Doch etwas stimmte nicht.

Die Sterbeurkunde war mehrere Tage vor dem Datum ausgestellt worden, an dem Evelyn angeblich gestorben war.

Ethan beugte sich näher.

„Das könnte ein Fehler in den Unterlagen sein.“

„Vielleicht.“

Naomi blätterte weiter.

Zwischen zwei Seiten steckte ein Foto. Es zeigte Evelyn vor einem Gebäude, das Ethan nicht kannte. Auf der Rückseite stand eine Adresse in Wisconsin.

Daneben hatte jemand mit schwarzer Tinte geschrieben:

*Sie lebt. Aber sie darf nicht zurückkommen.*

Naomi hielt sich den Mund zu.

„Mein Vater hat uns erzählt, dass sie tot ist.“

Ethan legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.

„Wir wissen noch nicht, wer das geschrieben hat. Aber wir werden es überprüfen.“

Plötzlich knackte das alte Telefon auf dem Tisch.

Beide fuhren herum.

Ein leises Rauschen erfüllte den Raum.

Dann ertönte eine Frauenstimme.

„Naomi?“

Naomi wurde kreidebleich.

„Wer ist da?“

Die Stimme zitterte.

„Wenn du mich hören kannst, bist du im Archiv.“

Naomi griff nach dem Telefon.

„Wer sind Sie?“

Eine kurze Pause.

Dann sagte die Frau:

„Du erkennst meine Stimme nicht mehr?“

Naomi begann zu weinen.

„Evelyn?“

Am anderen Ende war ein leises Schluchzen zu hören.

„Ich habe so lange darauf gewartet, dass du diesen Raum findest.“

Ethan nahm Naomi vorsichtig das Telefon ab.

„Wer sind Sie?“

„Ich bin Evelyn Ashford. Und wenn Sie Naomi wirklich helfen wollen, müssen Sie mir zuhören.“

„Was ist mit Ihnen passiert?“

„Das kann ich Ihnen nicht am Telefon erklären. Grant darf nicht erfahren, dass ich Kontakt aufgenommen habe.“

Ethan blickte zu Naomi.

„Wo sind Sie?“

„An einem sicheren Ort. Aber nicht mehr lange.“

Dann wurde die Stimme plötzlich leiser.

„Hören Sie mir gut zu. Der Schlüssel, den Naomi trägt, öffnet nicht nur dieses Archiv. Er öffnet auch einen zweiten Schrank. Darin befindet sich das Dokument, das beweist, warum mein Vater mich für tot erklären ließ.“

Naomi sah sich im Raum um.

„Wo ist dieser Schrank?“

„Hinter dem Bild unserer Mutter.“

Ethan drehte sich zur Wand.

Dort hing tatsächlich ein weiteres Porträt: Naomis Mutter, jung und lächelnd, mit beiden Töchtern an ihrer Seite.

Er nahm den Rahmen vorsichtig ab.

Dahinter befand sich ein kleiner Metallschrank.

Naomi trat näher.

„Evelyn, was ist in diesem Schrank?“

Die Antwort kam so leise, dass Ethan sie kaum verstand.

„Die Wahrheit über das Unternehmen. Und den Beweis, dass Grant nicht allein gehandelt hat.“

In diesem Moment verstummte das Telefon.

Das Licht über ihnen flackerte.

Dann hörten sie von der Treppe her ein Geräusch.

Eine Tür wurde geöffnet.

Jemand war in den verborgenen Gang gekommen.

Ethan schaltete die Taschenlampe seines Telefons aus und stellte sich neben Naomi.

Eine Stimme hallte durch den Tunnel.

„Naomi?“

Es war Dr. Victor Hale.

„Dein Vater macht sich Sorgen. Komm heraus. Wir können alles erklären.“

Naomi schüttelte stumm den Kopf.

Ethan beugte sich zu ihr.

„Wir müssen hier raus. Deine Verletzung muss versorgt werden.“

Sie nickte und zeigte auf eine zweite Tür am Ende des Raumes.

„Dahinter führt ein alter Gang zum Wintergarten.“

Ethan half ihr, die Tür zu öffnen.

Doch bevor sie hindurchgehen konnten, hörten sie Dr. Hale erneut sprechen.

„Naomi, ich weiß, dass du mich hören kannst. Und ich weiß, dass du das Foto gefunden hast.“

Sie erstarrte.

„Du solltest wissen“, fuhr er fort, „dass Evelyn nicht die Einzige war, deren Akte verändert wurde.“

Ethan blickte auf Naomi.

„Was meint er?“

Sie schüttelte den Kopf.

Dann fiel ihr Blick auf die Mappe in ihrer Hand.

Unter Evelyns Akte lag ein zweites Dokument.

Es trug Naomis Namen.

Und darunter stand ein Vermerk, der ihr den Atem nahm:

**ASHFORD – MEDIZINISCHE BEHANDLUNG UND VORMUNDSCHAFT – VERTRAULICH**

Naomi öffnete die Mappe.

Auf der letzten Seite befand sich die Unterschrift ihres Vaters.

Darunter die Unterschrift von Dr. Victor Hale.

Und daneben ein Datum.

Es war das Datum, an dem Naomi damals für geschäftsunfähig erklärt worden war.

Doch diesmal stand unter der Vereinbarung noch ein dritter Name.

**Ethan Cole.**

Er starrte auf die Seite.

„Das ist unmöglich. Ich habe dieses Dokument nie unterschrieben.“

Naomi sah ihn an.

Zum ersten Mal an diesem Abend lag nicht nur Angst in ihren Augen.

Da war auch Zweifel.

„Ethan … warum steht dein Name hier?“

Er hatte keine Antwort.

Und hinter ihnen begann sich die eiserne Tür langsam zu öffnen.