Die Tür klemmte noch immer.
Ich musste sie mit beiden Händen aufdrücken.
Im Inneren roch es nach Holz, Staub und dem See.
Ein schmaler Lichtstreifen fiel durch das Fenster auf die Werkbank.
Alles sah aus wie früher.
Die alte Leiter hing an der Wand. Ein Paar Gummistiefel stand unter dem Regal. Auf einem Haken hing die Jacke meines Großvaters.
Ich hatte sie seit seinem Tod nicht mehr berührt.
Für einen Augenblick konnte ich mir vorstellen, dass er jeden Moment durch die Tür kommen würde, sich die Hände an einem Tuch abwischen und fragen würde, warum wir so früh am Morgen hier seien.
Doch die Tür blieb geschlossen.
Ich schluckte und wandte mich der Werkbank zu.
„Wo könnte die Kiste sein?“, fragte Daniel.
Ich sah mich um.
„Mein Großvater hatte immer einen Platz für alles.“
Ich ging zum Regal an der Rückwand. Dort standen mehrere alte Werkzeugkisten, ordentlich beschriftet. Daneben lagen zusammengerollte Segel.
Ich zog das unterste Segel hervor.
Darunter befand sich eine flache Holzkiste.
Sie war dunkel und an den Ecken mit Messing verstärkt.
Auf dem Deckel war ein kleines Symbol eingeritzt.
Zwei gekreuzte Linien.
Darunter standen die Buchstaben:
M. H.
Meine Initialen.
Ich kniete mich davor und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Er passte.
Ein leises Klicken ertönte.
Ich hob den Deckel.
Darin lagen drei Ordner, mehrere versiegelte Umschläge und ein kleines Notizbuch mit einem dunkelgrünen Einband.
Auf dem ersten Ordner stand:
GRUNDSTÜCK UND EIGENTUM
Auf dem zweiten:
VERTRÄGE UND VEREINBARUNGEN
Auf dem dritten:
NUR FÜR MARA
Ich blickte zu Daniel.
„Was bedeutet das?“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Das werden wir herausfinden müssen.“
Ich nahm den ersten Ordner heraus.
Darin lagen alte Karten des Grundstücks, Kaufverträge und Unterlagen über verschiedene Gebäude am See. Einige Dokumente waren Jahrzehnte alt. Andere waren deutlich neuer.
Dann entdeckte ich eine Karte, auf der das gesamte Anwesen eingezeichnet war.
Doch etwas stimmte nicht.
Auf der Karte war ein schmaler Landstreifen markiert, der entlang des nördlichen Ufers verlief. Er gehörte offenbar zum ursprünglichen Grundstück, war aber in den späteren Karten nicht mehr als Teil des Anwesens eingezeichnet.
„Daniel?“
Er trat näher.
Ich zeigte auf die Markierung.
Er nahm die Karte und betrachtete sie lange.
„Das ist interessant.“
„Warum?“
„Weil dieser Abschnitt in den aktuellen Unterlagen nicht auftaucht.“
„Ist er verkauft worden?“
„Das müssen wir prüfen.“
Er legte die Karte auf die Werkbank und verglich sie mit einem Dokument aus dem Ordner.
Dann runzelte er die Stirn.
„Hier stimmt etwas nicht.“
„Was?“
„Die Grenzbeschreibung wurde offenbar verändert. Das Datum ist jünger als das ursprüngliche Dokument, aber die Unterschrift deiner Großeltern fehlt.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Hat jemand das Grundstück ohne ihre Zustimmung verändert?“
„Das kann ich noch nicht sagen. Aber es ist ungewöhnlich genug, dass wir es untersuchen sollten.“
Ich dachte an Ray.
An seine Gespräche über Vergleichswerte.
An die Art, wie er beim Umzug bereits so gesprochen hatte, als würde das Grundstück ihm gehören.
Vielleicht war es nur Zufall.
Vielleicht hatte er lediglich gehofft, von der Immobilie zu profitieren.
Doch plötzlich ergaben einige Dinge einen anderen Sinn.
„Daniel, glaubst du, dass Ray davon wusste?“
Er legte die Karte vorsichtig zurück.
„Ich werde niemanden beschuldigen, bevor wir die Fakten kennen. Aber ich verspreche dir, dass wir herausfinden werden, was hier passiert ist.“
Ich nickte.
Dann nahm ich den Ordner mit der Aufschrift NUR FÜR MARA.
Er war dünner als die anderen.
Auf der ersten Seite stand ein einzelner Satz.
Wenn jemand versucht, das Haus an sich zu nehmen, prüfe zuerst den nördlichen Uferstreifen.
Darunter stand der Name meines Großvaters.
Und ein Datum.
Drei Monate vor seinem Tod.
Ich sah aus dem Fenster.
Der nördliche Uferstreifen lag auf der anderen Seite des Bootshauses, dort, wo die Bäume dichter standen und ein alter Pfad hinunter zum Wasser führte.
Ich kannte diesen Weg.
Als Kind hatte ich ihn mit meinem Großvater erkundet.
Er hatte mir verboten, allein dorthin zu gehen, weil der Boden nach Regen rutschig werden konnte.
Damals hatte ich geglaubt, er wolle nur verhindern, dass ich mir die Knie aufschürfte.
Jetzt fragte ich mich, ob er noch einen anderen Grund gehabt hatte.
Daniel folgte meinem Blick.
„Mara, wir sollten heute nicht allein dorthin gehen. Wir werden zuerst die Karten und Unterlagen prüfen.“
Ich nickte.
Doch mein Blick blieb am nördlichen Ufer hängen.
Denn plötzlich hatte ich das Gefühl, dass meine Großeltern mir nicht nur ein Haus hinterlassen hatten.
Sie hatten mir ein Rätsel hinterlassen.
Und meine Familie hatte möglicherweise längst begonnen, die Antworten zu suchen.
Der Anruf, der alles veränderte
Als wir das Bootshaus verließen, vibrierte Daniels Telefon.
Er blickte auf den Bildschirm und runzelte die Stirn.
„Entschuldige einen Moment.“
Er ging einige Schritte zur Seite und nahm den Anruf entgegen.
„Mercer.“
Ich hörte nicht, was die Person am anderen Ende sagte.
Doch ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte.
Zuerst wirkte er überrascht.
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