TEIL 2:

Einen langen Moment lang bewegte ich mich nicht.

Victor stand noch immer am Kopfende des Tisches. Seine Mutter lächelte zufrieden, seine Schwester hatte das Handy inzwischen gesenkt. Alle warteten darauf, dass ich weinte, ihn anflehte oder ihn fragte, was ich falsch gemacht hatte.

Doch ich tat nichts davon.

Ich stellte mein Champagnerglas ab und sah meinem Mann direkt in die Augen.

„Du hast recht, Victor. Es ist Zeit, dass sich etwas ändert.“

Er grinste.

„Endlich hast du es verstanden.“

„Ja“, sagte ich ruhig. „Ich habe verstanden, dass du mich für selbstverständlich gehalten hast. Dass du glaubst, Geld zu verdienen gäbe dir das Recht, über andere Menschen zu bestimmen. Und dass du offenbar vergessen hast, wem dieses Haus wirklich gehört.“

Sein Lächeln verschwand.

„Was soll das heißen?“

Ich zog einen Stuhl zurück und setzte mich.

„Setz dich. Das wird dich interessieren.“

### Die Wohnung, die er mir großzügig überlassen wollte

Victors Mutter schnaubte.

„Was soll dieses Theater? Mein Sohn hat dir gerade angeboten, die Wohnung zu überlassen. Viele Frauen wären dankbar dafür.“

Ich wandte mich ihr zu.

„Wie großzügig von ihm. Nur gibt es ein kleines Problem.“

Ich öffnete meine Handtasche und holte einen schmalen Ordner heraus.

Victor erkannte ihn sofort.

„Woher hast du das?“

„Aus unserem gemeinsamen Dokumentenschrank. Dort, wo wir wichtige Unterlagen aufbewahren.“

Ich legte eine Kopie des Grundbucheintrags auf den Tisch.

„Du hast gerade erklärt, dass du mir die Wohnung überlässt. Dabei gehört sie uns beiden. Und bevor du weitere Versprechungen machst: Ich werde nichts unterschreiben, ohne mich unabhängig beraten zu lassen.“

Seine Schwester legte das Handy weg.

„Victor, was meint sie?“

Er winkte ab.

„Das sind nur Formalitäten.“

„Nein“, erwiderte ich. „Das sind unsere gemeinsamen Eigentumsverhältnisse. Und du weißt genau, dass du darüber nicht allein entscheiden kannst.“

Seine Mutter schüttelte den Kopf.

„Du willst meinem Sohn Schwierigkeiten machen, nur weil er eine neue Liebe gefunden hat?“

Ich sah sie ruhig an.

„Nein. Ich möchte lediglich verhindern, dass jemand über mein Leben und mein Eigentum entscheidet, ohne mich zu fragen.“

### Die Nachricht auf seinem Handy

Victor griff nach seinem Telefon.

„Das reicht jetzt. Wir besprechen das später.“

„Natürlich“, sagte ich. „Aber bevor du gehst, solltest du vielleicht erklären, warum du deiner neuen Freundin etwas anderes über unsere Ehe erzählst als deiner Familie.“

Seine Hand erstarrte.

„Was?“

Ich nahm mein eigenes Handy und öffnete eine Nachricht.

Es war eine Nachricht von einer Frau namens Laura. Ich kannte sie nicht persönlich, aber ihr Name war mir in den vergangenen Wochen immer wieder begegnet.

Sie hatte mich am Nachmittag kontaktiert.

Zunächst hatte ich geglaubt, sie wolle mich provozieren. Doch ihre Worte waren überraschend sachlich gewesen.

Sie hatte geschrieben, dass Victor ihr erzählt habe, wir seien bereits seit Monaten getrennt. Angeblich lebten wir nur noch unter einem Dach, weil die Wohnsituation kompliziert sei.

Außerdem hatte er ihr versprochen, dass die Wohnung bald verkauft werde und er danach mit ihr ein neues Leben beginnen könne.

Ich legte das Handy vor Victor.

„Möchtest du ihr vielleicht selbst erklären, warum du ihr erzählt hast, wir seien bereits getrennt?“

Seine Mutter blickte zwischen uns hin und her.

„Victor?“

Er wurde rot.

„Diese Frau hat nichts verstanden.“

„Dann erklär es uns“, sagte ich.

Er schwieg.

Seine Schwester nahm langsam das Glas vom Tisch.

„Du hast ihr wirklich erzählt, dass du nicht mehr mit deiner Frau zusammen bist?“

Victor fuhr sie an:

„Halt dich da raus!“

Zum ersten Mal an diesem Abend schien auch seine Schwester nicht mehr auf seiner Seite zu stehen.

### Das Geheimnis hinter dem gemeinsamen Konto

Ich öffnete den Ordner erneut.

„Es gibt noch etwas.“

Victor schloss kurz die Augen.

„Was denn jetzt noch?“

„Vor einigen Monaten ist mir aufgefallen, dass von unserem gemeinsamen Konto mehrere größere Beträge abgebucht wurden. Du hast gesagt, es seien geschäftliche Ausgaben.“

„Das waren sie auch.“

„Dann dürfte es dir nicht schwerfallen, die entsprechenden Belege zu zeigen.“

Ich schob ihm eine Übersicht hin.

Es waren keine geheimen Aufzeichnungen und keine erfundenen Anschuldigungen. Es waren die Kontoauszüge, zu denen ich als Kontoinhaberin Zugang hatte.

„Ich habe die Zahlungen noch nicht abschließend prüfen lassen“, erklärte ich. „Aber einige Empfänger kenne ich nicht. Und ich möchte wissen, warum unser gemeinsames Geld für diese Überweisungen verwendet wurde.“

Victor griff nach dem Papier.

Seine Mutter beugte sich vor.

„Das sind doch sicher normale Geschäftssachen.“

„Vielleicht“, sagte ich. „Genau deshalb werde ich sie prüfen lassen.“

Victor schob die Unterlagen zurück.

„Du machst aus allem ein Verhör!“

„Nein. Ich stelle Fragen zu unserem gemeinsamen Geld.“

„Ich habe dieses Geld verdient!“

Ich sah ihn an.

„Und ich habe über viele Jahre dazu beigetragen, dass unser gemeinsames Leben funktioniert. Aber selbst wenn du jeden Cent allein verdient hättest, würde das dir nicht das Recht geben, mich zu belügen oder zu demütigen.“

Es wurde still.

### Seine Schwester wusste mehr, als sie zugab

Plötzlich stand seine Schwester auf.