In der vorgesehenen Fassung sollte ihre Beteiligung von 35 Prozent auf eine kleine, nicht stimmberechtigte Minderheitsposition reduziert werden.
Dafür gab es bislang keinen wirksamen Beschluss, und ihre Zustimmung lag nicht vor.
Isabelle las das Dokument sorgfältig.
„Das beweist noch nicht, dass die Umstrukturierung umgesetzt wurde. Aber wir müssen feststellen, ob jemand versucht hat, deine Rechte vor dem Verkauf zu verändern.“
Élise blickte aus dem Fenster.
Sie hatte geglaubt, Vincent habe sich langsam von ihr entfernt, weil er sich in seinem Erfolg verloren hatte.
Vielleicht war es schlimmer.
Vielleicht hatte er längst begonnen, sie aus dem Unternehmen zu entfernen, während er weiterhin von ihrer Arbeit profitierte.
„Ich möchte eine vollständige Prüfung“, sagte sie.
„Dann werden wir sie veranlassen.“
„Und ich will, dass das Hotel in Bordeaux sicher fertiggestellt wird.“
Isabelle nickte.
„Das können wir getrennt von deinem privaten Konflikt verfolgen. Du kannst eine fachlich korrekte Lösung unterstützen, ohne auf deine Rechte zu verzichten.“
Zum ersten Mal an diesem Tag spürte Élise Erleichterung.
Sie musste nicht zwischen Selbstachtung und Verantwortung wählen.
Sie konnte beides behalten.
Zwei Tage später wurde Vincent in das Büro des Verwaltungsrats einbestellt.
Dort warteten drei Mitglieder des Gremiums, der externe Wirtschaftsprüfer und die Unternehmensjuristin.
Auf dem Tisch lagen Kopien der E-Mails, der Umstrukturierungsentwurf und der Bericht über die Fensterkonstruktion.
Vincent setzte sich.
„Was soll das?“
Der Vorsitzende des Verwaltungsrats faltete die Hände.
„Wir haben Fragen zu den Änderungen an der Beteiligungsstruktur, zur Dokumentation der technischen Freigabe und zu den Zahlungen im Zusammenhang mit dem Bordeaux-Projekt.“
Vincent sah die Unterlagen durch.
„Die Umstrukturierung war ein Entwurf.“
„Warum wurde er erstellt?“
„Wir prüfen regelmäßig verschiedene Finanzierungsmodelle.“
Der Wirtschaftsprüfer schob ein weiteres Blatt über den Tisch.
„Dann erklären Sie bitte diese Zahlung an eine Beratungsfirma, die Camille Roussel zugeordnet ist.“
Vincent hielt inne.
„Welche Zahlung?“
„Eine erfolgsabhängige Vergütung, die bei Abschluss der Transaktion fällig geworden wäre.“
„Camille hatte einen Kommunikationsvertrag.“
„Der Vertrag sieht keine solche Vergütung vor.“
Vincent blätterte durch die Unterlagen.
Er wusste nichts von dieser Klausel.
Oder zumindest glaubte er, nichts davon zu wissen.
Die Zahlung war nicht hoch genug, um den Verkauf allein zu erklären. Doch sie war groß genug, um Fragen aufzuwerfen.
„Ich habe diese Vereinbarung nicht genehmigt“, sagte er.
Die Unternehmensjuristin sah ihn an.
„Dann müssen wir feststellen, wer sie genehmigt hat.“
Vincent spürte, wie sich die Situation gegen ihn wandte.
Er hatte Camille Zugang zu vertraulichen Informationen gewährt. Er hatte Élises Einwände ignoriert. Er hatte die geplante Umstrukturierung nicht ausreichend kontrolliert.
Selbst wenn er nicht jede Einzelheit kannte, war er der Vorstandsvorsitzende.
Die Verantwortung ließ sich nicht einfach auf andere abschieben.
Der Vorsitzende des Verwaltungsrats schloss die Mappe.
„Bis die Prüfung abgeschlossen ist, werden die Änderungen an der Holdingstruktur ausgesetzt. Das Bordeaux-Projekt bleibt unter unabhängiger technischer Kontrolle. Außerdem werden wir Frau Fournier offiziell in alle Entscheidungen einbeziehen, die ihre vertraglichen Rechte betreffen.“
Vincent nickte mechanisch.
Als er das Gebäude verließ, wartete bereits ein Reporter am Eingang.
„Monsieur Delaunay! Stimmt es, dass Ihre Frau das Bordeaux-Projekt gestoppt hat?“
Vincent ging weiter, ohne zu antworten.
Er wollte Élise anrufen.
Doch diesmal wusste er nicht, was er ihr sagen sollte.
Eine Woche später trafen sich Vincent und Élise in einem kleinen Café in Saint-Cloud.
Sie hatte dem Treffen nur zugestimmt, weil ihre Anwältin ihr geraten hatte, offene Fragen direkt zu klären und alle geschäftlichen Absprachen schriftlich festzuhalten.
Vincent kam zehn Minuten zu früh.
Als Élise eintrat, stand er auf.
„Danke, dass du gekommen bist.“
Sie setzte sich.
„Ich habe eine Stunde.“
Er nickte.
„Ich weiß, dass ich vieles falsch gemacht habe.“
Élise schwieg.
„Ich habe mich an den Erfolg gewöhnt. An die Interviews, die Verträge, die Anerkennung. Ich habe irgendwann angefangen, so zu tun, als wäre alles meine Leistung.“
„Du hast nicht nur so getan. Du hast es öffentlich so dargestellt.“
Vincent senkte den Blick.
„Ja.“
Er nahm einen tiefen Atemzug.
„Ich werde die technischen Unterlagen korrigieren lassen. Und ich werde dafür sorgen, dass deine Beteiligung in allen relevanten Dokumenten korrekt dargestellt wird.“
„Du wirst nicht dafür sorgen, dass ich meine Rechte bekomme. Du wirst anerkennen, dass sie mir bereits zustehen.“
Er nickte langsam.
„Du hast recht.“
Es war das erste Mal seit Langem, dass er diesen Satz sagte, ohne sofort eine Erklärung anzuhängen.
„Und was ist mit uns?“, fragte er.
Élise sah ihn lange an.
„Ich weiß es nicht.“
Vincent schien diese Antwort schwerer zu treffen als jede Anschuldigung.
„Ich liebe dich.“
„Vielleicht liebst du die Frau, die mit dir die alte Fabrik gerettet hat. Die Frau, die dir geholfen hat, dein Unternehmen aufzubauen. Die Frau, die immer eine Lösung gefunden hat.“
„Du bist diese Frau.“
„Ja. Aber ich bin auch die Frau, die du übergangen hast. Die du bei Besprechungen zum Schweigen bringen wolltest. Die du hast glauben lassen, ihre fachliche Integrität sei ein Hindernis für deinen Erfolg.“
Vincent blickte auf seine Hände.
„Was muss ich tun?“
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