„Meine Großmutter hat mir oft von einer Elisabeth erzählt.“
Für einen Moment schien die Zeit im Raum stillzustehen.
Viktor ging zu einem alten Schrank und zog eine Schublade auf.
Darin lagen mehrere Fotoalben, Dokumente und Briefe, die er seit Jahrzehnten nicht mehr angesehen hatte.
Er suchte eine Weile, bis er einen kleinen braunen Umschlag fand.
„Meine Mutter hat mir diesen Umschlag kurz vor ihrem Tod gegeben“, erklärte er. „Sie sagte, ich solle ihn erst öffnen, wenn ich bereit wäre, mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.“
„Haben Sie ihn nie geöffnet?“
„Ich dachte, ich hätte dafür keine Zeit.“
Er legte den Umschlag auf den Tisch.
Seine Hände zitterten leicht.
Darin befanden sich mehrere Briefe und eine alte Fotografie.
Auf dem Foto standen zwei junge Frauen vor einer Schneiderei.
Eine davon war Elisabeth.
Die andere war eine Frau, die Klara sofort erkannte.
„Das ist meine Großmutter!“
Viktor starrte das Bild an.
Unter dem Foto stand:
Elisabeth und Anna – 1968.
Klara setzte sich langsam.
„Meine Großmutter hat diese Geschichte nie vollständig erzählt.“
Viktor öffnete den ersten Brief.
Er begann zu lesen.
„Meine liebe Anna,
ich weiß nicht, wie ich dir jemals danken soll. Als Viktor noch klein war, hätte ich ohne deine Hilfe nicht gewusst, wie ich uns beide durch den Winter bringen sollte.
Du hast mir Arbeit gegeben, obwohl du selbst kaum genug verdient hast.
Du hast meinem Sohn einen Wintermantel genäht, als ich mir keinen leisten konnte.
Ich hoffe, dass er eines Tages versteht, dass Menschen wie du mehr wert sind als all die Dinge, die man mit Geld kaufen kann.
In Dankbarkeit,
Elisabeth.“
Viktor hielt inne.
Er las den Brief ein zweites Mal.
Dann öffnete er den nächsten.
Dieser war länger.
Seine Mutter erzählte darin, dass Anna ihr damals geholfen hatte, eine schwierige Zeit zu überstehen. Als Elisabeth krank geworden war, hatte Anna regelmäßig nach Viktor gesehen und ihm manchmal Essen gebracht.
Doch es gab noch einen weiteren Satz:
„Wenn mein Sohn eines Tages erfolgreich wird, hoffe ich, dass er sich daran erinnert, dass nicht jeder Mensch, der ihn unterstützt hat, etwas dafür zurückverlangt hat.“
Viktor legte den Brief auf den Tisch.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Deine Großmutter hat meiner Mutter geholfen“, sagte er leise.
Klara nickte.
„Sie hat nie viel darüber gesprochen. Sie sagte nur, dass man Menschen nicht vergisst, die einem in schweren Zeiten geholfen haben.“
Viktor blickte erneut auf die Fotografie.
„Und ich habe nicht einmal gewusst, dass sie noch lebt.“
Klara senkte den Kopf.
„Sie ist sehr alt geworden. Aber sie erinnert sich noch an Elisabeth.“
Viktor stand auf und ging zum Fenster.
Lange sagte er nichts.
Dann drehte er sich um.
„Klara, wie geht es deiner Großmutter?“
Sie zögerte.
„Nicht besonders gut. Sie ist schwach geworden. Und manchmal fehlt uns das Geld für ihre Medikamente.“
Viktor schloss kurz die Augen.
Er dachte an den Abend zuvor.
An die junge Frau, die ihn um übrig gebliebenes Essen gebeten hatte.
Und an sich selbst, wie er vor seinen Gästen gesessen und sich über seinen Reichtum gefreut hatte.
Er hatte Millionen für ein Gemälde ausgegeben, das nicht einmal die Wahrheit über sein eigenes Gesicht zeigen konnte.
Während eine junge Frau vor ihm gestanden hatte, deren Großmutter seiner Mutter einst geholfen hatte – und die nicht einmal genug zu essen für zu Hause hatte.
„Warum hast du mir das gestern nicht erzählt?“, fragte er.
Klara sah ihn ruhig an.
„Weil ich Sie nicht um etwas bitten wollte, das Sie mir nicht freiwillig geben möchten.“
Viktor schwieg.
Dann sagte er:
„Ich möchte deine Großmutter kennenlernen.“
Am folgenden Nachmittag fuhr Viktor gemeinsam mit Klara zu ihrer Wohnung.
Es war ein kleines Haus am Rand der Stadt. Die Farbe an den Wänden blätterte ab, und im Flur stand ein alter Schuhschrank.
Klara öffnete die Tür.
„Oma? Ich bin zu Hause.“
Eine schwache Stimme antwortete aus dem Wohnzimmer.
„Komm herein, mein Kind.“
Die alte Frau saß in einem Sessel am Fenster.
Als sie Viktor sah, veränderte sich ihr Gesicht.
Sie betrachtete ihn lange.
Dann flüsterte sie:
„Elisabeths Junge?“
Viktor blieb wie angewurzelt stehen.
„Sie erinnern sich an mich?“
Anna lächelte schwach.
„Natürlich. Du hattest damals immer eine viel zu große Jacke an. Deine Mutter musste sie dir zweimal umnähen.“
Viktor ging langsam zu ihr.
Er nahm ihre Hand.
„Meine Mutter hat mir Ihre Briefe hinterlassen.“
Anna schloss die Augen.
„Dann hat sie mich nicht vergessen.“
„Nein“, sagte Viktor. „Sie hat Sie nie vergessen.“
Er setzte sich neben sie und erzählte von dem Foto, den Briefen und dem Porträt.
Anna hörte aufmerksam zu.
Als Viktor schließlich sagte, dass Klara für ihn ein neues Bild malen würde, lächelte sie.
„Sie hat schon als kleines Mädchen gezeichnet“, sagte Anna stolz. „Sie konnte stundenlang vor einem Blatt Papier sitzen.“
Klara wurde rot.
„Oma …“
„Was denn? Es ist wahr.“
Viktor sah Klara an.
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