Julián stellte eine Haushälterin namens Doña Isabel ein, die sich mit Säuglingen auskannte und Alma dabei half, sich an ein geregeltes Leben zu gewöhnen. Der Arzt besuchte Mateo regelmäßig. Der Junge nahm allmählich an Kraft zu, begann häufiger zu trinken und reagierte immer deutlicher auf Stimmen und Berührungen.
Wenn Mateo weinte, lief Alma noch immer sofort zu ihm.
Doch inzwischen lernte sie, dass sie ihn nicht allein beruhigen musste.
Manchmal nahm Doña Isabel den Kleinen auf den Arm, während Alma draußen mit einem Holzpferd spielte, das Julián für sie geschnitzt hatte.
Am Anfang kehrte Alma alle paar Minuten zur Tür zurück, um nach ihrem Bruder zu sehen.
„Er ist bei mir“, sagte Doña Isabel dann. „Geh ruhig spielen.“
„Aber wenn er mich braucht?“
„Dann holen wir dich.“
Diese einfachen Worte waren für Alma schwerer zu glauben als jedes Versprechen über Essen oder Kleidung.
Denn in ihrer bisherigen Welt hatte Sicherheit bedeutet, ständig wachsam zu sein.
Sie hatte gelernt, dass Erwachsene verschwinden konnten, dass Türen geschlossen blieben und dass ein Kind manchmal selbst entscheiden musste, wie es den nächsten Tag überstand.
Nun sollte sie lernen, dass nicht jede Tür verschlossen blieb.
Eines Abends saß Julián auf der Veranda, als Alma mit ihrem Holzpferd zu ihm kam.
„Don Julián?“
„Ja, pequeña?“
„Warum wohnst du allein?“
Der alte Mann blickte hinaus auf die Felder.
Über elf Jahre lang hatte er diese Frage vermieden. Die Menschen im Dorf kannten die Geschichte seiner Frau und seiner Tochter, aber kaum jemand sprach darüber.
„Ich hatte einmal eine Frau und ein kleines Mädchen“, sagte er schließlich. „Sie hießen Elena und Lucía.“
Alma setzte sich neben ihn.
„Wo sind sie?“
Julián faltete die Hände.
„Sie sind vor vielen Jahren krank geworden. Damals gab es nicht genug Hilfe, um sie zu retten.“
Alma schwieg.
Sie war zu jung, um die ganze Bedeutung seiner Worte zu verstehen. Aber sie kannte den Schmerz, jemanden zu verlieren.
„Meine Mutter ist auch fort“, sagte sie.
Julián nickte.
„Das weiß ich.“
„Ich erinnere mich manchmal an ihre Stimme. Aber manchmal vergesse ich, wie sie geklungen hat.“
Der alte Mann schloss für einen Moment die Augen.
„Das bedeutet nicht, dass du sie vergisst, Alma. Manchmal bleiben die Menschen in den kleinen Dingen, die sie uns beigebracht haben.“
Das Mädchen dachte darüber nach.
Dann legte sie ihr Holzpferd auf seine Knie.
„Kannst du mir erzählen, wie deine Tochter war?“
Julián sah sie überrascht an.
Niemand hatte ihn seit Jahren darum gebeten.
Also erzählte er ihr von Lucía, die gern auf den Koppeln herumgerannt war, die sich vor Gewittern unter dem Küchentisch versteckte und immer behauptete, sie könne die Sprache der Pferde verstehen.
Alma lachte, als er beschrieb, wie seine Tochter einmal versucht hatte, einem störrischen Maultier das Tanzen beizubringen.
Und während er erzählte, bemerkte Julián etwas, das ihm lange fremd gewesen war.
Die Erinnerungen schmerzten noch immer.
Aber sie waren nicht mehr nur von Stille umgeben.
Einige Tage später kam Ramona Salgado auf die Ranch.
Sie war die Frau, die sich zuvor um Alma und Mateo gekümmert hatte. Als sie vor der Veranda stand, hielt sie eine gefaltete Schürze in den Händen und vermied Juliáns Blick.
„Ich bin gekommen, um die Kinder abzuholen“, sagte sie.
Alma erstarrte.
Sie stand gerade im Hof und hielt Mateo im Arm, während Doña Isabel neben ihr war.
Als sie Ramonas Stimme hörte, wurde ihr Gesicht bleich.
„Nein“, flüsterte sie.
Julián erhob sich langsam.
„Warum sollten die Kinder mit Ihnen gehen?“
Ramona strich nervös über die Schürze.
„Ich habe mich um sie gekümmert. Die Leute werden Fragen stellen, wenn sie erfahren, dass sie hier wohnen.“
„Die Leute stellen ohnehin Fragen“, erwiderte Julián. „Das ist noch kein Grund, Kinder aus einem sicheren Zuhause zu holen.“
Ramona presste die Lippen zusammen.
„Sie verstehen die Umstände nicht.“
„Dann erklären Sie sie mir.“
Für einen Augenblick schien Ramona etwas sagen zu wollen. Doch als sie Alma ansah, die Mateo fest an sich drückte, wich sie zurück.
„Ich werde wiederkommen“, murmelte sie schließlich.
Dann ging sie.
Julián sah ihr nach, bis sie hinter dem Tor verschwunden war.
Er wusste, dass die Angelegenheit damit nicht erledigt war.
Alma stand regungslos im Hof.
„Muss ich gehen?“, fragte sie.
Julián ging zu ihr und kniete sich hin.
„Nein. Aber wir werden herausfinden müssen, was rechtlich das Beste für dich und Mateo ist.“
„Was bedeutet rechtlich?“
„Dass wir dafür sorgen, dass niemand euch einfach wegbringen kann, nur weil er es möchte.“
Alma blickte zu ihrem Bruder hinunter.
Mateo bewegte eine kleine Hand und griff nach dem Stoff ihrer Bluse.
Sie hielt ihn vorsichtig fest.
In dieser Nacht schlief Alma nicht in der Küche und auch nicht auf einem Stuhl neben dem Herd.
Sie lag in ihrem eigenen kleinen Bett, das Julián neben dem Fenster hatte aufstellen lassen.
Auf dem Tisch stand eine Lampe. Neben dem Bett lag das Holzpferd. Und aus dem Nachbarzimmer hörte sie Doña Isabel leise mit Mateo sprechen.
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