„Ein Königreich braucht mehr als eine berührende Geschichte. Es braucht eine Königin, die weiß, wie man regiert.“
Mara hörte sich alles an, ohne sich zu verteidigen.
Dann fragte sie den Rat:
„Darf ich eine Frage stellen?“
Der älteste Berater nickte.
„Wie viele von euch haben in den letzten fünf Jahren die Dörfer im Süden besucht?“
Niemand antwortete.
„Wie viele wissen, dass dort Familien ihre Häuser verloren haben, weil der Fluss über die Ufer getreten ist? Wie viele wissen, dass Kinder mehrere Stunden laufen müssen, um eine Schule zu erreichen? Und wie viele von euch haben mit den Menschen gesprochen, die eure Steuern bezahlen?“
Die Stille im Saal wurde unangenehm.
„Ihr sagt, ich sei nicht für den Thron geeignet, weil ich nicht gelernt habe, mich an eure Regeln zu halten. Vielleicht habt ihr recht. Ich muss lernen, wie dieses Königreich regiert wird. Aber habt ihr jemals darüber nachgedacht, ob eure Regeln den Menschen dienen, für die ihr angeblich Verantwortung tragt?“
Der König blickte seine Tochter überrascht an.
Mara fuhr fort:
„Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Menschen über dich lachen, bevor sie deinen Namen kennen. Ich weiß, wie es ist, um Hilfe bitten zu müssen und nur Verachtung zu bekommen. Wenn ich jemals Königin werde, möchte ich verhindern, dass andere Menschen sich genauso wertlos fühlen müssen.“
Einige der jüngeren Ratsmitglieder tauschten nachdenkliche Blicke aus.
Doch der Herzog gab nicht nach.
„Schöne Worte. Aber wer entscheidet, ob der Adler sich wirklich für Euch entschieden hat?“
In diesem Moment ertönte ein kräftiger Flügelschlag.
Der goldene Adler hatte seinen Platz verlassen.
Er flog quer durch den Saal, landete auf dem Geländer vor dem Thron und breitete seine gewaltigen Flügel aus. Dann wandte er sich Mara zu und neigte den Kopf.
Der alte Gerichtsdiener erhob sich langsam.
„In all den Jahren, in denen ich diesen Vogel beobachtet habe“, sagte er, „hat er niemals zweimal dieselbe Person so begrüßt. Bei Königin Eleanor tat er es einst genauso.“
Niemand sprach mehr.
Aber Mara hob die Hand.
„Nein. Wenn ich dieses Amt annehme, dann nicht, weil ein Vogel mich ausgewählt hat. Und auch nicht, weil ich die Tochter eines Königs bin.“
Sie sah in die Runde.
„Ich möchte, dass die Menschen dieses Landes die Möglichkeit bekommen, zu erfahren, wer ich bin. Ich werde lernen, zuhören und Verantwortung übernehmen. Und wenn ich eines Tages Königin werde, soll es daran liegen, dass ich mir ihr Vertrauen verdient habe.“
Diese Worte veränderten die Stimmung im Saal.
Zum ersten Mal sahen einige Adlige in Mara nicht mehr das verstoßene Mädchen aus einer armen Familie, sondern eine Frau, die verstanden hatte, dass ein Titel allein niemanden zu einer guten Herrscherin machte.
Der Rat beschloss, Mara eine Ausbildung in Staatsführung zu ermöglichen. Sie sollte mit erfahrenen Beratern arbeiten, die königlichen Gesetze studieren und die verschiedenen Regionen Elvarias besuchen. Danach sollte das Volk in einer öffentlichen Versammlung seine Meinung über die künftige Herrschaft äußern können.
Lady Celeste war außer sich.
Sie hatte ihr ganzes Leben darauf vorbereitet, Königin zu werden. Sie hatte gelernt, wie man sich kleidete, sprach und bei Festen die richtigen Menschen beeindruckte. Nun sollte ausgerechnet Mara, die Frau, über die sie gelacht hatte, eine echte Chance erhalten.
Einige Tage später stellte Celeste Mara im Palastgarten zur Rede.
„Glaubst du wirklich, dass die Menschen dich lieben werden?“, fragte sie. „Sie werden dich ansehen und sich an deine Narben erinnern. Sie werden tuscheln, so wie sie es immer getan haben.“
Mara betrachtete sie ruhig.
„Vielleicht. Ich kann nicht kontrollieren, was jeder Mensch über mich denkt.“
„Und was wirst du tun, wenn sie dich verspotten?“
„Dann werde ich entscheiden müssen, ob ihre Worte etwas über mich aussagen oder über die Art, wie sie andere Menschen behandeln.“
Celeste schwieg.
Mara wandte sich zum Gehen, hielt dann aber noch einmal inne.
„Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, dich darauf vorzubereiten, Königin zu sein. Ich hoffe, du wirst deine Fähigkeiten nicht verschwenden, nur weil jemand anderes ebenfalls eine Chance bekommt.“
Zum ersten Mal fand Celeste keine spitze Antwort.
Die Monate vergingen.
Mara lernte, Staatsverträge zu lesen, die Finanzen des Königreichs zu verstehen und schwierige Entscheidungen zu treffen. Sie machte Fehler. Manchmal verstand sie die komplizierten Zusammenhänge am Hof nicht sofort. Doch sie schämte sich nicht, Fragen zu stellen, und sie behandelte die Diener mit derselben Höflichkeit wie die mächtigsten Adligen.
Vor allem aber reiste sie in die Dörfer.
Sie saß mit Bauern an einfachen Tischen, hörte den Sorgen von Witwen zu und besuchte Schulen, in denen sich Kinder Bücher teilen mussten. Sie versprach nicht, jedes Problem über Nacht zu lösen. Stattdessen kehrte sie in den Palast zurück und arbeitete mit den zuständigen Verantwortlichen an konkreten Verbesserungen.
Nach einem Jahr versammelte sich das Volk auf dem großen Platz vor dem Schloss.
Der Rat hatte seine Empfehlung ausgesprochen. Nun sollte Mara öffentlich erklären, ob sie die Verantwortung für Elvaria übernehmen wollte.
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