„Beim vorletzten Wochenende. Er hat auch gefragt, ob ich ihr noch vertraue.“

Ich setzte mich neben sie.

„Und was hast du geantwortet?“

„Dass sie früher nett zu mir war. Dann hat Papa gesagt, ich soll niemandem erzählen, was er mir gegeben hat. Er meinte, Erwachsene hätten manchmal Geheimnisse, die Kinder nicht verstehen.“

Ich nahm ihre Hand.

„Ein Erwachsener darf dich niemals dazu bringen, ein Geheimnis zu bewahren, wenn es dir Angst macht oder dir schadet. Du darfst immer mit mir sprechen.“

Sie nickte langsam.

In diesem Moment klingelte mein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Ich nahm ab, ohne ein Wort zu sagen.

„Du solltest aufhören, Fragen zu stellen“, sagte eine Frauenstimme.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Wer ist da?“

Am anderen Ende herrschte kurz Stille.

Dann antwortete die Frau:

„Du hast keine Ahnung, was du gerade zerstörst. Denk an deine Tochter.“

Die Verbindung brach ab.

Ich sah sofort zum Ermittler, der neben mir saß. Er hatte die letzten Worte gehört und ließ sich die Nummer geben.

„Wir kümmern uns darum“, sagte er. „Bitte nehmen Sie keinen Kontakt zu Ihrem Ex-Mann oder dieser Frau auf. Und falls weitere Nachrichten kommen, bewahren Sie alles auf.“

Zwei Stunden später erhielt ich eine Nachricht von einer Nummer, die ich sehr wohl kannte.

Es war mein Ex-Mann.

**„Ich weiß, dass du mit der Polizei gesprochen hast. Du musst verstehen, dass ich das alles nur für unsere Tochter getan habe.“**

Ich starrte auf den Bildschirm.

Dann erschien eine zweite Nachricht:

**„Wenn du wissen willst, was wirklich passiert ist, frag Sabine, warum sie damals nach der Geburt unserer Tochter aus unserem Leben verschwunden ist.“**

Ich konnte kaum glauben, was ich las.

Nach der Geburt unserer Tochter hatte Sabine tatsächlich einige Monate lang keinen Kontakt mehr zu uns gehabt. Damals hatte sie mir erzählt, sie müsse beruflich in eine andere Stadt ziehen.

Doch mein Ex-Mann schien etwas anderes zu wissen.

Ich zeigte dem Ermittler die Nachrichten.

Er las sie zweimal und sagte schließlich:

„Vielleicht haben wir es nicht nur mit einem aktuellen Vorfall zu tun. Möglicherweise reicht diese Geschichte viel weiter zurück.“

Am Abend saß ich am Bett meiner Tochter. Sie war endlich eingeschlafen, doch ihre Hand hielt noch immer meine.

Ich betrachtete ihr Gesicht und fragte mich, wie lange sie dieses Geheimnis schon mit sich herumgetragen hatte.

Plötzlich erinnerte ich mich an einen Satz, den sie vor einigen Wochen gesagt hatte:

„Mama, warum fragt Papa eigentlich immer, ob du zu Hause bist, wenn ich bei ihm bin?“

Damals hatte ich gelacht und geantwortet, dass ihr Vater eben wissen wolle, ob es uns gut gehe.

Jetzt wünschte ich, ich hätte genauer nachgefragt.

Kurz vor Mitternacht rief der Ermittler erneut an.

Seine Stimme klang ernst.

„Wir haben Sabine gefunden und mit ihr gesprochen. Sie hat zunächst alles abgestritten. Doch als wir ihr eines der Dokumente aus der Tasche zeigten, änderte sie plötzlich ihre Aussage.“

Ich setzte mich aufrecht hin.

„Was hat sie gesagt?“

Der Ermittler schwieg einen Moment.

Dann sagte er:

„Sie behauptet, dass Ihr Ex-Mann ihr erzählt habe, Ihre Tochter müsse den Gegenstand tragen. Aber sie bestreitet, gewusst zu haben, dass er auf diese Weise in den Körper des Kindes gelangen würde.“

Mir wurde übel vor Sorge.

„Und glaubt sie, dass mein Ex-Mann das absichtlich getan hat?“

„Das müssen wir noch klären. Es gibt allerdings eine weitere Sache, die Sie wissen sollten.“

Er machte eine kurze Pause.

„Sabine hat uns einen Namen genannt. Einen Namen, der auf den Unterlagen ebenfalls auftaucht.“

„Wessen Namen?“

Seine Antwort ließ mich sprachlos zurück.

Es war der Name meines eigenen Bruders.

Mein Bruder, der meine Tochter seit ihrer Geburt kannte. Der bei ihrem letzten Geburtstag neben ihr gesessen und ihr ein Geschenk überreicht hatte. Der mir nach der Scheidung immer wieder gesagt hatte, ich könne ihm vertrauen.

Ich legte langsam auf und sah zu meiner Tochter.

Plötzlich war mir klar, dass ich nicht nur herausfinden musste, was ihr Vater getan hatte.

Ich musste auch verstehen, warum Menschen aus unserer eigenen Familie in dieser Geschichte eine Rolle spielten.

Und am nächsten Morgen sollte meine Tochter etwas erzählen, das alles noch einmal verändern würde.

**„Mama“, sagte sie mit leiser Stimme, „ich glaube, Onkel Thomas wusste schon lange, was Papa mir gegeben hatte …“**

*Fortsetzung folgt …* 😨👇