„Weil ich dachte, er wolle einfach wieder ins Geschäft einsteigen. Als ich ablehnte, sagte er etwas Merkwürdiges.“
„Was?“
Elena sah ihr direkt in die Augen.
„Er sagte, manche Menschen sollten dankbar sein, dass man ihnen überhaupt noch eine Chance gibt.“
Sofia setzte sich langsam.
Zum ersten Mal seit Monaten hatte sie das Gefühl, dass ihre Vergangenheit nicht hinter ihr lag. Sie wartete auf sie.
***
Maxim bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Sofia sprach während des Unterrichts kaum und verließ am Abend als Letzte die Akademie. Als Maxim sie auf dem Flur einholte, hielt sie ihm das Foto hin.
Er betrachtete es lange.
„Viktor Stanev“, sagte er schließlich. „Ich kenne diesen Namen.“
„Woher?“
„Mein Vater war früher Buchhalter bei einer Veranstaltungsagentur. Er hat mir einmal erzählt, dass nach dem Brand in Plovdiv wichtige Unterlagen verschwunden sind. Es ging um die Sicherheitskontrollen des Gebäudes.“
Sofia wurde blass.
„Welche Unterlagen?“
„Prüfberichte. Genehmigungen. Vielleicht auch die Liste der Personen, die Zugang zu den Räumen hatten.“
Maxim zögerte.
„Mein Vater hat damals gekündigt. Er sagte, jemand habe ihn aufgefordert, einen Bericht zu verändern. Er wollte nicht darüber sprechen.“
Sofia stand auf.
„Dann müssen wir ihn finden.“
***
Zwei Tage später saßen sie im kleinen Wohnzimmer von Maxims Vater.
Der ältere Mann hörte sich ihre Geschichte an, ohne sie zu unterbrechen. Als Sofia das Foto auf den Tisch legte, schloss er für einen Moment die Augen.
„Ich hatte gehofft, dass dieser Tag niemals kommen würde“, sagte er.
Er stand auf, ging zu einem alten Schrank und holte eine Mappe hervor.
Darin befanden sich Kopien von Dokumenten aus jener Zeit. Einige Seiten waren vergilbt, andere trugen handschriftliche Anmerkungen.
Maxim blätterte vorsichtig darin.
Dann blieb er plötzlich stehen.
„Hier steht, dass die Tür zum Vorbereitungsraum vor der Veranstaltung repariert worden war.“
Sofia beugte sich über das Blatt.
Neben dem Eintrag befand sich eine Unterschrift.
**Viktor Stanev.**
Doch das war nicht alles.
Auf der nächsten Seite stand, dass ein Mitarbeiter die Tür nach der Reparatur erneut geprüft hatte. Seine Unterschrift war unleserlich, aber daneben befand sich eine Personalnummer.
Maxims Vater deutete auf eine Notiz am unteren Rand.
„Dieser Mann arbeitete damals für die Sicherheitsfirma. Ich erinnere mich an ihn. Er hieß Petar Iliev.“
„Lebt er noch?“, fragte Sofia.
„Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er kurz nach dem Brand nach Deutschland gezogen ist.“
Sofia schwieg.
Jahrelang hatte sie versucht, die Vergangenheit zu vergessen. Jetzt hielt sie zum ersten Mal etwas in den Händen, das ihr helfen konnte, die Wahrheit herauszufinden.
Doch sie wusste auch, dass ein alter Bericht noch kein Beweis für ein Verbrechen war.
Sie mussten herausfinden, was tatsächlich geschehen war.
***
Am nächsten Morgen wartete eine Überraschung auf sie.
Als Sofia die Akademie betrat, standen mehrere Mitarbeiter vor dem Empfang. Elena telefonierte aufgeregt, während Svetla Dokumente auf dem Tresen sortierte.
„Was ist passiert?“, fragte Sofia.
Elena legte auf.
„Viktor hat eine Beschwerde gegen unsere Akademie eingereicht. Er behauptet, du hättest bei deiner Bewerbung wichtige Informationen verschwiegen und würdest wegen deiner Verletzungen eine Gefahr für unsere Kunden darstellen.“
Sofia konnte kaum glauben, was sie hörte.
„Eine Gefahr? Ich unterrichte Make-up.“
„Ich weiß“, sagte Elena entschieden. „Und wir werden uns dagegen wehren.“
In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür.
Ein elegant gekleideter Mann trat ein. Er war älter geworden, doch Sofia erkannte ihn sofort.
Viktor Stanev.
Er lächelte, als wäre er zu einem gewöhnlichen Geschäftstermin erschienen.
„Frau Dimova“, sagte er höflich. „Es freut mich, dass Sie sich erholt haben.“
Sofia erwiderte seinen Blick.
„Was wollen Sie?“
Viktor wandte sich an Elena.
„Ich bin gekommen, um eine Lösung anzubieten. Wenn die Akademie meine Beteiligung akzeptiert, ziehe ich die Beschwerde zurück. Außerdem bin ich bereit, Frau Dimova finanziell zu unterstützen.“
„Ich brauche Ihr Geld nicht“, antwortete Sofia.
Sein Lächeln verschwand für einen Sekundenbruchteil.
„Überlegen Sie gut. Es gibt Dinge aus der Vergangenheit, die besser dort bleiben sollten.“
Maxim trat neben Sofia.
„Ist das eine Drohung?“
„Natürlich nicht“, sagte Viktor. „Ich möchte lediglich verhindern, dass ein altes Unglück das Leben so vieler Menschen erneut belastet.“
Sofia nahm das Foto aus ihrer Tasche und legte es vor ihn auf den Tresen.
„Dann erklären Sie mir bitte, warum Sie mir dieses Bild geschickt haben.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen verlor Viktor seine Fassung.
Er sah das Foto an, dann Sofia.
„Ich habe Ihnen nichts geschickt.“
„Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn wir die Polizei bitten, herauszufinden, wer es getan hat.“
Viktor schwieg.
Elena hatte bereits ihr Telefon in der Hand.
Schließlich strich er seine Jacke glatt und ging zur Tür.
Doch bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um.
„Sie glauben, die Wahrheit wird Ihnen helfen“, sagte er leise. „Manchmal zerstört sie nur das, was man sich mühsam wieder aufgebaut hat.“
Sofia antwortete nicht.
Sie wartete, bis die Tür hinter ihm geschlossen war.
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