„Ich dachte, das wäre in Ordnung“, flüsterte sie. „Er wollte Violet manchmal überraschen, wenn sie bei mir war.“

„Wann warst du zuletzt in meinem Haus?“, fragte ich Daniel.

Er sah mich gereizt an.

„Das ist doch absurd.“

„Wann?“

„Vor ein paar Wochen. Vielleicht.“

„Und warum?“

„Ich habe Harper abgeholt.“

Harper schüttelte den Kopf.

„Nein. Du hast gesagt, du würdest Violet ihre vergessenen Sachen bringen.“

Daniel drehte sich zu ihr.

„Das ist doch dasselbe.“

„Nein“, sagte sie. „Das ist es nicht.“

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft schien Harper nicht mehr zu versuchen, ihn zu verteidigen.

Mills hob eine Hand.

„Niemand geht jetzt irgendwohin, bevor wir die grundlegenden Angaben aufgenommen haben. Herr Mercer, ich möchte Ihre Personalien und Ihre Kontaktdaten.“

Daniel atmete hörbar aus.

„Natürlich. Ich möchte ja helfen.“

Er zog sein Handy aus der Tasche.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Untersuchungsbereich.

Eine Ärztin trat heraus.

Ich war sofort bei ihr.

„Meine Tochter. Wie geht es ihr?“

Sie sah auf ihre Unterlagen und dann zu mir.

„Ihre Tochter ist am Leben. Sie hat eine schwere Kopfverletzung und weitere Verletzungen, die wir gerade untersuchen. Im Moment ist sie stabil genug, dass wir die nächsten Schritte planen können. Wir müssen sie aber engmaschig überwachen.“

Meine Knie wurden weich.

„Kann ich sie sehen?“

„Sobald wir sie versorgt haben. Wir informieren Sie, sobald das möglich ist.“

Ich nickte, obwohl ich kaum noch etwas hörte.

Violet lebte.

Der Gedanke hielt mich aufrecht.

Hinter mir hörte ich Harper leise weinen. Ich drehte mich um und legte einen Arm um sie. Für diesen einen Augenblick waren wir nicht geschiedene Eltern mit einer komplizierten Vergangenheit. Wir waren zwei Menschen, die Angst um dasselbe Kind hatten.

Daniel stand etwas abseits und beobachtete uns.

Dann vibrierte sein Handy.

Er blickte auf das Display.

Nur eine Sekunde lang.

Aber ich sah, wie seine Finger sich um das Gerät schlossen.

„Wer war das?“, fragte Mills.

„Niemand.“

„Dann dürfte es kein Problem sein, den Anruf später zu beantworten.“

Daniel steckte das Handy weg.

„Ich glaube, ich sollte lieber einen Anwalt anrufen.“

„Das ist Ihr gutes Recht“, erwiderte Mills ruhig. „Wir werden Sie nicht daran hindern.“

Daniel sah mich noch einmal an.

„Ethan, du machst einen großen Fehler.“

Ich antwortete nicht.

Denn zum ersten Mal in fünfzehn Jahren hatte ich nicht das Gefühl, dass ich Daniel etwas beweisen musste.

Ich musste nur dafür sorgen, dass meine Tochter sicher war.

Teil 3: Violets Geheimnis
Zwei Stunden später durfte ich Violet endlich sehen.

Sie lag in einem überwachten Zimmer, blass unter dem weißen Licht, mit medizinischen Geräten neben ihrem Bett. Ihre dunklen Haare waren aus ihrem Gesicht gestrichen worden. Eine Krankenschwester erklärte mir, welche Werte sie beobachtete und wann ich das Personal rufen sollte.

Ich setzte mich neben Violet und nahm vorsichtig ihre Hand.

„Hey, Kleines“, flüsterte ich. „Ich bin hier.“

Sie reagierte nicht.

Ich blieb trotzdem sitzen.

Ich erzählte ihr von unserem Hund, der zu Hause vermutlich immer noch an der Tür wartete. Ich erzählte ihr, dass ich ihr Lieblingsfrühstück machen würde, sobald sie wieder nach Hause durfte. Ich erzählte ihr, dass ich ihre albernen Zeichnungen an meinem Kühlschrank vermisste, obwohl sie erst vor zwei Tagen eine neue dort aufgehängt hatte.

Ich redete, weil die Stille unerträglich war.

Nach einer Weile kam Harper herein.

Sie setzte sich auf die andere Seite des Bettes und betrachtete unsere Tochter.

„Sie sieht so klein aus“, flüsterte sie.

„Sie ist sechzehn.“

„Ich weiß.“

Harper strich Violet sanft über die Haare.

Dann begann sie zu weinen.

„Ethan, ich muss dir etwas sagen.“

Ich hob den Kopf.

„Was ist los?“

Sie blickte zur Tür, als hätte sie Angst, jemand könnte uns hören.

„Daniel war gestern Abend bei mir.“

Ich richtete mich auf.

„Was?“

„Er sagte, er müsse etwas mit mir besprechen. Es ging um Geld.“

Ich wartete.

„Er hat mich gebeten, ihm einen größeren Betrag zu leihen. Er sagte, seine Firma hätte vorübergehend Schwierigkeiten und er wolle nicht, dass ich mir Sorgen mache.“

„Wie viel Geld?“

Harper schluckte.

„Fünfzigtausend Dollar.“

Ich starrte sie an.

„Hast du ihm das Geld gegeben?“

„Nein. Ich habe ihm gesagt, dass ich darüber nachdenken müsse. Dann wurde er wütend. Er meinte, ich würde ihm nicht vertrauen.“

Ich sah wieder zu Violet.

„Was hat das mit ihr zu tun?“

Harper zögerte.

„Violet hat uns vor einigen Wochen streiten hören. Danach fragte sie mich, ob Daniel jemals Geld von mir verlangt hätte.“

Mir wurde kalt.

„Was hast du geantwortet?“

„Dass es sie nichts anginge.“

Harper wischte sich die Tränen ab.

„Ich weiß, dass das falsch war. Aber ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht. Daniel sagte mir, Violet würde ihn ohnehin nicht mögen, weil sie unsere Scheidung nie akzeptiert habe.“

„Das hat er gesagt?“

Sie nickte.

„Er behauptete, sie würde versuchen, uns auseinanderzubringen.“

Ich stand auf und ging zum Fenster.