„Jenna, bitte. Wir haben erst gestern geheiratet.“
Ich drehte mich zu ihm um.
„Du hast mich gestern geheiratet, ohne mir zu sagen, dass du mich schon vor meinem Unfall kanntest. Du hast mich zwei Jahre lang eine falsche Geschichte glauben lassen. Und jetzt erwartest du, dass ich einfach hierbleibe?“
Er antwortete nicht.
Als ich die Zimmertür öffnete, hörte ich sein Handy auf dem Nachttisch vibrieren.
Normalerweise hätte ich mich nicht darum gekümmert.
Doch auf dem Display erschien eine Nachricht, deren Vorschau ich lesen konnte.
Unbekannte Nummer: Du hast ihr die Kette gezeigt, oder? Wir hatten vereinbart, dass sie sich niemals erinnern darf.
Ich erstarrte.
Hinter mir wurde es vollkommen still.
Langsam drehte ich mich um.
Lucas hatte die Nachricht ebenfalls gesehen. Sein Gesicht war kreidebleich geworden.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Er griff nach dem Handy.
„Jenna, gib mir eine Minute.“
„Nein. Wer ist das?“
Er drückte die Seitentaste, doch es war zu spät. Ich hatte die Nachricht gelesen. Und darunter stand noch eine zweite.
Unbekannte Nummer: Wenn sie erfährt, was du in jener Nacht aus ihrem Auto genommen hast, ist alles vorbei.
Mein Blick fiel auf die Halskette in meiner Hand.
„Was hast du aus meinem Auto genommen?“
Lucas schwieg.
Ich ging auf ihn zu und hielt ihm das Handy entgegen.
„Was hast du genommen?“
„Ich wollte dich schützen.“
„Hör auf, diesen Satz zu benutzen!“
Meine Stimme hallte durch die Hochzeitssuite.
Lucas schloss die Augen.
„Es gab etwas im Auto, das nicht hätte dort sein dürfen.“
„Was?“
Er öffnete die Augen wieder.
„Ein Umschlag.“
Ich hielt den Atem an.
„Was für ein Umschlag?“
„Du hattest ihn bei dir. Als ich dich fand, lag er auf dem Beifahrersitz. Ich nahm ihn mit, bevor die Rettungskräfte eintrafen.“
„Warum?“
„Weil ich wusste, was darin war.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Du hast mich in einem beschädigten Auto gefunden, mir geholfen und dann etwas mitgenommen, das mir gehörte?“
„Ich hatte Angst, dass du es jemandem zeigen würdest.“
„Wem?“
Lucas sah zur Tür, als überlegte er, ob er versuchen sollte, mich aufzuhalten.
Dann sagte er einen Namen.
„Deinem Vater.“
Ich konnte nicht atmen.
Meine Eltern waren beide seit Jahren tot. Mein Vater war gestorben, als ich neunzehn war, lange bevor mein Gedächtnisverlust begonnen hatte.
„Mein Vater ist tot“, flüsterte ich.
„Ich weiß.“
„Dann erklär mir, warum du Angst hattest, dass ich ihm einen Brief zeigen könnte.“
Lucas antwortete nicht.
Ich griff in meine Tasche, holte mein Leder-Notizbuch heraus und blätterte zu der Seite, auf der ich alle bekannten Fakten über meine Vergangenheit festgehalten hatte.
Dort stand, in meiner eigenen Handschrift:
Meine Eltern starben, als ich neunzehn war.
Darunter befand sich eine Notiz, die ich vor Monaten geschrieben hatte. Ich hatte sie für bedeutungslos gehalten, weil ich mich nicht erinnern konnte, woher sie stammte.
Wenn ich jemals wieder von Daniel höre, muss ich die blaue Schachtel finden.
Ich zeigte Lucas die Zeile.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Woher hast du das?“, fragte er heiser.
„Aus meinem eigenen Notizbuch. Wer ist Daniel?“
Er trat einen Schritt zurück.
Und plötzlich wusste ich, dass ich den Namen schon einmal gehört hatte. Nicht in meinen Erinnerungen, sondern in einem der seltenen Träume, aus denen ich schweißgebadet aufgewacht war.
Ein Mann in einem dunklen Mantel.
Eine Stimme, die sagte: Du darfst niemandem vertrauen.
Und ein blauer Umschlag auf einem Tisch.
Ich schloss das Notizbuch.
„Lucas, ich werde dich das nur noch einmal fragen. Wer ist Daniel?“
Sein Handy vibrierte erneut.
Diesmal erschien keine Nachricht, sondern ein eingehender Anruf.
Auf dem Display stand ein Name.
Daniel Mercer.
Lucas starrte auf das Telefon, als wäre es eine Warnung, die er seit zwei Jahren erwartet hatte.
Ich nahm das Handy vom Nachttisch und nahm den Anruf an.
„Hallo?“, sagte ich.
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden lang Schweigen.
Dann hörte ich eine Männerstimme.
„Jenna?“
Mein Herz begann zu rasen.
„Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Daniel Mercer. Ich weiß, dass du dich nicht an mich erinnerst. Aber wenn Lucas bei dir ist, musst du sofort gehen.“
Ich sah meinen Mann an.
Er schüttelte langsam den Kopf.
Daniel sprach weiter, seine Stimme nun dringlicher.
„Und egal, was er dir erzählt: Er war nicht der Einzige, der in jener Nacht an deinem Auto war.“
Ich klammerte mich an das Telefon.
„Was ist damals passiert?“
„Das kann ich dir nicht am Telefon erklären. Hör mir genau zu. In deinem Elternhaus gibt es einen versteckten Raum. Dein Vater hat dort etwas für dich hinterlassen. Etwas, das beweist, warum du wirklich verunglückt bist.“
„Mein Elternhaus wurde verkauft“, flüsterte ich.
„Nein“, antwortete Daniel. „Das wurde es nicht.“
Ich sah Lucas an.
Er war vollkommen regungslos.
Daniel senkte die Stimme.
„Jenna, dein Vater hat das Haus auf deinen Namen überschreiben lassen. Und vor zwei Wochen hat jemand versucht, dort einzubrechen.“
„Wer?“
Am anderen Ende ertönte ein dumpfes Geräusch, als wäre Daniel aufgestanden.
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