Alma lauschte lange.

Dann rief sie leise: „Don Julián?“

Vom Flur kam seine Stimme.

„Ja?“

„Morgen früh … muss ich wieder Arbeit suchen?“

Julián blieb vor ihrer Tür stehen.

„Nein, Alma.“

Eine Pause entstand.

„Und übermorgen?“

„Auch nicht.“

Das Mädchen zog die Decke bis zum Kinn.

„Und wenn ich groß bin?“

Julián lächelte traurig.

„Wenn du groß bist, darfst du selbst entscheiden, was du aus deinem Leben machen möchtest.“

Alma dachte lange über diese Antwort nach.

Dann schloss sie die Augen.

Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter musste sie nicht überlegen, an welche Tür sie am nächsten Morgen klopfen sollte.

Doch während die Rancho Los Álamos langsam zu einem Zuhause wurde, begann im Dorf ein Gerücht die Runde zu machen.

Don Julián Navarro, der seit elf Jahren niemanden mehr in seine Nähe gelassen hatte, hatte zwei verwaiste Kinder aufgenommen.

Einige Menschen nannten ihn einen guten Mann.

Andere behaupteten, er handle aus Einsamkeit und wisse nicht, worauf er sich eingelassen habe.

Und ein Mann, der seit langer Zeit ein Auge auf Juliáns Land geworfen hatte, sah in der Sache eine Gelegenheit.

Denn er wusste etwas, das Julián noch nicht wusste.

Die Mutter der Kinder hatte vor ihrem Tod ein Dokument hinterlassen.

Ein Dokument, das erklären könnte, wer Alma und Mateo wirklich waren – und warum jemand so großes Interesse daran hatte, sie von der Rancho Los Álamos fernzuhalten.

Am nächsten Morgen würde ein Fremder am Tor erscheinen.

Und diesmal würde er nicht um Arbeit bitten.

Er würde etwas verlangen, das Julián unter keinen Umständen kampflos hergeben wollte.

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