Und zum ersten Mal verstand er, dass Élise nicht einfach seine Frau gewesen war.

Sie war eine der Personen, die sein Unternehmen überhaupt erst möglich gemacht hatten.

Um 10:23 Uhr rief Vincent sie erneut an.

Diesmal nahm Élise ab.

„Was willst du?“

„Du hast den Fonds kontaktiert.“

„Ich habe die zuständigen Stellen über offene technische Fragen informiert.“

„Du weißt genau, was das für das Unternehmen bedeutet!“

„Ja. Ich weiß auch, was passieren kann, wenn wir ein historisches Gebäude mit einer Konstruktion übergeben, die wir nicht ausreichend geprüft haben.“

„Wir hätten das intern regeln können.“

Élise schloss die Augen.

„Ich habe es intern geregelt. Mehrfach. Du hast mich ignoriert.“

„Es geht um einen Vertrag über Dutzende Millionen Euro!“

„Und es geht um ein Gebäude, das nicht uns allein gehört. Es gehört auch den Menschen, die es erhalten haben wollen, und den Generationen, die nach uns kommen.“

Vincent schwieg kurz.

Dann wechselte er den Ton.

„Komm nach Hause. Wir reden. Ich werde Camille sagen, dass sie sich aus unseren privaten Angelegenheiten heraushalten soll.“

Élise lachte leise.

„Du glaubst immer noch, dass das Problem Camille ist.“

„Was soll das sonst sein?“

„Das Problem ist, dass du mich erst dann ernst nimmst, wenn du etwas von mir brauchst.“

„Das stimmt nicht.“

„Als wir die Fabrik in Lyon restaurierten, hast du mich auf die Bühne geholt, weil du wusstest, dass ich das Projekt gerettet hatte. Später hast du in jedem Interview von deiner Vision gesprochen. In Bordeaux hast du mich übergangen, obwohl du wusstest, dass die Fenster nicht meinen Vorgaben entsprachen. Und gestern Abend hast du zugelassen, dass eine andere Frau den Schmuck meiner Großmutter trägt.“

Vincent atmete hörbar aus.

„Das mit der Kette war dumm.“

„Nein“, sagte Élise. „Dumm war, dass du glaubtest, du könntest mir danach erklären, ich hätte die Situation falsch verstanden.“

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Du hast eine Entscheidung getroffen. Mehrere sogar. Und jetzt gefällt dir nur das Ergebnis nicht.“

Sie beendete das Gespräch.

Vincent starrte auf sein Telefon.

Neben ihm stand Camille.

„Was hast du ihr gesagt?“, fragte sie.

Er hob langsam den Kopf.

„Warum trägst du die Kette meiner Frau?“

Camille wich seinem Blick aus.

„Du hast gesagt, sie würde dir ohnehin nicht mehr viel bedeuten.“

„Ich habe gesagt, dass wir uns voneinander entfernen.“

„Du hast sie mir gegeben.“

Vincent erinnerte sich an den Vorabend. Er hatte Camille das Schmuckstück nicht einfach überlassen. Er hatte ihr zugesehen, wie sie es anlegte, und nichts dagegen gesagt.

Er hatte sich eingeredet, Élise würde es irgendwann akzeptieren.

Jetzt wusste er, wie feige dieser Gedanke gewesen war.

„Pack deine Sachen“, sagte er.

Camille starrte ihn an.

„Was?“

„Du wirst nicht länger für die Unternehmensgruppe arbeiten, bis wir die Situation unabhängig geprüft haben.“

„Du kannst mich nicht einfach entlassen!“

„Das habe ich nicht gesagt. Aber ich kann dafür sorgen, dass du keinen Zugang mehr zu den laufenden Vertragsverhandlungen hast, während geprüft wird, ob du deine Position missbraucht hast.“

Camille wurde blass.

„Du wirst es bereuen.“

Sie nahm ihre Tasche und verließ den Raum.

Vincent blieb allein zurück.

Er hatte geglaubt, mit dem Ende seiner Ehe würde er nur eine private Krise erleben.

Stattdessen begann sein ganzes sorgfältig aufgebautes Leben auseinanderzufallen.

Am Nachmittag traf Élise ihre Anwältin, Maître Isabelle Moreau, in deren Büro im Westen von Paris.

Isabelle hatte den ursprünglichen Gesellschaftsvertrag geprüft und die Unterlagen zur Restaurierung von Lyon mitgebracht.

„Du solltest nicht überstürzt handeln“, sagte sie. „Du besitzt 35 Prozent der Holding, aber wir müssen genau unterscheiden, welche Rechte sich aus dem Gesellschaftsvertrag ergeben und welche aus deiner technischen Vereinbarung.“

Élise nickte.

„Ich will Vincent nicht ruinieren.“

„Das ist gut. Aber du musst auch nicht auf deine Rechte verzichten, nur um zu beweisen, dass du keine Rache willst.“

Isabelle legte mehrere Dokumente nebeneinander.

„Es gibt noch etwas. Die Vereinbarung über deine Beteiligung wurde nie vollständig in die internen Unterlagen übernommen, die der Fonds erhalten hat.“

Élise runzelte die Stirn.

„Was bedeutet das?“

„Nicht, dass deine Beteiligung automatisch unwirksam wäre. Aber es bedeutet, dass die Dokumentation unvollständig ist. Wir müssen klären, wer dafür verantwortlich war und ob die fehlenden Angaben bewusst zurückgehalten wurden.“

Élise betrachtete die Papiere.

„Vincent wusste davon.“

„Hast du einen Beweis?“

„Ich habe eine E-Mail von ihm. Vor sechs Monaten habe ich ihn gefragt, warum mein Anteil in einer Präsentation nur als beratende Beteiligung beschrieben wurde. Er schrieb, die juristische Abteilung werde das korrigieren.“

Isabelle streckte die Hand aus.

„Dann brauchen wir diese E-Mail im Original, einschließlich der Anlagen und des Datums.“

Élise öffnete ihren Computer und fand die Nachricht.

Darunter befand sich eine weitere E-Mail, die sie damals übersehen hatte. Sie war von der Finanzabteilung gekommen und an Vincent, Camille und zwei Mitglieder des Verwaltungsrats gerichtet gewesen.

Der Betreff lautete:

„Umstrukturierung vor Abschluss der Bordeaux-Transaktion“

Élise öffnete die Anlage.

Es war ein Entwurf für eine neue Holdingstruktur.