“Kann ich das Essen mitnehmen?”

Viktor nickte stumm.

Als das Mädchen jedoch gehen wollte, hielt er sie plötzlich auf:

– Warten.

Klara drehte sich um.

Viktor betrachtete seine Zeichnung erneut.

— Was wäre, wenn ich Sie bitten würde, mein nächstes Porträt anzufertigen?

Diesmal lachte keiner der Gäste.

Denn zu diesem Zeitpunkt hatte es jeder verstanden:

Die wertvollste Errungenschaft des Abends war vielleicht nicht das Porträt, für das Viktor Millionen bezahlt hatte.

Viktor stand noch immer vor Klara und betrachtete die Bleistiftzeichnung.

Zum ersten Mal seit Jahren wusste er nicht, was er sagen sollte.

Die Gäste, die zuvor noch gelacht hatten, waren plötzlich ungewöhnlich still. Einige betrachteten das Porträt, andere beobachteten Klara.

„Ich habe dich etwas gefragt“, sagte Viktor schließlich. „Würdest du mein nächstes Porträt malen?“

Klara blickte auf ihre Hände.

„Ich weiß nicht, ob Sie das wirklich ernst meinen.“

„Warum sollte ich scherzen?“

„Weil Sie mich vor zehn Minuten noch ausgelacht haben.“

Viktor senkte den Blick.

Dieser Satz traf ihn härter, als er erwartet hatte.

Er räusperte sich.

„Du hast recht. Das war nicht in Ordnung.“

Einige Gäste wechselten überraschte Blicke. Viktor war nicht gerade dafür bekannt, sich zu entschuldigen.

Dann deutete er auf die Zeichnung.

„Was verlangst du dafür?“

Klara antwortete nicht sofort.

„Zunächst möchte ich das Essen für meine Großmutter mitnehmen. Sie wartet zu Hause.“

Viktor nickte.

„Natürlich. Und danach sprechen wir über deine Arbeit.“

Er ließ einen Mitarbeiter mehrere Behälter mit dem übrig gebliebenen Essen füllen. Außerdem bat er darum, Klara ein Taxi zu bestellen.

Doch als sie sich verabschiedete, sagte er noch etwas:

„Klara, morgen um zehn Uhr. Komm bitte nicht als Reinigungskraft. Komm als Künstlerin.“

Sie sah ihn ungläubig an.

„Und wenn Ihnen meine Arbeit nicht gefällt?“

Viktor betrachtete das Blatt Papier.

„Dann werde ich wenigstens wissen, dass ich jemandem eine faire Chance gegeben habe.“

Am nächsten Morgen erschien Klara pünktlich.

Sie trug eine schlichte schwarze Hose, eine weiße Bluse und hatte eine alte Zeichenmappe unter dem Arm.

Viktor erwartete sie bereits in seinem Arbeitszimmer.

Auf einem großen Tisch lagen Papier, Bleistifte, Kohle und verschiedene Pinsel.

„Das ist alles für dich“, sagte er.

Klara betrachtete die Materialien.

„Das ist mehr, als ich seit Jahren in den Händen gehalten habe.“

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren.“

Viktor setzte sich in einen Sessel vor dem Fenster.

„Ich möchte ein neues Porträt. Aber diesmal soll es nicht aussehen wie das alte.“

Klara nahm ihren Bleistift.

„Was soll anders sein?“

Viktor überlegte.

„Ich möchte, dass es zeigt, wer ich wirklich bin.“

Klara sah ihn einige Sekunden lang an.

Dann stellte sie eine Frage, die ihn überraschte.

„Wissen Sie das selbst?“

Viktor runzelte die Stirn.

„Natürlich.“

„Dann erzählen Sie mir etwas über sich, das nicht in Ihrer Firmenbiografie steht.“

Er lachte kurz.

„Du stellst ziemlich persönliche Fragen.“

„Ein Porträt zeigt nicht nur ein Gesicht. Zumindest sollte es das nicht.“

Viktor schwieg.

Dann begann er zu erzählen.

Von seiner Kindheit in einer kleinen Wohnung. Von seinem Vater, der früh gestorben war. Von seiner Mutter, die zwei Jobs gleichzeitig hatte, damit er eine gute Ausbildung bekommen konnte.

Er erzählte, wie er mit wenig Geld angefangen hatte und wie sein Unternehmen schließlich zu einem großen Konzern geworden war.

Klara hörte aufmerksam zu.

„Und Ihre Mutter?“, fragte sie.

Viktors Gesicht veränderte sich.

„Sie ist vor vielen Jahren gestorben.“

„Hatten Sie ein gutes Verhältnis?“

Er blickte aus dem Fenster.

„Sie wollte nie, dass ich so viel arbeite. Sie sagte immer, Geld könne einem viele Türen öffnen, aber nicht unbedingt ein Zuhause geben.“

Klara lächelte leicht.

„Das klingt nach einer klugen Frau.“

„Das war sie.“

Dann fiel sein Blick auf eine kleine Fotografie auf dem Schreibtisch.

Sie zeigte eine ältere Frau in einem einfachen Kleid. Sie lächelte in die Kamera und hielt einen kleinen Blumenstrauß in der Hand.

Klara bemerkte das Foto.

„Ist das Ihre Mutter?“

Viktor nickte.

„Das einzige Bild, das ich immer auf meinem Schreibtisch stehen habe.“

Klara betrachtete es genauer.

Dann wurde sie plötzlich still.

„Was ist?“, fragte Viktor.

Sie trat näher an das Foto heran.

„Darf ich es kurz ansehen?“

Er reichte es ihr.

Klara drehte das Bild um.

Auf der Rückseite stand in verblasster Handschrift:

Für Viktor. Vergiss niemals, woher du kommst. Mama.

Klara strich vorsichtig mit dem Finger über die Schrift.

„Ich glaube, ich kenne diese Handschrift.“

Viktor hob den Kopf.

„Was hast du gesagt?“

„Meine Großmutter hatte ein altes Foto mit genau dieser Schrift auf der Rückseite.“

Viktor stand auf.

„Deine Großmutter?“

Klara nickte.

„Sie hat früher in einer kleinen Schneiderei gearbeitet. Sie kannte viele Menschen. Manchmal erzählte sie von einer Frau, die ihr geholfen hatte, als sie jung war.“

Viktor betrachtete sie aufmerksam.

„Wie hieß deine Großmutter?“

„Anna.“

Er wiederholte den Namen leise.

„Anna?“

„Ja. Warum?“

Viktor setzte sich langsam wieder hin.

Sein Gesicht war plötzlich blass geworden.

„Meine Mutter hieß Elisabeth.“

Klara sah ihn überrascht an.