Neben ihm stand ein zweiter Mann.
Ich beugte mich näher zum Bildschirm.
„Wer ist das?“, fragte die Kommissarin.
Mir blieb die Antwort im Hals stecken.
Ich kannte diesen Mann.
Es war Markus Keller, Daniels ehemaliger Geschäftspartner.
Nach Daniels Tod war Markus sogar zu unserer Beerdigung gekommen. Er hatte mich damals getröstet, mir seine Hilfe angeboten und mehrfach betont, wie sehr er meinen Mann vermissen würde.
Einmal hatte er mir sogar gesagt:
„Daniel war für mich wie ein Bruder. Wenn du jemals etwas brauchst, kannst du dich jederzeit an mich wenden.“
Ich hatte ihm geglaubt.
„Was macht Markus auf diesem Foto?“, fragte ich leise.
„Das hoffen wir herauszufinden“, antwortete Hoffmann.
Sie öffnete eine weitere Datei.
Es handelte sich um eine Audioaufnahme. Die Qualität war nicht besonders gut, aber ich erkannte Daniels Stimme sofort.
„Wenn du diese Aufnahme hörst, Anna, dann habe ich es offenbar nicht geschafft, dir persönlich alles zu erklären.“
Ich hielt den Atem an.
„Ich habe etwas entdeckt, das mit unserem gemeinsamen Projekt zu tun hat. Es geht um Dokumente, die verschwunden sind, und um Geld, das niemals dort angekommen ist, wo es hätte ankommen sollen.“
Dann folgte eine kurze Pause.
„Markus weiß, dass ich die Unterlagen gefunden habe. Ich weiß nicht, wie weit er gehen wird, um sie zurückzubekommen. Deshalb habe ich alles an einem Ort aufbewahrt, an dem niemand danach suchen würde.“
Die Aufnahme endete.
Ich saß regungslos da.
„Warum hat er mir das nicht einfach erzählt?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.
Hauptkommissarin Hoffmann schob mir ein Glas Wasser hin.
„Vielleicht wollte er Sie schützen. Aber wir sollten vorsichtig sein. Eine Aufnahme allein beweist noch nicht, was damals geschehen ist.“
Ich nickte.
Doch eine Frage ließ mich nicht los.
„Was ist mit dem Unfallbericht?“
Die Kommissarin legte eine dünne Akte auf den Tisch.
„Genau deshalb haben wir Sie hergebeten.“
Sie öffnete die Akte und zeigte mir einen alten Bericht.
„Damals wurde angenommen, dass Ihr Mann während des Unwetters durch ein geöffnetes Fenster ins Haus gelangt war und anschließend auf der Treppe verunglückte. Allerdings gibt es eine Unstimmigkeit.“
„Welche?“
Sie deutete auf eine Zeile.
„Der Nachbar, der damals den Notruf abgesetzt hatte, gab an, dass er bereits vor Ihrem Anruf ein Geräusch aus Ihrem Haus gehört habe. In einer späteren Aussage beschrieb er den Zeitpunkt allerdings anders.“
Ich runzelte die Stirn.
„Welcher Nachbar?“
Hoffmann nannte einen Namen.
Mir wurde eiskalt.
Es war Herr Brandt.
Unser damaliger Nachbar, der wenige Monate nach Daniels Tod plötzlich weggezogen war.
Er hatte damals behauptet, nichts gesehen zu haben. Doch nun gab es offenbar zwei unterschiedliche Aussagen von ihm.
„Haben Sie ihn gefunden?“, fragte ich.
Die Kommissarin nickte langsam.
„Wir versuchen gerade, ihn zu erreichen.“
***
Am Nachmittag fuhr ich nach Hause.
Ich wollte allein sein, die Ereignisse ordnen und versuchen, mich daran zu erinnern, was in jener Nacht wirklich geschehen war.
Als ich die Haustür öffnete, fiel mein Blick sofort auf den weißen Pflanzkübel.
Er stand noch immer auf der Terrasse.
Die Olivenpflanze war inzwischen groß geworden. Einige Blätter waren vertrocknet, und der Stamm hatte sich leicht zur Seite geneigt.
Ich ging näher heran.
Fünf Jahre lang hatte ich diese Pflanze gegossen, ohne zu ahnen, dass direkt unter ihren Wurzeln ein Geheimnis verborgen lag.
Ich wollte gerade wieder ins Haus gehen, als mein Telefon klingelte.
Eine unbekannte Nummer.
„Hallo?“
Zunächst hörte ich nur ein leises Rauschen.
Dann eine Männerstimme.
„Anna?“
Ich erstarrte.
„Wer ist da?“
„Du musst mir zuhören. Ich weiß, dass du das Säckchen gefunden hast.“
Mein Herz begann heftig zu schlagen.
„Wer sind Sie?“
Die Stimme wurde leiser.
„Ich kann dir nicht alles am Telefon erklären. Aber du darfst niemandem erzählen, dass du den USB-Stick gefunden hast.“
„Woher wissen Sie davon?“
Keine Antwort.
Dann sagte der Mann einen Satz, der mir den Atem raubte:
„Daniel wollte dich damals nicht belügen. Er wollte nur verhindern, dass du ebenfalls in diese Sache hineingezogen wirst.“
„Kannten Sie meinen Mann?“
„Besser, als du glaubst.“
Ich wollte gerade nach seinem Namen fragen, doch die Verbindung brach ab.
Ich rief sofort die Polizei an.
Hauptkommissarin Hoffmann reagierte ernst, als ich ihr von dem Anruf erzählte.
„Frau Weber, bitte gehen Sie heute Abend nicht allein irgendwohin. Wir werden den Anruf dokumentieren und prüfen lassen, ob wir weitere Informationen erhalten.“
„Glauben Sie, dass jemand weiß, was ich gefunden habe?“
Sie schwieg einen Moment.
„Das ist durchaus möglich.“
***
Am nächsten Morgen kam die nächste Überraschung.
Hauptkommissarin Hoffmann stand mit einem Kollegen vor meiner Tür. In ihrer Hand hielt sie eine Mappe.
„Wir haben den Mann identifiziert, der Sie gestern angerufen hat“, sagte sie.
Ich schluckte.
„Wer ist es?“
Sie öffnete die Mappe und zeigte mir ein Foto.
Es war ein älterer Mann mit grauen Haaren und einer schmalen Narbe über der linken Augenbraue.
Ich kannte ihn nicht.
„Sein Name ist Thomas Berger“, erklärte sie. „Er war früher Mitarbeiter in der Firma Ihres Mannes.“
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