Man teilte ihnen mit, dass der Befehl ausgeführt worden sei. Doch die Diener waren nicht in der Lage, das Neugeborene zu töten.

Heimlich gaben sie das Mädchen einer armen Familie, die weit außerhalb der Hauptstadt lebte. So wuchs Mara auf, ohne auch nur zu ahnen, wer sie wirklich war.

Der König blickte sie einige Sekunden lang an und senkte dann zum ersten Mal seit vielen Jahren beschämt den Blick.

Und die Frau, über die der gesamte Palast noch Minuten zuvor gespottet hatte, stand nun neben dem goldenen Adler.

Und auch diesmal lachte niemand mehr.

Doch was danach geschah, sollte Elvaria für immer verändern.

Der König stand Mara gegenüber und konnte den Blick nicht von dem silbernen Medaillon abwenden. Seine Hände zitterten. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wirkte der mächtigste Mann des Königreichs wie jemand, der nicht wusste, wohin er gehen sollte.

„Wie heißt du?“, fragte er mit heiserer Stimme.

„Mara, Majestät.“

„Und deine Mutter? Wie hieß sie?“

Mara senkte den Blick.

„Meine Ziehmutter hieß Anna. Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Über meine leiblichen Eltern hat sie mir nur wenig erzählt. Sie sagte, ich sei als Baby zu ihr gekommen und hätte dieses Medaillon bei mir getragen.“

Der König schloss die Augen.

Anna war der Name einer seiner ehemaligen Dienerinnen.

Die Frau, die damals den Befehl erhalten hatte, das Neugeborene fortzubringen.

„Sie hat dich gerettet“, flüsterte er.

Ein Raunen ging durch den Saal.

Lady Celeste trat einen Schritt nach vorn. Ihr Gesicht war vor Empörung gerötet.

„Das ist unmöglich! Nur weil ein Vogel seinen Kopf in ihre Hand legt, soll sie plötzlich eine Prinzessin sein? Vielleicht hat jemand das Tier darauf trainiert!“

Einige Adlige nickten zustimmend. Für sie war es undenkbar, dass eine Frau, über die sie sich gerade noch lustig gemacht hatten, möglicherweise einen höheren Anspruch auf den Thron besaß als sie selbst.

Doch der König hob die Hand.

„Bringt mir das königliche Archiv.“

Noch am selben Abend ließ er die alten Geburtsregister, Briefe und Siegel aus dem verschlossenen Archiv holen. Stundenlang untersuchten die königlichen Schreiber die Dokumente.

Schließlich fand ein alter Archivar einen Brief, der vor fünfundzwanzig Jahren von der damaligen Königin verfasst worden war.

Darin stand, dass sie eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Das Kind trug bei seiner Geburt ein silbernes Medaillon mit dem königlichen Wappen. Kurz nach der Geburt war das Mädchen verschwunden. Die Königin hatte bis zu ihrem Tod geglaubt, ihr Baby sei gestorben.

Doch am Ende des Briefes stand ein Satz, der den König endgültig erschütterte:

*„Sollte meine Tochter jemals zurückkehren, möge man ihr nicht nach ihrem Gesicht, ihrem Vermögen oder dem Namen ihrer Familie urteilen. Beurteilt sie nach dem, was sie für jene tut, die keine Stimme haben.“*

Der König sank auf einen Stuhl.

Seine Frau hatte ihre Tochter nicht vergessen.

Und er selbst hatte all die Jahre nicht einmal nach ihr gesucht.

Am nächsten Morgen wurde Mara in den großen Thronsaal gerufen. Diesmal gab es weder Gelächter noch spöttische Bemerkungen. Die Adligen standen schweigend an den Wänden, während der goldene Adler auf seiner Stange saß und Mara aufmerksam beobachtete.

Der König trat vor sie.

„Mara, ich kann dir nicht zurückgeben, was du verloren hast. Ich kann deine Kindheit nicht ungeschehen machen. Und ich kann nicht erwarten, dass du mir vergibst, nur weil ich jetzt weiß, wer du bist.“

Mara sah ihn lange an.

„Warum habt Ihr mich fortschicken lassen?“

Der König antwortete nicht sofort.

„Weil ich ein Feigling war“, sagte er schließlich. „Ich wollte einen Sohn, der meinen Namen weitertragen würde. Ich glaubte, ein König müsse bekommen, was er verlangte. Ich habe meinen Wunsch über das Leben meines eigenen Kindes gestellt.“

„Und habt Ihr jemals an mich gedacht?“

„Jeden Tag, nachdem deine Mutter gestorben war. Aber ich redete mir ein, dass nichts mehr zu ändern sei. Das war eine Lüge, die ich mir selbst erzählt habe.“

Mara spürte, wie sich in ihr Wut und Traurigkeit vermischten. Sie hatte sich als Kind oft gefragt, warum ihre Eltern sie nicht gewollt hatten. Sie hatte die verletzenden Worte der Menschen ertragen und geglaubt, mit ihr stimme etwas nicht.

Nun stand der Mann vor ihr, der für all das verantwortlich war.

„Ich weiß nicht, ob ich Euch jemals vergeben kann“, sagte sie.

Der König nickte langsam.

„Das musst du auch nicht. Du schuldest mir keine Vergebung.“

Diese Antwort überraschte Mara mehr als jedes königliche Geschenk.

Doch die größte Prüfung stand ihr noch bevor.

Der königliche Rat versammelte sich drei Tage später. Die Adligen waren sich einig, dass Mara aufgrund ihrer Herkunft Anspruch auf den Thron erheben konnte. Aber sie waren keineswegs bereit, sie als Königin anzuerkennen.

„Sie hat keine Ausbildung in Staatsführung“, erklärte ein Herzog.

„Sie hat unter einfachen Leuten gelebt“, ergänzte ein anderer. „Sie kennt weder die Etikette des Hofes noch die Kunst der Diplomatie.“

Lady Celeste lächelte kühl.