlagen sichern müssen. Nicht eine Mitarbeiterin einschüchtern.“
Er schwieg.
Victoria wandte sich an die Personalchefin.
„Bis zum Abschluss der Untersuchung wird Herr Peterson von seinen operativen Aufgaben entbunden. Die Maßnahme ist keine Vorverurteilung. Sie soll sicherstellen, dass die Prüfung unbeeinflusst stattfinden kann.“
Michael wurde rot.
„Sie können mich nicht einfach suspendieren!“
„Doch“, sagte Victoria ruhig. „Gemäß den internen Richtlinien kann die Geschäftsleitung das bei einem begründeten Verdacht auf schwerwiegende Verstöße tun.“
Er blickte zu den anderen Führungskräften, als erwarte er, dass jemand für ihn sprechen würde.
Niemand tat es.
Dann fiel sein Blick auf Chloe, die am Ende des Tisches saß.
„Das ist alles wegen Ihnen“, sagte er bitter. „Wenn Sie nicht Ihre Mutter angerufen hätten, wäre das hier niemals passiert.“
Chloe stand auf.
Ihre Hände zitterten, aber ihre Stimme blieb klar.
„Nein, Herr Peterson. Das hier passiert, weil Sie entschieden haben, mich zu beschuldigen, bevor Sie die Fakten kannten. Ich habe meine Mutter angerufen, weil ich Angst hatte. Ich habe nichts gestohlen, und ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich mich gewehrt habe.“
Victoria sagte nichts.
Sie ließ ihrer Tochter den Raum, den sie sich selbst erkämpft hatte.
Michael nahm seine Unterlagen und verließ den Konferenzraum.
Doch die Untersuchung hatte gerade erst begonnen.
—
Drei Tage später erhielt Victoria einen Anruf von Daniel.
„Wir haben etwas gefunden“, sagte er.
„Was genau?“
„Bei vier der elf Vorfälle wurden die Schichtberichte innerhalb weniger Minuten nach einer Nachricht aus demselben internen E-Mail-Verteiler verändert. Die Nachrichten wurden über ein gemeinsames Verwaltungskonto verschickt.“
Victoria stand an ihrem Fenster und blickte auf die Stadt.
„Wer hatte Zugriff auf dieses Konto?“
„Mehrere Personen. Darunter Michael Peterson und zwei Mitarbeiter aus dem regionalen Nachtbetrieb.“
„Und der Name, der in den alten Prüfakten auftaucht?“
Daniel zögerte.
„Michael ist in den Fällen als verantwortlicher Manager dokumentiert. Aber die Nachrichten, die wir gefunden haben, deuten darauf hin, dass er möglicherweise Anweisungen von einer höheren Stelle erhalten hat.“
Victoria drehte sich um.
„Haben Sie einen Namen?“
„Noch nicht mit ausreichender Sicherheit. Wir prüfen die Originaldateien und die Zugriffsprotokolle. Ich möchte keine Person beschuldigen, bevor wir die Belege vollständig gesichert haben.“
„Gut. Machen Sie weiter.“
Als das Gespräch beendet war, öffnete Victoria erneut die Prüfakte.
Auf der letzten Seite stand eine Notiz, die ihr bisher entgangen war:
**„Nachtbetrieb: Sonderfreigabe durch M. P. – Prüfung durch Zentrale nicht erforderlich.“**
Darunter befand sich ein digitales Kürzel.
Nicht das von Michael Peterson.
Sondern das von Richard Vance.
Victorias Ehemann.
Sie starrte auf den Bildschirm.
Richard war Mitgründer der Unternehmensgruppe gewesen. Seit zwei Jahren hatte er sich weitgehend aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und kümmerte sich nur noch um ausgewählte strategische Projekte. Er hatte ihr stets versichert, dass er sich aus den operativen Entscheidungen heraushielt.
Warum also war sein Kürzel auf einer Freigabe, die offenbar die üblichen Kontrollen umging?
Victoria griff zum Telefon, hielt dann jedoch inne.
Sie wollte ihn nicht mit einer Vermutung konfrontieren.
Sie wollte Beweise.
Am Abend fuhr sie nach Hause. Richard saß in der Bibliothek und las die Zeitung, als wäre nichts geschehen.
„Wir müssen über Aurum sprechen“, sagte sie.
Er legte die Zeitung zusammen.
„Was ist passiert?“
Victoria setzte sich ihm gegenüber.
„Die interne Revision hat Unregelmäßigkeiten bei mehreren Kassenabschlüssen gefunden. In einer alten Akte steht eine Sonderfreigabe mit deinem Kürzel.“
Richard bewegte sich nicht.
Doch die Zeitung in seiner Hand knisterte.
„Welche Akte?“
„Die, in der Michael Peterson auftaucht.“
Für einen Augenblick schien Richard etwas sagen zu wollen. Dann stand er auf und ging zum Fenster.
„Victoria, du solltest diese Untersuchung stoppen.“
Sie betrachtete ihn schweigend.
„Warum?“
„Weil du nicht weißt, mit wem du dich anlegst.“
Die Worte trafen sie härter als jede Anschuldigung.
„Sprichst du als mein Mann oder als Mitgründer dieses Unternehmens?“
Richard drehte sich um.
„Als jemand, der versucht, dich vor einem Fehler zu bewahren.“
„Dann hilf mir, ihn zu vermeiden. Erkläre mir die Freigabe.“
Er sah sie lange an.
Schließlich sagte er: „Ich habe damals eine Vereinbarung getroffen, die nicht in den gewöhnlichen Prüfprozess aufgenommen wurde. Sie sollte ein Problem lösen, bevor es öffentlich wurde.“
„Welches Problem?“
Richard schwieg.
Victoria spürte, wie sich eine kalte Gewissheit in ihr ausbreitete.
„Hat diese Vereinbarung etwas mit den fehlenden Kassenbeträgen zu tun?“
„Nicht direkt.“
„Was bedeutet das?“
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